Theater am Potsdamer Platz : "Der größte Schwanensee der Welt" in Berlin

Choreograf Derek Deane hat den größten „Schwanensee“ der Welt inszeniert. Im Dezember ist das Stück im Theater am Potsdamer Platz zu sehen.

Mein lieber Schwan. 48 statt 16 Tänzer stehen in Derek Deanes Neuinszenierung auf der Bühne.
Mein lieber Schwan. 48 statt 16 Tänzer stehen in Derek Deanes Neuinszenierung auf der Bühne.Foto: Stardust Theatre BV

„Schwanensee XXL“, das bedeutet, statt 16 Schwänen tanzen dreimal so viele über die Bühne, insgesamt 48. Der britische Choreograf Derek Deane hat diese außergewöhnliche Inszenierung mit dem Shanghai Ballett verwirklicht. Im Dezember wird sie im Theater am Potsdamer Platz zu sehen sein. Er will das Publikum nicht nur in eine physisch außergewöhnliche Welt entführen, sondern auch auf eine emotionale Reise mitnehmen. „Das kommt wie ein Tsunami über das Publikum. Ich liebe es, im Zuschauerraum zu sitzen und zu spüren, wie die Menschen den Atem anhalten.“ Seit vielen Jahre arbeitet er mit den chinesischen Tänzern zusammen, hat deren künstlerischen Horizont von den russischen Einflüssen in Richtung europäischen, britischen Tanzstil erweitert. Und fragt sich immer noch, was es bedeutet, dass er dahin gekommen ist, wo er jetzt steht.

Er war kein leises Kind. Wollte Aufmerksamkeit erregen. Unterhalten. Aber nie wäre ihm der Gedanke gekommen, Tänzer zu werden. Schauspieler, das schon eher. Es entsprach ja seinem Talent, sich vor anderen zu produzieren. Aufgewachsen ist Derek Deane in einer Familie, die immer viel umziehen musste, weil der Vater bei der Royal Air Force war. Im Rückblick hat er nie so viel Förderung und Ermutigung erfahren, wie er es sich gewünscht hätte. Bis zu seinem 16. Lebensjahr. Auf dem Weg zur Schauspielkarriere buchte er Tanzstunden. Der Lehrerin wird er immer dankbar sein, sagt er, denn sie erkannte auf Anhieb sein großes Talent. Wofür sie mit anderen Schülern Monate trainieren musste, lernte er in vier Wochen. Dazu kam der perfekte Körperbau, die Füße, die Form der Beine, die Größe.

Die Belohnung für den Schmerz

Nie habe er Tänzer werden wollen, erinnert er sich. Für die Schauspielschulen, die ihn auf Anhieb genommen hätten, konnte er keine Stipendien bekommen. Für die Royal Ballett School schon. Und da begann sein steiler Aufstieg in dem Beruf, von dem er nie geträumt hatte. Rasch bekam er einen Vertrag beim Royal Ballett, wurde Solist, dann erster Tänzer. Und blieb dort 23 Jahre lang bis zum Ende seiner Tanzkarriere. In dieser Zeit bekam er all das Lob, all die Ermutigung, all den Ruhm und all die Ehre, die er als Kind immer vermisst hatte. Das entschädigte ihn reichlich für die extrem harte Arbeit, die das Tänzerleben mit sich bringt, den Schmerz, die Erschöpfung. Er wollte gut sein in dem, was er machte – und er war es. Trotzdem gab er sich keinen Illusionen hin. Schon während er noch tanzte, bereitete er sich auf das Leben nach der Karriere vor. Er lehrte, coachte, choreografierte. So war der nahtlose Anschluss zu seiner zweiten Karriere als Choreograf und künstlerischer Direktor des English National Ballett gewährleistet.

Schon als Tänzer hatte er es genossen, plötzlich mit Berühmtheiten in Kontakt zu kommen. Die Queen, obwohl sie eigentlich mehr an der Natur interessiert ist, stellte immer interessierte, auch tiefgreifende Fragen. Mit ihrer Schwester Prinzessin Margaret freundete er sich sogar an, weil sie so eine große Ballett-Begeisterte war. Auch Prinzessin Diana, die selber gern Tänzerin geworden wäre, wurde zu einer Freundin. Als Schirmherrin seines English National Balletts nahm sie viel an Proben teil, kam immer wieder zum Mittagessen oder zu besonderen Events oder saß manchmal auch einfach nur auf dem Boden und plauderte mit den Tänzern – eine interessierte Gesprächspartnerin für die choreografischen Besonderheiten, die er sich einfallen ließ.

Welche Kraft hat in vorangetrieben?

Inzwischen ist Derek Deane 65 Jahre alt, arbeitet nur noch sieben bis acht Monate im Jahr. Am liebsten ist er in seinem Haus in Südfrankreich, hoch in den Bergen, weit weg von allem. Der Briefkasten ist fünf Kilometer entfernt, die nächste Stadt 25 Kilometer. Dort hält er Schafe und Ziegen, arbeitet im Garten und geht seiner zweiten Leidenschaft nach, dem Kochen. Er liebt es, Freunde zum Abendessen zu bewirten. An das Ballett erinnern nur die Gegenstände in einem einzigen Zimmer. In der Regel ist das verschlossen. An diesem abgeschiedenen Ort sammelt er die kreative Kraft, um mit neuen, ungewöhnlichen Choreografien das Publikum der Zukunft einzufangen. Es gibt so viele schlechte Aufführungen von „Schwanensee“. Kostengründe verhindern heute oft gründliche, lang andauernde Proben, verhindern, dass die Tänzer sich in die Charaktere vertiefen, in die Musik. An den chinesischen Tänzern schätzt er die Disziplin, die Hingabe, den unbedingten Willen, wirklich alles zu geben. „Man findet das heute nicht mehr so oft in der Welt.“ Die Chinesen haben ihn verstanden, haben ihm Zeit gegeben, mit den Solisten ausführlich zu arbeiten. Zwar tanzt er selber längst nicht mehr, aber er demonstriert anderen bestimmte Schritte und Bewegungen.

Welche Kraft hat ihn vorangetrieben? Sollte das alles so sein? Während er diese Fragen stellt, spürt man das Glück, das sich einstellt, wenn ein Mensch die richtigen Förderer findet und also mit ganzer Kraft seiner ureigentlichen Berufung folgen kann.

„Der größte Schwanensee der Welt“, ab 1. 12. im Theater am Potsdamer Platz

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