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Was man den Kleinen bei Tisch noch durchgehen lässt, sorgt bei den Großen für kritische Blicke.
© Doris Spiekermann-Klaas

Kolumne: Fallstricke des Alltags: Tischsitten ändern sich

Was tun, wenn der Sprössling inzwischen groß ist und trotzdem noch keine Tischmanieren hat? Immer wieder sonntags gibt unsere Kolumnistin Rat.

Unsere Enkelin hat sich sehr gut entwickelt und macht jetzt ihr Abitur. Ihre Eltern haben sich alle Mühe gegeben – als Vorbilder und auch mit Ermahnungen. Aber am Tisch, beim Essen mag man dem Mädchen einfach nicht zusehen. Wie können wir ihr Verhalten verbessern?

Zunächst einmal prüfen Sie sich, ob Sie nicht zu streng sind. Die Tischsitten haben sich geändert. Manches ist lockerer geworden. Moden wie Finger Food oder Street Food haben die alten Zwänge, alles, also beispielsweise auch Schnittchen, mit Messer und Gabel zu essen, außer Kraft gesetzt.

Sehen Sie das bitte ähnlich wie in der Mode. Früher wäre man nie in einem schicken Hotel in künstlich zerrissener Jeans zum Dinner erschienen. Heute legt das unter Umständen ein gehobenes Maß von Coolness nahe. Auch die Globalisierung, die Selbstverständlichkeit, Sitten anderer Länder zu adaptieren, hat ihren Teil dazu beigetragen.

Wo man früher beide Hände auf den Tisch legte, kann es etwa nach einem längeren Aufenthalt an einer US-Highschool durchaus sein, dass Jugendliche gar nichts dabei finden, die rechte Hand in den Schoß zu legen, was guten amerikanischen Tischsitten durchaus entspricht. Auch der Zwang, den Teller leer zu essen, ist komplett überholt. Man isst so lange, bis man satt ist, dann ist Schluss.

Das Smartphone bleibt beim Essen in der Tasche

Lässiges Verhalten sollte man also durchaus tolerieren. Bei Dingen, die Sie wirklich vor den Kopf stoßen, sollten Sie freundlich intervenieren, auch im Hinblick auf die spätere Karriere im Berufsleben. Alles, was irgendwie unappetitlich wirkt auf andere, geht gar nicht. Da können Sie getrost mit angeekeltem Gesicht protestieren, damit es auch wirkt. Der korrekte Einsatz einer Serviette ist immer angezeigt.

Und natürlich bleibt das Smartphone beim Essen in der Tasche. Um einen Blick darauf zu rechtfertigen, müsste schon ein sehr schrilles Alarmsignal ertönen, das keinen Zweifel lässt, dass Gefahr im Verzuge ist. Berufen Sie sich am besten nicht auf alte Benimm-Regeln, sondern nur auf Ihre Gefühle beim Anblick der doch geliebten Enkelin. Was Ihnen persönlich widerwärtig vorkommt, geht gar nicht.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de

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