Der Fall Sarrazin ist kein Einzelfall.

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Umstrittene Lehrerin : Ursula Sarrazin, die Anklägerin
Ursula Sarrazin; fotografiert in ihrem Garten im Westend von Berlin-Charlottenburg.
Ursula Sarrazin; fotografiert in ihrem Garten im Westend von Berlin-Charlottenburg.Foto: Thilo Rückeis

Dabei sind fast alle Vorwürfe Alltag im Schulleben. Die Schulbehörde selbst hat das so formuliert: Der Fall Sarrazin sei kein Einzelfall. Pro Jahr gebe es mehr als 1000 Elternbeschwerden. Dieser Fall eskalierte, als Ursula Sarrazin öffentlich erklärt, das Mobbing gegen sie gehe allein von türkisch- und arabischstämmigen Eltern aus. Da war das Buch des Mannes mit den umstrittenen Thesen zu eben jenen Einwanderern schon erschienen. Wurde die brave Beamtin nicht auch als willkommene Kronzeugin pädagogischer Grabenkämpfer missbraucht?

Böse Lehrerin, gute Lehrerin – eine simple Frontstellung. Andererseits: Kann es wahr sein, dass eine Lehrerin ständig in die absurdesten Probleme verwickelt wird,und immer sind die anderen schuld?

Sie lacht, sie kennt die Frage schon: „Ich verstehe, dass man das nicht glauben kann. Aber es ist die Wahrheit.“

Wahrheit ist ein großer Begriff. Es fällt auf, wenn man das Buch liest und ihr zuhört, dass es immer ins Grundsätzliche geht. Sie selbst definiert Maßstäbe, die anderen müssen sich daran messen lassen. Beispielsweise schreibt sie: „ … ein Lehrer … ist eingebunden nicht nur in ein Geflecht von Vorschriften und Weisungen, sondern ist auch sehr auf das verständige Wohlwollen und die Sachkenntnis seiner Vorgesetzten angewiesen. Nur in einem solchen Rahmen kann er pädagogisch erfolgreich wirken.“

Aber diesen Rahmen hat Ursula Sarrazin in Berlin nie vorgefunden. Sagt sie.

Thilo Sarrazin, seine Frau, sein Buch:

Thilo Sarrazin, seine Frau und sein Buch
Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht beendet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 36Foto: dpa
21.01.2011 18:02Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht...

Und so handelt das Buch nur am Rande von den grundsätzlichen Problemen im Schulalltag, wobei die Ausführungen dazu spannend sind (siehe Kasten unten). Das Buch ist eine akribisch ausgearbeitete Verteidigungs- und Anklageschrift. Nichts soll hängen bleiben an ihr. Es wimmelt nur so von scharfen Vorwürfen und harten Urteilen über andere: Lehrer, Vorgesetzte, die Verwaltung, Berlin. Sie werden zu einer imaginären Struktur verwoben, die allein dazu diente, sie auszuschalten. Selbst wenn Ursula Sarrazin beteuert, dass sie das nicht behaupten wollte, der Eindruck bleibt.

Vielleicht ist das Grundproblem an der Auseinandersetzung die gegenseitige Überhöhung der Ereignisse. Jedenfalls lautet Sarrazins Kernaussage im Buch: „Die Willkür, die ich am eigenen Leibe erfahren habe, ist in den Strukturen dieser Verwaltung eher die Regel als die Ausnahme. Bekäme ich recht, würde das ganze schuldhafte Handeln von Führungskräften offenbar. So fürchtet man anscheinend, dass die Autorität dieser Verwaltung generell in Frage gestellt wird... Die Leidtragenden sind nicht nur die Lehrer, es sind vor allem die Kinder.“

Ursula Sarrazin hat in Bonn, Köln und Mainz unterrichtet, aber das Schulklima sei „nirgendwo so wirklichkeitsabgewandt und unehrlich“ wie in Berlin. Sie beklagt eine allgemeine „leistungsabgewandte Grundhaltung“. Immer wieder stößt sie sich daran, überall lauern Intrigen, falsche Beschuldigungen, Neid. Sie sieht andere Lehrer, die sich bei ihren Schülern „anbiedern“ und Eltern, die geheime Treffen abhalten.

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