Verkehrssünden der Botschafter in Berlin : Die rabiatesten Fahrer kommen aus Botswana

Diplomaten waren 2017 in mehr Verkehrsunfälle verwickelt. In zwei Drittel der Fälle begingen sie Unfallflucht. Insgesamt hätten die Botschaften rund 375.000 Euro bezahlen müssen.

Foto eines Pkw von der Botschaft von Mali. Das Land hat die Länderkennung 88.
Foto eines Pkw von der Botschaft von Mali. Das Land hat die Länderkennung 88.Foto: imago/photothek

Kein tödlicher Unfall regte Berlin im Jahr 2017 mehr auf als dieser: Im Juni riss ein Diplomat die Tür seines im Halteverbot geparkten Porsches auf. Ein Radfahrer fuhr hinein, stürzte, starb. Der Autofahrer bekam keine Strafe dafür: Weil er Diplomat ist.

2017 waren die Angehörigen des Diplomatischen Corps in 74 Verkehrsunfälle verwickelt, 14 mehr als im Jahr zuvor. Bei 26 dieser Unfälle (2016: 25) gab es Personenschäden. Erstmals seit Jahren wurde ein Mensch durch einen Diplomaten getötet, nämlich der Radfahrer. Sechs Menschen wurden schwer (3) und 19 leicht verletzt (25). Bei 47 Unfällen fuhren die Diplomaten davon, also bei zweidrittel aller Fälle. 2016 beging „nur“ die Hälfte der Diplomaten Unfallflucht.

Diese schlechten Zahlen teilte die Senatsinnenverwaltung jetzt dem CDU-Abgeordneten Peter Trapp mit. Seit 2005 fragt der Innenpolitiker die Verkehrssünden der Diplomaten jährlich ab. Eins ist gleich geblieben: Es droht keine Strafe, weder für einen getöteten Radfahrer noch für Parkverstöße.

Bußgeldbescheide dürfen nicht einmal an eine Botschaft zugestellt werden. „Diplomatische Immunität schließt jede inländische Strafverfolgung aus“, teilt der Senat mit. Das gilt für den Botschafter ebenso wie für den Pförtner. Unfallflucht wird ebenso wenig geahndet wie Alkohol am Steuer. Ein Diplomat darf sogar den Alkoholtest ablehnen, nur ausweisen muss er sich.

Bleiben nur die Knöllchen

Straftaten werden gar nicht statistisch erfasst – damit es keine diplomatischen Verwicklungen gibt. Um die Verkehrsmoral der gut 200 Botschaften zu bewerten, bleiben nur die Knöllchen. Der Senat macht sich sogar die Mühe und addiert die (fiktiven) Einnahmen der Ordnungswidrigkeiten, meist wegen Falschparkens oder zu hoher Geschwindigkeit: 2017 hätten die Botschaften 375.000 Euro für 22.903 Verwarnungsgelder überweisen müssen, wohlgemerkt: hätten.

Die Zahl der Knöllchen ist noch einmal leicht gestiegen, obwohl sich die Zahl der Botschaftsautos um acht Prozent auf 2.771 verringerte – offenbar müssen viele Länder sparen. Drei Länder haben kein Auto in Berlin: Tonga, Zentralafrikanische Republik und Papua-Neuguinea. Die meisten Autos haben die Botschaften der USA (263), Russlands (157) und Chinas (112). Das Kennzeichen beginnt bei Diplomaten mit einer 0, dann folgt die Länderkennung und zuletzt eine fortlaufende Nummer. Der Botschafter hat traditionell hinten die 1. Das Nummernschild des US-Botschafters sieht so aus: 0-17-1.

Platz eins: Botswana

Dem Tagesspiegel liegen auch die Zahlen der Bußgeldbescheide für die einzelnen Länder vor. Das Land mit den rabiatesten Fahrern ist demnach Botswana: Mit sieben Autos kassierte das afrikanische Land 535 Knöllchen, 76 pro Auto also. Auf Platz zwei liegt Pakistan mit 38 Knöllchen pro Auto, auf Platz drei Jemen mit 30.  Die USA stehen in dieser inoffiziellen Statistik nun super da mit nur 2,5 Knöllchen pro Auto.

Neu ist, dass Saudi-Arabien nicht mehr an der Spitze der offiziellen Sünderliste steht. Jährlich nannte die Innenverwaltung die zehn Länder mit den meisten Knöllchen. Fast immer seit 2005 war das arabische Land auf den ersten drei Plätzen, meist sogar an der Spitze. Der Grund für diese positive Entwicklung bleibt unklar. Der tödliche Unfall geschah im Juni. Es sei reine Spekulation, dass die Botschaft ihre Mitarbeiter zu besserem Verhalten verdonnert habe, hieß es.

Nach dem tödlichen Unfall in Neukölln hatte es einige diplomatische Verwicklungen gegeben. Saudi-Arabien hatte sich sogar öffentlich gemeldet, ein sehr seltener Schritt: „Im Namen der saudischen Botschaft möchten wir den Angehörigen des Verstorbenen unser tief empfundenes Beileid aussprechen.“ Die Familie bekam eine finanzielle Entschädigung.

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Einen Monat später musste der Diplomat Deutschland auf Druck des Auswärtigen Amtes verlassen. So hart war seit 2004 nicht mehr reagiert worden. Damals hatte der bulgarische Botschafter alkoholisiert einen Polizisten angefahren und verletzt. Der Fall war nur durch Zufall bekannt geworden – denn die Polizei hält Missetaten von Diplomaten geheim.

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