• Verschleppt in den Libanon: Berliner Mädchen zurück bei ihrer Mutter, Vater festgenommen

Verschleppt in den Libanon : Berliner Mädchen zurück bei ihrer Mutter, Vater festgenommen

Wenn ein Elternteil die Kinder ins Ausland entführt, ist der Staat oft machtlos. Mütter wie Jasmin F. sind auf sich gestellt. Eine Geschichte mit gutem Ende.

Julius Geiler
Mira und Yara sind wieder in Berlin. Jasmin F. hatte monatelang darum gekämpft, ihre Töchter wiederzusehen.
Mira und Yara sind wieder in Berlin. Jasmin F. hatte monatelang darum gekämpft, ihre Töchter wiederzusehen.Foto: privat/Bearbeitung: Tsp

Mira und Yara sind wieder bei ihrer Mutter in Neukölln. Nach einem Bericht des Tagesspiegel über eine Berliner Mutter, deren Mann die gemeinsamen Töchter in den Libanon entführt hat, sind die Fünfjährige und die Zehnjährige wieder in Deutschland - fünf Monate hatten sie keinen Kontakt.

Die Mutter, Jasmin F., sagte dem Tagesspiegel, es gehe allen „soweit gut“. Nach der Veröffentlichung des Texts am 1. März hatte ihr Mann, Ali F., versucht, aus dem Libanon nach Deutschland zurückzukehren. Er wurde bei der Einreise von der Bundespolizei festgesetzt und in Untersuchungshaft genommen. Der Vater von Jasmin F. flog daraufhin in den Libanon, um seine Enkeltöchter zurückzuholen.

Am Samstag, 7. März, sind die beiden Kinder wieder wohlbehalten in Deutschland abgekommen. Die Ältere der beiden hat an diesem Tag Geburtstag.

Wie Jasmin F. zuvor monatelang um ihre Töchter gekämpft hatte, sich selbst in Gefahr begab, lesen Sie im folgenden Text.

Ende November hört Jasmin F. von ihren Töchtern zum letzten Mal. Auf dem Onlineportal Tiktok hatte F. die Seite von Mira entdeckt. Unter einem Video findet man noch heute die Nachrichten:
Jasmin F.: „Ich vermisse dich so sehr“
Mira: „Wer bist du“
Mira: „Mama???“
Jasmin F.: „Ich liebe Dich. Wie geht es Dir?“
Mira: „Ich weiß ich durfte kein TikTok haben aber ich wollte Samira mitteilen das ich hier bin“, Samira heißt die beste Schulfreundin.

Mehr als zwei Wochen später sitzt Jasmin F. in einer Starbucks-Filiale in der Beiruter City Centre Mall, einem der größten Einkaufszentren der libanesischen Hauptstadt. Sie blickt immer wieder auf ihr Handy, als könne jederzeit die nächste Nachricht ihrer Töchter ankommen. Instagram, Facebook, Whatsapp, sie hat auf vielen Wegen versucht, mit ihnen zu reden.

Niemand darf wissen, dass sie hier ist

Sie ist allein gekommen, mit zwei Plastiktüten in den Händen. Sie hat Geschenke gekauft für Mira*, zehn Jahre alt, und Yara, fünf. Ein paar Kleidchen. Es ist der 16. Dezember, kurz vor Weihnachten, 18 Uhr, draußen sind es 20 Grad. Jasmin F. sitzt in der dunkelsten Ecke des Cafés, trägt Jeans und einen blauen Pullover, schaut sich nervös um. Draußen vor den Scheiben drängt sich die Weihnachtsgeschäftigkeit an Tannenbäumen aus Plastik vorbei.

Auf diesem Spielplatz war Jasmin F. häufig mit ihren Töchtern.
Auf diesem Spielplatz war Jasmin F. häufig mit ihren Töchtern.Foto: Mike Wolff

Jasmin F., 35 Jahre alt, geboren im Saarland, Wohnort: Berlin-Neukölln. Nun also 3600 Kilometer entfernt von ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung, in einer Beiruter Starbucks-Filiale. Sie will ihre Töchter zurück.

65 Tage ist es her an diesem Dezemberabend, dass ihr Ehemann Mira und Yara unter einem Vorwand bei einer Bekannten in Neukölln abholen ließ. Stolz hat er ihr ein Foto der libanesischen Einreisestempel in den Kinderpässen geschickt.

"Ich halte es für realistisch, dass er mir etwas antut"

Ali F. ist 44 Jahre alt, geboren in Nabatäa im Süden des Libanon, er lebe jetzt mit den Töchtern in einem Dorf in der Nähe der Stadt, erzählt Jasmin F. Im Gebiet der islamistischen Hisbollah-Miliz. „Ich halte es für realistisch, dass er mir was antut“, sagt sie. Sie sagt, sie habe nicht viel Zeit, kein Kaffee, dafür eine Zigarette. Niemand sonst weiß, dass sie sich mit Journalisten trifft.

Ali F. ließ die Töchter bei einer Freundin von Jasmin F. abholen. Er schickte der Mutter Fotos von den libanesischen Einreisestempeln.
Ali F. ließ die Töchter bei einer Freundin von Jasmin F. abholen. Er schickte der Mutter Fotos von den libanesischen...Foto: privat

513 Beratungen wegen möglicher Kindesentführungen ins Ausland hat der vom Familienministerium geförderte Verein Internationaler Sozialdienst im vergangenen Jahr durchgeführt. Viele Gespräche dienten der Prävention. 212 Mal redeten die Experten 2019 mit Elternteilen, vor allem mit Müttern, über vollzogene Entführungen. Der Verein ist für solche Fälle von der Bundesregierung mandatiert, die Experten versuchen, Hilfe zu vermitteln. Wessen Kinder in ein anderes Land entführt worden, der landet dort meist früher oder später.

Wer sagt, er weiß wie viele Kinder entführt werden, lügt

Auch Jasmin F. ließ sich beraten. Wie viele Fälle es in Berlin sind? Das wisse niemand, eine Statistik gebe es nicht. Leiterin Ursula Rölke sagt: „Wer sagt, er weiß, wie viele Kinder jedes Jahr aus Deutschland ins Ausland entführt werden, der lügt.“ Was sie weiß: Neben der Türkei ist der Libanon eines der Länder mit denen sie es am häufigsten zu tun haben.

Der 12. Oktober, der Tag der Entführung. Mira und Yara dürfen bei einer Freundin übernachten. Das erste Mal überhaupt, sagt Jasmin F. Sie lebt damals schon zwei Jahre getrennt von Ali F., hatte ihn zuvor vier Mal angezeigt: wegen Körperverletzung, Stalkings, Diebstahls, Hausfriedensbruchs. Mehrfach habe er gedroht, ihr die Kinder wegzunehmen. Sie als „Hure“ und „Schlampe“ bezeichnet, ihr Affären unterstellt. Nach deutschem Recht sind die beiden noch verheiratet, nach islamischem auch – Jasmin F. ging zu diesem Zeitpunkt noch vom Gegenteil aus, sie hatte vor einem Jahr Scheidungspapiere in einer Moschee unterschrieben. Doch er will sich nicht scheiden lassen. In der Welt von Ali F. scheint Jasmin F. ihm zu gehören.

Ein Nachbar ruft die Polizei

Nach der Trennung kontrollierte er sie, wartete in ihrer Wohnung auf sie, wenn sie nach Hause kam – trotz Hausverbot. Auf einer Tonaufnahme, die dem Tagesspiegel vorliegt, ist zu hören, wie er auf einen Nachbarn losgeht, der Jasmin F. helfen will. „Ich ruf die Polizei“, schreit der Nachbar. Ali F. schreit: „Arschloch!“

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Bei Entführungen ins Ausland kommen nicht nur der zurückgelassene Elternteil, sondern auch die Macht des deutschen Staates an ihre Grenzen. Mehr als 80 Staaten auf der Welt sind Teil des Haager Kindesentführungsübereinkommens. Wäre der Libanon ein solches Land, könnte Jasmin F. beim deutschen Justizministerium einen Antrag auf Rückführung der Kinder stellen, die zuständige Behörde im Libanon würde alles Notwendige in die Wege leiten. Das würde zwar eine Rückkehr nicht garantieren, aber immerhin ein faires Verfahren.

Auf offiziellen Wegen geht fast nichts

Ohne eine solche Vereinbarung aber hat der deutsche Staat noch weniger Einfluss, selbst wenn deutsche Kinder wie Mira und Yara unrechtmäßig dorthin gebracht wurden. Auf dem offiziellen, diplomatischen Weg, sagen Experten, geht in solchen Fällen fast nichts.

In den Tagen vor der Entführung kommt es zur entscheidenden Eskalation. Am 9. Oktober 2019 soll Ali F. Jasmin F. am Telefon gedroht haben: „Ich bring dich um“, so steht es in einem damals angefertigten Gerichtsprotokoll. Am nächsten Tag taucht er wieder in ihrer Wohnung auf, er habe sie dort beleidigt, gewaltsam in die Küche gezogen. Sie zeigt ihn wieder an, eine Richterin erlässt eine umfassende Kontaktsperre. Hausverbot hat er ja bereits, nun darf er sich ihr nirgendwo mehr auf weniger als 50 Meter nähern und das Kolleg nicht besuchen, an dem sie ihr Abitur nachholt.

Als sie ihre Kinder abholen will, sind sie verschwunden

Kurz darauf reist er angeblich in den Iran. Jasmin F. fühlte sich sicher, „ich dachte, der Psychoterror würde für ein paar Tage aufhören“, sagt sie. Die Freundin, bei der Jasmin F. die Töchter am 12. Oktober, einem Samstag, übernachten lässt, wohnt ein paar Straßen weiter. F. verbringt den Abend mit ihrem neuen Lebensgefährten.

Was in dieser Nacht und am nächsten Tag genau passiert, ist bis heute nicht ganz geklärt. Jafar, ihr damals 14-jähriger Sohn, soll die beiden Töchter am Abend in der Wohnung der Freundin abgeholt haben, angeblich im Auftrag der Mutter. Er habe die beiden dann an einen Onkel übergeben, steht in den Gerichtsakten. Dieser soll die Kinder in der Berliner Wohnung des Vaters in „die Hände dritter übergeben“ haben.

Stolz schickt der Vater ein Foto der Einreisestempel.
Stolz schickt der Vater ein Foto der Einreisestempel.Foto: privat

Jasmin F. ist überzeugt, dass eine Kreditkartenabrechnung ihres Mannes den Weg ihrer Töchter in den Libanon aufzeigt. Am folgenden Abend, dem 13. Oktober, wurde mit der Kreditkarte des Vaters für die Kinder ein Hotel in Zürich gebucht. Möglicherweise stieß Ali F. dort dazu. Am nächsten Tag, dem 14. Oktober, werden mit der Karte am Flughafen in Istanbul Essen und Getränke bezahlt. Am 15. schickt Ali F. das Foto von den libanesischen Einreisestempeln in den Pässen. Noch einmal drei Tage später schreibt er eine E-Mail an das Jobcenter Neukölln: „Hiermit bestätige ich Ali F. das meine Kinder jetzt im Ausland leben weil die Mutter sich nicht um die Kinder sorgen kann.“ Das Kindergeld solle künftig bitte auf sein eigenes Konto gehen. „MFG“, das steht am Ende.

Ein Gericht verbietet die Ausreise - doch zu spät

Am Morgen des 13. Oktober, ein Sonntag, will Jasmin F. ihre Kinder bei der Freundin abholen, die beiden sind längst weg, genauso ihre Reisepässe. Sie erstattet sofort Anzeige bei der Polizei. Dort empfiehlt man ihr, so erzählt sie es, am Montag, wenn die Gerichte wieder geöffnet haben, eine Ausreisesperre für die Kinder zu beantragen. Dass es Bereitschaftsrichter gibt, die so etwas auch am Sonntag anordnen könnten, das habe ihr der Beamte nicht gesagt. Auch die Nummer vom Berliner Notdienst Kinderschutz habe ihr niemand gegeben.

Der Gerichtsbeschluss ist eindeutig. Aber wohl zu spät.
Der Gerichtsbeschluss ist eindeutig. Aber wohl zu spät.Foto: privat

Eine Amtsrichterin verbietet am Montagmorgen, dass die Kinder vom Vater ins Ausland gebracht werden, Jasmin F. erhält das alleinige Sorgerecht. In den Akten steht: „Es ist zu befürchten, dass das Wohl der Kinder bei einer Verbringung ins Ausland, die das Gericht angesichts der Entwendung der Reisepässe für realistisch ansieht, gefährdet wären.“ Laut einem Sprecher der Bundespolizei erreicht der Gerichtsbeschluss die Behörde „unmittelbar“, die Pässe der Kinder werden im Schengenraum, in dem kaum Grenzkontrollen stattfinden und zu dem auch die Schweiz gehört, zur Fahndung ausgeschrieben.

Der Vater schreibt: "Guck, wie glücklich sie aussehen"

Wahrscheinlich zu spät: Mira und Yara sitzen wohl längst im Flugzeug nach Istanbul. Falls nicht, haben die Schweizer Behörden bei der Ausreisepasskontrolle geschlampt. Es stoppt sie jedenfalls niemand.

In den folgenden Tagen schickt Ali F. ihr noch mehr Fotos, per Whatsapp: die Kinder am Strand, die Kinder im Einkaufszentrum, die Kinder in der neuen Schule. Er schreibt: „Guck, wie glücklich sie aussehen.“ Sie sieht nur die verkrampften Hände Yaras. Als sie vor dem großen Weihnachtsbaum in der City Centre Mall steht, meint sie, es sei der gleiche, vor dem er einige Tage zuvor die Töchter fotografiert hat. Und der Strand neben ihrem Hotel in Beirut; ist das nicht der an dem ihre Töchter spielten?

Trügerische Hoffnung: Kann sie ihre Töchter bald sehen?

Am Tag vorm Treffen im Starbucks-Café habe sie das erste Mal mit Ali F. seit der Entführung telefoniert. Sie könne die Kinder sehen, habe er gesagt, in fünf Tagen, am nächsten Sonntag. Das erste Mal seit zwei Monaten. Warum erst in fünf Tagen?

Sie muss los, ihr Onkel sorgt sich, fragt, wo sie denn bleibe. Der Reporter soll das Café vor ihr verlassen, sie sollen nicht zusammen gesehen werden. Wer weiß schon, welche Zufälle es in diesem kleinen Land gibt?

Weitere Reportagen aus Berlin:

Für die Befreiung von entführten Deutschen im Ausland ist laut Gesetz die Bundespolizei zuständig. Entführen Eltern ihre Kinder ins Ausland, spricht man jedoch nicht von einer Entführung. Der juristische Begriff dafür lautet „Kindesentziehung“ – und selbst in Staaten, die das Haager Kindesentführungsübereinkommen unterzeichnet haben, gilt: Haben sich die Kinder bis zum Rückführungsantrag bereits ein Jahr eingelebt, wird es schwer, sie zurückzuholen. „Die Vorstellung, dass Deutschland die GSG9 schickt, um Kinder dort rauszuholen, funktioniert so nicht“, sagt Ursula Rölke vom Internationalen Sozialdienst.

Im Libanon läuft die Vermittlung über Familienangehörige

Sie leitet den zum Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge gehörenden Dienst seit einigen Jahren, hat dutzende Fälle selbst betreut. In Beratungsgesprächen versuchen sie und ihre Mitarbeiter, den Eltern ihre Möglichkeiten klarzumachen: In islamischen Nicht-Vertragsstaaten wie dem Libanon geht es laut Rölke oft nur über den Einfluss der Familien oder lokale Stellen, die versuchen, zu vermitteln und Kontakte zu Richtern herstellen. Rölke sagt: „Wenn das Kind schon weg ist, ist es eine Strategiefrage, ob man das anzeigt oder ob dadurch alles nur noch schlimmer wird.“ Es kann schlauer sein, zu deeskalieren.

Diese Phase aber, auf die Besonnenheit ihres Mannes zu setzen, ist bei Jasmin F. längst vorbei. Es hat gleich nach der Heirat 2003 angefangen. Sie war 18 Jahre alt und flog mit ihrem Vater in den Libanon, konnte kaum ein Wort Arabisch.

Sie heirateten. Zwang war es nicht, sagt sie

Tagelang habe sie damals im Gartenhaus ihrer Großmutter auf einer Bank gesessen, sagt sie, und die Bewerber abblitzen lassen. Ali F. war hartnäckig. Er war charmant. Verständigen konnten sie sich kaum. Sie heirateten nach zwei Wochen. Zwang war es nicht, sagt Jasmin F. noch heute.

Ali F. kam mit nach Deutschland – und nie so recht an. Er betrieb einen Autohandel in Berlin-Tempelhof, fuhr große Autos, blieb unter Landsleuten, und einmal im Jahr ging es in die Heimat.

"Ich war sehr naiv"

Am Anfang habe sich Jasmin F. gegen seine Gewalttätigkeit gewehrt, sagt sie. Es sei nur schlimmer dadurch geworden. Sie erzählt von einem Moment, als sie mit ihrem Sohn im sechsten Monat schwanger gewesen sei. Ali F. soll sie auf den Boden im Flur geworfen haben, sich auf ihren Bauch gesetzt und ins Gesicht geprügelt haben. Als ihr Sohn zwei Jahre alt war, lief sie das erste Mal vor Ali F. weg – und kam zurück. Sie sagt: „Er spielte mir vor, er habe sich geändert – ich war sehr naiv.“

Die Kinder sollten nichts mitbekommen

„Ich habe mich gefügt, weil ich nicht wollte, dass meine Kinder das alles mitbekommen“, sagt F. Ihr Sohn und ihre Mädchen gingen auf eine staatliche Schule, an den Wochenenden in eine islamische. Ali F., erzählt sie, war eine islamische Erziehung wichtig. „Ich wollte, dass sie selbstbewusste, starke Frauen werden.“ Sie selbst bereitete sich in dieser Zeit auf das Abitur an einem Kolleg in Treptow vor.

Jasmin F. hofft, dass sich ihre Töchter noch an sie erinnern, wenn sie 18 sind und nach Deutschland zurückkehren.
Jasmin F. hofft, dass sich ihre Töchter noch an sie erinnern, wenn sie 18 sind und nach Deutschland zurückkehren.Foto: privat

Er habe sie angewiesen, mehr im Haushalt zu arbeiten – damit sie nicht habe lernen können, habe sie angeschrien und ihr gedroht. Eines Morgens habe Mira, die ältere, sie gefragt: „Mama, warum darf Papa das mit dir machen?“

Am 21. Juni 2018 trennt sie sich von Ali F. und zieht mit ihren Töchtern in ein Frauenhaus. Es ist der Tag, an dem sie ihr Zeugnis am Kolleg erhält. Sie hat den Abiturvorkurs geschafft.

Ali F. terrorisiert sie weiter

Sie versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie geht ins Fitnessstudio, in die Kletterhalle, nimmt die Töchter mit zum Basketball.

Im September 2019 lernt sie ihren neuen Lebensgefährten kennen, da lebt sie schon mehr als ein Jahr von ihrem Mann getrennt. Ali F. terrorisiert sie weiter, beschimpft sie. „Niemand außer dir selbst kann dich glücklich oder unglücklich machen“, schreibt sie zwei Monate vor der Entführung ihrer Kinder auf Facebook.

Ein sonniger Dezembertag, Khaled Maan Merhaban kommt gerade aus dem Gericht im Zentrum Beiruts. Es ist Mittagszeit, der großgewachsene Anwalt kommt im schwarzen Anzug, er ist spezialisiert auf Familien- und Eherecht. Er selbst bezeichnet sich als liberal, und er verzweifelt, so sagt er, regelmäßig an der libanesischen Rechtsprechung.

Auch ein deutscher Pass kann sie nicht retten

Neben einigen wenigen zivilen Gerichten richten hier vor allem geistliche Tribunale, das Familienrecht ist sehr religiös geprägt. Ehen und Scheidungen werden von Sheikhs geschlossen und vollzogen. Werden in einer Ehe Kinder geboren, geht das Sorgerecht an den Vater. Dessen Macht geht so weit, dass er allein seinen minderjährigen Kindern die Ausreise aus dem Libanon auch gegen den Willen der Mutter verweigern kann, auch wenn sie im Besitz eines ausländischen Passes sind.

Der Mann hat die rechtliche Aufsicht über die Frau. Das bedeutet, dass der Mann in einer Ehe letztlich auch über den Aufenthaltsort seiner Frau bestimmen kann, sagt Merhaban. „Ich hatte mehrere Fälle von Doppelstaatlern in der Vergangenheit, bei denen Frauen die Ausreise durch ihre Männer verweigert wurde.“ Ali F. könnte also Jasmin F. daran hindern, den Libanon wieder zu verlassen. In einem Beratungsgespräch sei sie über diese Gefahr aufgeklärt worden, sagt sie.

Die Hisbollah hat das Gebiet unter ihrer Kontrolle

Anwalt Merhaban sagt: „Nabatäa ist einer der schlechtestmöglichen Plätze für die Kinder.“ Selbst bei einem positiven Urteil eines libanesischen Gerichts könnte es kompliziert werden.

Aber: Was die Hisbollah momentan nicht gebrauchen könne, sagt er, sei schlechte Presse. Es habe in der Vergangenheit Fälle gegeben, in der libanesische Medien in ähnlichen Fällen Druck ausüben konnten. Das sei eine Chance für Jasmin F.

Einen genauen Plan hat sie nicht, als sie am 11. Dezember von Berlin-Tegel über Istanbul nach Beirut fliegt. Ihr neuer Partner fährt sie zum Flughafen. Er sagt, „wir hatten beide den gleichen Gedanken: Vielleicht sehen wir uns das letzte Mal.“

Plötzlich muss sie das Land verlassen, sonst sitzt sie fest

Der 18. Dezember. Zwei Tage nach dem Treffen in der Beiruter Starbucks-Filiale meldet sich Jasmin F. mitten in der Nacht. Um 1.27 Uhr blinkt eine Sprachnachricht auf: Sie ist am Rafiq-Hariri-Flughafen am südlichen Stadtrand Beiruts. Ihre Familie habe ihr dringend geraten, auszureisen. Deren Theorie sei gewesen: Ali F. habe ihr gesagt, dass sie die Kinder am kommenden Sonntag sehen könne, damit er genug Zeit hat, eine Ausreisesperre für alle zu verfügen.

Jasmin F. hat den nächsten Flug gebucht. Flugnummer PC 863 soll sie um fünf Uhr morgens nach Istanbul bringen. Es sind noch dreieinhalb Stunden bis zum Start.

„Ich will nach Deutschland fliegen“, sagt sie hastig in der Sprachnachricht. Und: „Ich habe hier eben zufällig meinen Sohn gesehen mit seinem Onkel. Die haben den Kindesvater angerufen. Der ist jetzt auf dem Weg zum Flughafen mit Harakat Amal. Ich habe keine Ahnung was gerade passiert. Ich versuche, mich später nochmal zu melden.“ Harakat Amal – das sind die Mitglieder der mächtigen populistisch-schiitischen Amal-Bewegung. Sie schickt ein Foto des Bruders ihres Mannes und ihres Sohnes, die mit Koffern in der Eingangshalle des Flughafen stehen.

Am Flughafen macht Jasmin F. heimlich ein Foto, dass den Onkel mit ihrem Sohn zeigen soll.
Am Flughafen macht Jasmin F. heimlich ein Foto, dass den Onkel mit ihrem Sohn zeigen soll.Foto: privat

1.41 Uhr: Jasmin F. schreibt, dass sie dem Bruder ihres Mannes gesagt hat, sie würde im Falle einer Verhaftung laut schreien

Die Tagesspiegel-Reporter informieren den Lagedienst des Auswärtigen Amtes in Berlin über die Gefahr, in der sich F. befinden könnte. Sie selbst kann ihre Familie nicht erreichen.

2.14 Uhr: Jasmin F. hat ihr Gepäck aufgegeben. Sie glaubt, Sicherheitsleute über sie sprechen gehört zu haben und erkannt worden zu sein. Sie hätten ihren Heimatort genannt. F. wirkt panisch, hat aber eingecheckt und ist im Sicherheitsbereich.

Ihr Mann war auch am Flughafen. Er hatte seinen Sohn und seinen Bruder hingebracht und war dann zurückgefahren.

2.21 Uhr: Jasmin F. schickt ein Foto ihres Ausreisestempels.

Das deutsche Konsulat in Beirut ist informiert. Eine Mitarbeiterin, die die Reporter über eine Notfallnummer kontaktiert hatten, versucht „Kontakte“ am Flughafen zu erreichen. Lagedienst und Konsulat machen klar, dass die Möglichkeiten, F. zu helfen, „sehr begrenzt“ sind.

3.25 Uhr: F. sagt, ihr Name werde über die Lautsprecher ausgerufen. Sie bleibe sitzen.

4.19 Uhr: „Im Flieger. Wir rollen“, 10.52 Uhr: „Ich bin in Berlin.“

Konnten die deutschen Behörden im Hintergrund helfen?

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es später, der Fall von Jasmin F. sei bekannt. Weitere Auskünfte erteile man „aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht“. Doppelstaatler würden von libanesischen Behörden ausschließlich als eigene Staatsangehörige behandelt. „Dies kann die Unterstützungsmöglichkeiten der Botschaft im Einzelfall erheblich einschränken.“ Wie genau das Auswärtige Amt in dieser Nacht geholfen hat, wird sich nicht klären lassen. Das Konsulat in Beirut will sie nicht äußern. Experten sagen: Es gibt durchaus inoffizielle Kontakte zu den Behörden im Libanon. Das Konsulat in Beirut sei „sehr aktiv und gut vernetzt“.

Ihr Glaube gibt ihr Kraft

Anfang Januar 2020, ein Treffen in einem Neuköllner Café. „Wenn ich im Libanon geblieben wäre, hätte er mir alles genommen“, sagt sie. Ihre Stimme stockt, sie denkt nach. „Ich hätte nichts tun können, sie wären trotzdem aufgewachsen, wie ich es nicht will.“ Es klingt fragend.

Sie hat sich eine Meditations-CD gekauft für die langen Abende, liest ab und zu im Koran. Das gebe ihr Halt, sagt sie. Sie sagt: Sie wisse, wenn sie keinen „Glauben an Gott hätte“, hätte sie „es niemals geschafft“ und „ihre Existenz verloren“. Sie geht täglich zur Schule, Mathematik falle ihr schwer. „Ich versuche jetzt, mich auf meinen Abschluss zu konzentrieren“, sagt sie.

"Wir schlagen uns nicht auf eine Seite"

Ursula Rölke vom Internationalen Sozialdienst, die schon viele Fälle betreut hat, sagt: Jede Geschichte habe zwei Seiten. Meist hätten auch die Partner, die Entführer Gründe für das, was sie tun. Sie dächten oft, im Ausland seien die Kinder besser aufgehoben, hoffen vielleicht, ihre Familie so zu retten. Rölke sagt: „Wir arbeiten deshalb kindzentriert und schlagen uns nicht auf eine Seite.“ Sie verbessert sich: „Doch, auf die des Kindes.“

Jafar, der Sohn, ist jetzt wieder bei Jasmin F. Der Vater hat ihn zurück geschickt, das war auch der Grund für das zufällige Treffen am Beiruter Flughafen. Der Junge war mehr als drei Monate nicht in der Schule, Jasmin F. musste ihn vom Gymnasium nehmen. Er bekommt Hilfe vom Jugendamt. Dort heißt es, Jafar sei im Gegensatz zu seinen Schwestern auf seinen Vater fixiert, stecke in einem Loyalitätskonflikt.

Im Jugendamt war der Fall bekannt

Jasmin F. hat seit Jahren eine Sachbearbeiterin bei der der Behörde. Aus dem Amt heißt es, die Kinder seien gut aufgehoben bei ihr, die Verhältnisse nach der Trennung seien nicht schlecht gewesen. Jasmin F. gilt als eigenständig, benötige aber Unterstützung. Auch von den Ankündigungen des Vaters, die Kinder zu entführen, wusste das Amt wohl. Es gebe „eine Historie und Befürchtungen“.

„Solche Drohungen kann man nicht immer für bare Münze nehmen“, sagt Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU). Das sei fast alltäglich bei Familienstreitigkeiten, zu Entführungen komme es äußerst selten. Seit 2009 ist Liecke Stadtrat, aus der Zwischenzeit ist ihm nur ein ähnlicher Fall bekannt. Ein Vater hatte seine drei Kinder in die Türkei entführt. Damals gelang es mithilfe von Verwandten, sie zurück nach Deutschland zu holen.

An die Väter kommen die Sachbearbeiter schlecht ran

Die Jugendämter stehen bei Fällen wie der von Jasmin F. oft vor einem Problem: Ihre Klienten sind meist die Mütter – auf die Väter oder Lebenspartner haben die Mitarbeiter kaum Zugriff. Sie müssen sich auf die Aussagen der Frauen verlassen, eine reguläre Abfragemöglichkeit bei der Polizei, um das Gefahrenpotenzial zu ermitteln, das von einem Mann ausgeht, gibt es nicht. Liecke will nun eine Arbeitsanweisung bezogen auf Väter und Lebenspartner erarbeiten lassen. Seine Mitarbeiter sollen prüfen, inwiefern regelmäßige Abfragen bei der Polizei möglich sind. Er sagt aber auch: „Einen Generalverdacht darf es nicht geben.“

Hier spielten die Kinder

Ende Januar, Jasmin F. spaziert durch den Neuköllner Buschkrugpark, vorbei am renovierten Spielplatz mit dem Vampir-Klettergerüst. Sie trägt einen dicken Schal, ein rauer Wind weht. Hier geht sie joggen, hier spielten die Kinder. Die junge Frau zeigt auf einen kleinen Hügel, der vor einer Baumreihe langsam in der Dämmerung verschwindet: Da seien Jafar, Mira und Yara und sie immer zusammen gerodelt, wenn im Winter Schnee lag.

Fast beiläufig erzählt sie, dass ihr Mann einige Tage zuvor in Berlin war. Ali F. wollte Jafar wieder in den Libanon mitnehmen. In ihrer Welt, die nur noch aus Ausnahmesituationen besteht, scheint Wichtiges und weniger Wichtiges zunehmend durcheinanderzugeraten.

Schock: Nun ist auch der Sohn weg

Sie erzählt, wie sie am 30. Dezember morgens in das Kinderzimmer kam. Jafar weg, Playstation weg. Jasmin F. ist sofort zur Polizei, hat eine Grenzsperre für ihren Sohn veranlasst. Gegen 18 Uhr habe er angerufen, warum sie ihn nicht mit seinem Vater abreisen lasse. Um 21.30 Uhr meldete sich die Schweizer Grenzpolizei bei ihr – ihr Sohn wurde am Flughafen in Zürich aufgehalten. Ihr Mann durfte weiterreisen. Die Mutter muss für den Rückflug des Sohnes aufkommen, 270 Schweizer Franken – eine halbe Monatsmiete.

Eine Agentur bietet Hilfe an. Für 30.000 Euro

Seitdem hat sich Jasmin F. mit allen denkbaren Wegen beschäftigt, ihre Kinder wiederzubekommen. Eine weitere Reise in den Libanon, Privatdetektive, dubiose Mediationsagenturen. Eine möchte fast 30.000 Euro, um Mira und Yara zurückzuholen. Man könne auch gern mehr zahlen, heißt es in einer E-Mail, die dem Tagesspiegel vorliegt: Je mehr Geld man überweise, desto wahrscheinlicher sei die Rückkehr der Kinder.

Ursula Rölke vom Internationalen Sozialdienst warnt vor solchen Angeboten. Ihr falle in Deutschland lediglich eine seriöse Mediationsorganisation ein, die sich an geltendes Recht halte. Alle anderen: „Unterm Strich holen die die Kinder mit Gewalt irgendwo raus.“ Ob das gut für das Kind sei, daran zweifle sie stark. Und für den beauftragenden Elternteil sei es gefährlich.

Weniger als die Hälfte der Kinder kommt zurück

Überhaupt, allzu viel Optimismus kann sie nicht verbreiten. Die genauen Rückführungsquoten seien zwar unklar, Rölke geht aber davon aus, dass „deutlich weniger als 50 Prozent“ der entzogenen Kinder zurück nach Deutschland kommen.

Auch für Ali F. wird es schwer werden, nach Deutschland zurückzukehren. Den Autohandel führt schon jemand anderes weiter. Wird Ali F. in Deutschland erwischt, erwarten ihn mehrere Verfahren – wegen Kindesentziehung, Körperverletzung, Stalkings.

Jetzt sammelt sie Geld

Jasmin F.s Vater wiederum will bald in den Libanon fliegen, vielleicht kann er vermitteln. Sie sammelt auf einer Online-Plattform Geld, um weitere Schritte zu planen. Am Mittwoch ist sie in der libanesischen Botschaft gewesen. Dort hat sie erfahren: Ali F. hat tatsächlich eine Ausreisesperre gegen sie verhängt.

Reiste sie ein, sie käme nicht mehr aus dem Land. Sie sagt, ausgeschlossen sei trotzdem nicht, dass sie wieder zu ihren Töchtern fliegt.

Es ist dunkel geworden am Buschkrugpark. Eine Männergruppe schält sich aus den Schatten, läuft auf Jasmin F. zu, nervös blinzelt sie ihnen entgegen. Es sind ein paar Jugendliche, die heimlich kiffen.

Ihre Pässe sind wertvoll im Libanon

Sie zeigt dem Reporter ein Video auf ihrem Handy. Mira und Yara haben es am Tag vor der Entführung für ihre Mutter aufgenommen. Es zeigt die beiden im Kinderzimmer vor der Papageientapete. Die Fünfjährige trommelt fröhlich auf einem Plastikschlagzeug, die Zehnjährige singt die Melodie eines Kinderfilmlieds.

Jasmin F. schaut vom Bildschirm auf, tupft mit dem kleinen Finger ihr linkes Auge trocken. Dann sagt sie: „Spätestens, wenn die beiden 18 Jahre alt sind, werden sie verheiratet zurück nach Deutschland kommen – durch ihre deutschen Pässe sind sie wertvoll im Libanon.“ Sie hofft, dass sie sich dann an ihre Mutter erinnern.

* Die Namen aller Kinder wurden zu deren Schutz geändert.

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