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Ein Schüler meldet sich in einer gemischten Klasse der Stufen 4-6 an der Fritz-Karsen-Schule im Berliner Ortsteil Britz. Für die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien gibt es in der Hauptstadt noch einmal Präsenzunterricht mit allen Schülerinnen und Schülern. +++ dpa-Bildfunk +++

© picture alliance/dpa/Christoph Soeder

Tagesspiegel Plus

Von Verbeamtung bis Berufsorientierung: Was Rot-Grün-Rot für die Berliner Schulen plant

Das Probejahr an Gymnasien soll abgeschafft und bei schwächeren Schülern durch eine Eignungsprüfung ersetzt werden. Bisher keine Lösung für den Mittleren Schulabschluss in Gymnasien gefunden.

| Update:

Die potenziellen Berliner Koalitionspartner SPD, Grüne und Linkspartei haben sich auf die Rückkehr zur Verbeamtung der Lehrkräfte verständigt. Das gab die designierte Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) am Mittwochmorgen bekannt. Zusammen mit den Spitzen von Grünen und Linken, Bettina Jarasch und Katina Schubert, präsentierte die Sozialdemokratin die bisherigen Verhandlungsergebnisse für den Koalitionsvertrag im Bereich Schule, Kita und Jugend so wie tags zuvor für die Wohnungspolitik. Welche Partei das Ressort künftig führen soll, wird erst zum Wochenende feststehen.

Zu den wichtigsten Neuerungen gehört neben der Verbeamtung die Abschaffung des Probejahres an Gymnasien. Es soll durch einen Eignungstest ersetzt werden. Diesen Test müssen allerdings nur jene erfahrungsgemäß rund 1300 künftigen Siebtklässler ablegen, die keine Empfehlung für das Gymnasium haben. Wer den Test schafft, kann mindestens bis zum Ende der 10. Klasse auf dem Gymnasium bleiben - unabhängig davon, wie schwach die künftigen Leistungen sein werden. Das Vorhaben soll, wie auch die Rückkehr zur Verbeamtung, erst zum Schuljahr 2023/24 in Kraft treten.

Giffey und Jarasch hoben hervor, wie wichtig es sei, den rund 500 betroffenen Schülerinnen und Schülern jährlich das „traumatische“ Erlebnis des so genannten Abschulens zu ersparen: Diese etwa zwölfjährigen Kinder müssten zunächst die einjährige Unsicherheit ertragen und dann unter Umständen den Neuanfang in den Sekundarschulen, in denen sich dann schon feste Klassenverbände gebildet hätten. Im Sinne einer inklusiven Schule sei es auch richtig, dass die Gymnasien sich auf die Kinder einstellen, die bei ihnen angefangen haben, ergänzte Jarasch.

Franziska Giffey, Bettina Jarasch und Katina Schubert verkündeten am Mittwoch die Koalitionsvereinbarungen für die Bildung. Foto: Susanne Vieth-Entus

© Foto: Susanne Vieth-Entus

Die Gymnasien sehen das in der Regel anders: Da sie nur zwölf Jahre Zeit haben bis zum Abitur müssen sie den Stoff schneller durchnehmen, zudem sind ihre Klassen im Schnitt wesentlich größer als die Sekundarschulklassen - 32 Schülerinnen und Schüler oder mehr sind keine Seltenheit. Die Vereinigung der Oberstudiendirektoren äußerte dann auch am Mittwoch die Erwartung, dass der Test „verbindlich sein und einen Zugang zum Gymnasium ausschließen muss, wenn die Eignung nicht nachgewiesen wird“.

Wir wollen das traumatische Erlebnis des Abschulens verhindern

Franziska Giffey (SPD), desginierte Regierende Bürgermeisterin

Während die Abschaffung des Probejahres zwischen den drei Koalitionären in spe offenbar nicht sonderlich strittig war, konnten sie sich bisher nicht in der Frage des Mittleren Schulabschlusses (MSA) an Gymnasien einigen: Dem Vernehmen nach sind SPD und Grüne bereit, den Gymnasialschülern die jeweils vier Prüfungen zu ersparen, die auch die Kollegien sehr belasten. Nach Informationen des Tagesspiegels will die Linke in dem Punkt nicht mitgehen, weil sie - auf dem von ihr gewünschten Weg zur flächendeckenden Gemeinschaftsschule - jede Art von Sonderstellung der Gymnasien ablehnt. Demnach wäre dies ein Fall für die Schlussrunde zum Wochenende hin.

Kein Fall für die Schlussrunde ist hingegen die Abschaffung der sogenannten grundständigen fünften und sechsten Klassen der Gymnasien. Zwar stand dieser Punkt in den Wahlprogrammen der Grünen und der Linken, wurde aber offenbar zu den Akten gelegt, um die Elternschaft und die betreffenden über 30 Gymnasien nicht aufzubringen.

Verbeamtung ja. Aber bis zu welcher Altersgrenze?

Einige Auseinandersetzungen dürfte es noch über die Frage geben, wie mit den Lehrkräften verfahren werden soll, die aus Gründen des Alters, der Gesundheit oder der Überzeugung nicht verbeamtet werden können oder wollen. Die SPD hatte 2019 die Möglichkeit diskutiert, diesen Pädagoginnen und Pädagogen vier Stunden Unterricht zu erlassen. Dies würde allerdings den Lehrkräftemangel weiter verschärfen. Giffey kündigte an, dass diese Frage nicht auf die Schnelle geklärt werden könne. Das Gleiche gilt auch für die Frage, bis zu welchem Alter verbeamtet werden kann. Giffey nannte die Möglichkeit einer temporären Anhebung dieser Altersgrenze. Damit müssten sich jetzt Juristen befassen. Einige Zeit dürfte auch die Beantwortung der Frage in Anspruch nehmen, ob ein Pensionsfonds eingerichtet wird.

Da diese Prüfungen kompliziert sind, kann laut Giffey die Verbeamtung erst zum Schuljahr 2023/24 erfolgen. Das aber bedeutet, dass die Bildungsverwaltung das kommende Jahr abermals ohne das Lockmittel der Verbeamtung personell unterfüttern muss - und das, obwohl abermals rund 3000 neue Kräfte benötigt werden: Bereits in den beiden Vorjahren konnten nur 40 Prozent der offenen Stellen mit ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden.

Für kostenloses Schulessen in Oberschulen fehlt das Geld

Abgesehen von den Unruhe stiftenden Punkten MSA, Probejahr, Lehrkräftemangel bzw. Verbeamtung wünscht sich Giffey aber, dass man den Schulen „Ruhe“ gönnt, also keine weiteren Reformen anschiebt. Zur Frage der Beköstigung an Oberschulen sagte sie im übrigen, dass das Geld nicht reiche, um den Oberschülern - so wie den Grundschülern - kostenloses Schulessen zu ermöglichen. Strittig sei aber noch, ob die Hortgebühren für zwei weitere Klassenstufen erlassen werden. Über diesen Punkt hatte die rot-rot-grüne Koalition schon vor der Wahl keine Einigung erzielen können: Die Grünen wollen die rund 80 Millionen Euro pro Jahr lieber in die Qualität investieren.

Linken-Parteichefin Katina Schubert kündigte an, dass die Jugendberufsorientierung weiter gestärkt werden solle. Zudem seien Jugendfreizeiteinrichtungen und genügend Sportflächen als „Orte der Bewegung und Begegnung“ vor allem für Heranwachsende aus armen Familien wichtig, die in engen Wohnungen aufwüchsen. Die von der Linken einst durchgesetzte Gemeinschaftsschule als gesonderte Schulform soll weiter ausgebaut werden. Dies sei kein Widerspruch zur Vielfalt der Berliner Schullandschaft, zu der im Übrigen auch freie Schulen gehörten, betonte Giffey. Alle Eltern sollten „das passende Angebot finden“.

Weitere Ziele aus dem Entwurf für den Koalitionsvertrag

Um Berlins Kitas besser zu machen, hat sich die Koalition - wie bereits berichtet - noch weitere Ziele gesetzt. Dazu zählen die Einführung von Kita-Sozialarbeit, mehr Geld für sozial benachteiligte Kitakinder durch einen neuen Sozialindikator, individuelle Sprachförderung und eine Verbesserung des Personalschlüssels.

Rund 90 Millionen Euro sollen 2022/23 in den Kitaausbau fließen, was allerdings nicht reicht, allen Familien ein niedrigschwelliges Angebot zu machen. Wie berichtet besuchen rund 20 Prozent der Kinder aus Zuwandererfamilien keine Kita in den drei Jahren vor der Einschulung. Dies gilt als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Chancengerechtigkeit: Die betreffenden Kinder weisen wesentlich häufiger als Kitakinder schwere Entwicklungsverzögerungen auf.

Was sich die Koalition aber vorgenommen hat, ist ein Zeitbudget für mittelbare pädagogische Arbeit wie etwa Elterngespräche. Zudem soll der Eigenanteil der Kitaträger „nach den finanziellen Möglichkeiten des Landes“ weiter abgesenkt werden. Eltern, die im Schichtdienst arbeiten soll zudem zugute kommen, dass flexibler Betreuungsangebote ausgebaut werden. Auch soll es mehr Angebote für Familien geben, deren Kinder mit einer Behinderung leben.

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