Vorsätze für Zugezogene : Berlin, wie wird man Teil von dir?

Nach vier Jahren in der Stadt dämmert es unserer Autorin: Man bekommt nur eine Heimat geschenkt, die zweite muss man sich erarbeiten. Ihr Vorsatz: in Berlin gebraucht zu werden.

Der Fernsehturm steht oft symbolisch für die Sehnsucht nach Berlin, die sich bei manchen Zugezogenen in eine Hassliebe verwandelt.
Der Fernsehturm steht oft symbolisch für die Sehnsucht nach Berlin, die sich bei manchen Zugezogenen in eine Hassliebe verwandelt.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Ist das neue Jahr nur noch wenige Stunden entfernt, werden manche hektisch: neues Jahr, neues Glück, neue Vorsätze. So soll es sein, schließlich ist Selbstoptimierung die Religion unserer Zeit. Der Jahreswechsel bringt so Struktur in ein Leben, das von äußeren Einflüssen verunsichert ist. Die guten Vorsätze sagen: Ist die politische Weltlage auch ins Wanken geraten – wir haben unser eigenes Schicksal immer noch selbst in der Hand.

Und doch kennen sicherlich viele das Gefühl, das Goethe in seinem Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ beschreibt: „Geht es doch unsern Vorsätzen wie unsern Wünschen. Sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, wenn sie erfüllt sind, und wir glauben nichts getan, nichts erlangt zu haben.“

Wenn Vorsätze jedoch zum bloßen Selbstzweck geraten, nur dazu da, uns beim Schmieden gut zu fühlen und am Ende doch nie zufrieden zu sein, selbst wenn wir sie formal erfüllt haben, könnte man sie auch neu interpretieren. Mal weniger für sich selber und mehr für andere tun. Für Berlin zum Beispiel.

Die BER-Witze bleiben einem im Halse stecken, jedes Mal, wenn man in Schönefeld landet

Aktuell wieder zitiert wird der Autor Karl Scheffler, der das Buch „Berlin, ein Stadtschicksal“ geschrieben hat. Scheffler nennt Berlin darin eine Kolonistenstadt, in die seit Jahrhunderten Menschen kommen, um ihr Glück zu suchen. Diese Goldgräber, Eroberer und Pioniere benutzen die Stadt, sind von ihr fasziniert, aber sie lieben Berlin nicht. „Der klassische Neuberliner will Fuß fassen, er kämpft für sich und seine Zukunft, die Stadt ist nur sein Spielfeld. Er tut nichts für sie.“ Und auch wenn Scheffler diese Worte vor über 100 Jahren schrieb: Sie gelten noch immer.

Blickt man sich im Freundes- und Bekanntenkreis von Zugezogenen um, kann man nach einiger Zeit eine gewisse Berlin-Müdigkeit feststellen. Nach vier oder fünf Jahren, in denen man in der Stadt eine Wohnung gefunden hat, wieder ausgezogen ist, studiert, sich verliebt, getrennt, neu verliebt und den ersten Job begonnen hat, wird man mit nun Ende 20 der Stadt langsam aber sicher überdrüssig.

Was einem früher lässig erschien, nervt jetzt: Die Bezirksämter sind überlastet, die U-Bahnhöfe dreckig, die größere Wohnung zu teuer, die Anbindung an den Rest der Welt scheint nach der Air-Berlin-Pleite noch schlechter. Und die BER-Witze bleiben einem im Halse stecken, jedes Mal, wenn man in Schönefeld landet.

Man bekommt nur eine Heimat geschenkt, die zweite muss man sich erarbeiten

Zum Jahreswechsel wird man dann in der Kleinstadt, die mal Heimat war, gefragt: Und, wie läuft es in Berlin? Hast du dich schon richtig eingelebt? Und nie weiß ich eine Antwort. Ja, ich liebe Berlin, irgendwie. Aber sich hier zuhause fühlen? Schwierig. Ob es an der Berliner Schnauze liegt, an die man sich auch nach Jahren noch immer nicht gewöhnt hat, am Behördenchaos, der Armut im Straßenbild oder am vielverhassten Berliner Winter, schwer zu sagen.

Und jetzt? Zurück in die Provinz ist keine Option. Vielleicht ist es so: Man bekommt nur eine Heimat geschenkt, die zweite muss man sich erarbeiten.

Dort, wo man aufwächst, hat man eine Rolle. In der Familie, im Freundeskreis, in der Schule. Man wurde gebraucht, hatte eine Funktion in einem System – ob als große Schwester, Klassenclown oder derjenige, der immer alle Freunde zusammenbrachte. Braucht mich Berlin? Vielleicht. Vielleicht nicht. Vielleicht noch nicht.

Das zu ändern, ist also nun mein Vorsatz für 2018. Ideen gibt es viele: Man könnte eine Patenschaft übernehmen oder wenigstens einem Kind regelmäßig bei den Hausaufgaben helfen. Müll einsammeln und Baumscheiben bepflanzen. Oder einmal im Monat ein Frühstück für Bedürftige mitorganisieren.

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Alles Dinge, über die man sicher schon mal nachgedacht, die man aber nie einfach gemacht hat. Vielleicht liegt der Schlüssel zum Ankommen in dieser Stadt, mit der so viele eine Hassliebe verbindet, ja genau darin – im Gebrauchtwerden. Um so ein Teil des Systems Berlin zu werden.

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