Berlin : Was Dichtern an der Stadt gefiel

Hella Kaiser

Die Schriftstellerin Madame de Staël besuchte Berlin 1804 und notierte respektvoll: „Wissenschaften und Künste sind im Flor.“ Das ist über zwei Jahrhunderte so geblieben – mit den bekannten Unterbrechungen. Du lieber Himmel, wer hat nicht alles in dieser Stadt philosophiert, gedacht und gedichtet. Acht eng bedruckte Seiten umfasst das Personenregister, das Wolfgang Feyerabend seinen zehn literarischen Stadtspaziergängen angefügt hat.

Am Potsdamer Platz lästerte Erich Kästner in den 20er Jahren über die Touristen: „Sie machen vor Angst die Beine krumm und machen alles verkehrt. Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm. Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum, bis man sie überfährt.“ Im Westen war es nicht weniger turbulent. Ringelnatz dichtete: „Wie das aufregend gefährlich flutet und wimmelt und tutet und bimmelt am Kurfürstendamm und am Zoo.“ Manche Schriftsteller indes bevorzugten Berliner Idyllen. Uwe Johnson fühlte sich in Friedenau wohl. Auch Günter Grass und Max Frisch waren hier zeitweilig zu Hause.

Der Autor beschreibt Wohnungen von Poeten, zeichnet ihre Wege nach. Plätze und Häuser werden unter die Lupe genommen, Vergangenes wird mit Heutigem verglichen. Was aber ist mit den jungen Schriftstellern von heute? Wohnen sie wirklich alle in Prenzlauer Berg? Was schreiben sie über Berlin? Da, leider, bleibt Feyerabend die Antworten schuldig. Ein kleines Manko nur in einem kenntnisreich und interessant geschriebenen Buch.

— Wolfgang Feyerabend: Berlin. Eine literarische Entdeckungsreise. WBG-Verlag, Darmstadt. 220 Seiten, 24,90 Euro.

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