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Das Wrack des Lastkahns „Hedwig“ von 1903 an einem Arm der Spree bei Fürstenwalde.

© dpa / Patrick Pleul/dpa

Tagesspiegel Plus

Wassermangel in Brandenburg: Selbst mit mehr Regen trocknet Berlins Umland aus

Auf einer Konferenz zum Brandenburger Wasserhaushalt werden Behörden kritisiert: Fachleute halten Daten für fragwürdig und sehen die Lage kritischer.

Auf dem Papier verfügt Brandenburg über mehr als ausreichende Wasservorräte auch im Klimawandel. In der Landschaft allerdings wird der Mangel immer offensichtlicher. So etwa könnte das Fazit einer vom Potsdamer Institut für Nachhaltigkeitsstudien (IASS) organisierten Fachkonferenz am Montag lauten. Ihr Titel: „Brandenburger Wasserhaushalt in der Klimakrise“.

Mit Zahlen beschrieb die Hydrogeologin Irina Engelhardt von der TU Berlin diese Krise: Die Grundwasserstände seien in den vergangenen 20 Jahren teils um eineinhalb Meter gesunken. Da das Grundwasser ein bis zwei Jahre verzögert auf Trockenperioden reagiere, werde der Effekt der Extremwetterjahre 2018 bis 2020 erst jetzt messbar. Und der Bedarf steige: Brandenburg gewinne seine Jahresförderung von 155 Millionen Kubikmetern fast komplett aus Grundwasser – und benötige 2050 voraussichtlich 20 Millionen Kubikmeter mehr als zurzeit.

In Berlin wachse der Bedarf laut Prognose von 210 Millionen auf fast 240 Millionen Kubikmeter. Da die Hauptstadt im Unterschied zum Umland ihr Trinkwasser überwiegend aus sogenanntem Uferfiltrat, also versickertem Seewasser, gewinnt, ist sie auf stabile Wasserstände von Spree und Havel angewiesen. Die sind bisher auch deshalb konstant, weil die Klärwerke die Vorräte stetig auffüllen – mit der Mischung aus gereinigtem Uferfiltrat und benutztem Grundwasser.

Für Letzteres gilt laut der TU-Professorin: „Der Bedarf kann mit dem natürlichen Dargebot nicht mehr komplett abgedeckt werden.“ Hauptgrund sei nicht etwa der Mangel an Regen, sondern die steigende Temperatur, die mehr verdunsten lasse. Eine intelligent gesteuerte Grundwasserförderung könne helfen, die Reservoirs aufzufüllen, aber werde hier – anders als etwa um London – bisher nicht praktiziert. Gedankenlose Förderung erhöhe auch das Risiko, dass salzhaltiges Wasser aus tieferen Bodenschichten aufsteigt. Dessen Entsalzung wäre nicht nur energie- und kostenintensiv, sondern hinterließe auch konzentrierte Salzlake, die permanent entsorgt werden müsste.

Grundwassernutzung bei Berlin und Cottbus über 100 Prozent

Angela Hermsdorf vom Landesumweltamt präsentierte eine Karte, derzufolge der Auslastungsgrad des nutzbaren Grundwassers nur in sehr wenigen Landesteilen – nämlich bei Cottbus und um die östliche Berliner Stadtgrenze – schon bei über 100 Prozent liegt, während in den meisten Landesteilen nur ein sehr geringer Teil genutzt werde. Allerdings zweifelten gleich mehrere Fachleute die Qualität dieser Daten an, auf deren Basis womöglich immer neue Fördergenehmigungen erteilt würden. Das Landesumweltamt arbeite mit Minimalwerten, die für Trockenperioden akzeptabel seien, aber nicht auf Dauer, hieß es beispielsweise.

Ein Vertreter der südlich von Berlin gelegenen Kleinstadt Baruth erklärte, die Landesregierung erlaube Wirtschaftsansiedlungen mit Wasserbedarf über das verträgliche Maß hinaus. Und die Leiterin des Naturparks Uckermärkische Seen hielt der Landesbehörde vor, die Situation völlig anders darzustellen, als sie sei: Auf Basis der errechneten Grundwasserauslastungen könne man „jede Entnahme genehmigen. Aber in der Echtwelt vertrocknen die Gebiete. Unsere Hochflächen sind komplett vertrocknet und die Moore zum Teil auch.“ Die Landwirtschaft mit ihrem Bedürfnis, sämtliche Äcker etwa durch Gräben zu entwässern, verschärfe die Probleme. Zugleich verbrauche allein die Bewässerung von Mais für eine Biogasanlage mehr Wasser als die Stadt Templin.

Immerhin berücksichtigen die Landesbehörden in ihren Modellrechnungen neuerdings „Klimawandel-Abschläge“, haben eine Niedrigwasserampel etabliert und wollen „Flussgebietsmanager:innen“ einsetzen, um lokale Bedürfnisse und Angebot in Einklang zu bringen. Auf externe Hilfe braucht Brandenburg nicht zu hoffen, wie Sinnöve Burger vom Umweltministerium klarstellte: Potentiale für Überleitungen aus wasserreicheren Regionen seien kaum vorhanden.

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