• Wie schützt man den Nachwuchs vor der Sonne?: „Kinder verstehen nicht, dass man später Krebs bekommt“

Wie schützt man den Nachwuchs vor der Sonne? : „Kinder verstehen nicht, dass man später Krebs bekommt“

Wie viel Bräune verträgt die Haut? Braucht man beim Baden ein Hemd? Eine Hautärztin gibt Tipps, wie Kindern das Thema Sonnenschutz nahegebracht werden kann.

Richtig eincremen, bitte. UV-Schädigungen in jungen Jahren können sich später zu einem malignen Melanom, der gefährlichsten Form des Hautkrebses, weiterentwickeln. Vielfach zeigen sich die schlimmen Folgen erst im Erwachsenenalter. Kinder brauchen deshalb von Anfang an einen besonders guten Sonnenschutz. Foto: istock/ozgurcankaya
Richtig eincremen, bitte. UV-Schädigungen in jungen Jahren können sich später zu einem malignen Melanom, der gefährlichsten Form...Foto: Getty Images/iStockphoto

Lange galten rote Wangen, braune Arme und Beine bei Kindern als Zeichen von Gesundheit. Blässe hingegen stand für Krankheit. Das hat sich etwas verändert, aber verschwunden ist diese Idee längst nicht. Dürfen Kinder überhaupt braun werden? Und wie schlimm ist es, wenn die Wangen doch rot werden?
Kinder dürfen eine natürliche Bräune haben, das bleibt nicht aus, selbst wenn man sie vor der Sonne schützt. Meine Kinder sind jetzt auch nicht total blass. Aber es gilt: Wenn die Haut rot wird, ist das ein Sonnenbrand und das ist immer schlecht. Je mehr Sonnenbrände man in der Kindheit bekommt, desto höher ist das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken. Und es ist tatsächlich nicht nur die Rötung, sondern auch die Bräunung, die ein Risiko für Hautkrebs beinhaltet. Es kommt auch aufs Alter an: Unter zwei Jahren sollten Kinder gar nicht in die Sonne.

Einige Kinder tragen im Freibad, am See oder am Meer langärmelige Badehemden und knielange Hosen. Viele hüpfen aber nur in kleinen Höschen oder Badeanzügen herum. Sind jetzt einige Eltern zu sehr besorgt oder die anderen zu wenig?
Ich denke, die anderen zu wenig. Schon durch die Reflektion des Wassers gibt es beim Planschen und Schwimmen im Freien immer eine höhere Strahlungsintensität. Lange Textilien sind auch im Wasser immer das Beste. Und in der Zeit zwischen 11 und 15 Uhr ist es tabu, in die Sonne zu gehen.

Wie setzt man diesen Ratschlag um? Vor allem, wenn die Kinder im zweiten Sommer mobil sind?
Vor allem sollten Kinder immer Kleidung tragen und einen Sonnenhut – Textil schützt am meisten. Die Stellen, die man nicht bedecken kann, müssen gut eingecremt sein – auch im Schatten, denn auch dort bekommt man UV-Strahlung ab. Auch Babys sollte man eincremen. Ich weiß, dass das ein Streitthema ist, wegen der Chemikalien in der Sonnencreme. Aber es gibt auch mineralische Sonnencremes, auf die man dann zurückgreifen kann. Oft vergessen Eltern, auch die Beine des Babys im Tragetuch einzucremen.

Wie oft muss man eincremen? Viele Kinder hassen das ja und es geht nur mit Kampf. Wie macht man das am besten?
Es dauert bei den meisten Sonnencremes eine halbe Stunde, bis sie wirken. Erst am See eincremen ist deshalb zu spät, dann ist der Eigenschutz sofort verbraucht. Man sollte also am besten einmal früh am Morgen nach dem Zähneputzen, einmal nachmittags eincremen – und es darf kein Kampf werden. Wenn ich als Ärztin in die Kita komme, hat es schon mal eine andere Gewichtung. Die Kinder sagen hinterher selbst: „Mama, ich muss mich eincremen, die Ärztin hat gesagt, wenn die Sonne scheint, muss ich mich eincremen.“ Ich war in diesem Jahr in sechs Berliner Kitas, an meinen freien Tagen, und habe ein gutes Feedback seitens der Eltern und Erzieher bekommen. Da ich selber Kinder habe, dachte ich, dass es sinnvoll ist, anderen Kindern von meiner Tätigkeit als Hautarzt zu erzählen und aufzuklären. Es hat mir wirklich Spaß gemacht. Schon kleine Kinder sind ganz interessiert und wissbegierig.

Die Schöneberger Hautärztin Anne Boulet besucht für das Projekt „Euromelanoma“ regelmäßig Berliner Kitas und berät zum richtigen Umgang mit der Sonne.
Die Schöneberger Hautärztin Anne Boulet besucht für das Projekt „Euromelanoma“ regelmäßig Berliner Kitas und berät zum richtigen...Foto: privat

Was machen sie genau in den Kitas?
Ich halte einen kleinen Vortrag, aber interaktiv mit den Kindern – etwa eine halbe Stunde. Kinder verstehen noch nicht diesen Zusammenhang, zwischen Sonne und Hautkrebs. Ich erzähle den Kindern zwar schon, dass man böse Krankheiten bekommen könnte, aber ich gehe nicht näher darauf ein. Ich bringe ein paar Sachen mit: Sonnenhüte für alle, Sonnencreme, Malbuch, Aufklärungsmaterialien für Eltern und Erzieher. Erstmal geht es darum, was die Haut ist und warum wir sie brauchen. Am Ende beantworte ich Fragen der Erzieher: Wie sie es im Alltag umsetzen sollen, was man auf dem Hof verbessern könnte, etwa durch zusätzliche Sonnensegel. Was macht man außerdem, wenn Eltern gegen das Eincremen sind. Ich sage dann: Ihr könnt nur aufklären.

Sollten Ihrer Meinung nach eine UV-Schutzberatung und entsprechende Checks zu den U-Untersuchungen beim Kinderarzt hinzugefügt werden? Oder sollte man mit Kindern präventiv zum Hautarzt gehen, wie zum Zahnarzt?
Ich finde solche Hautschutzkampagnen wie die, bei der ich mitmache, besser. Da erklärt man spielerisch. Es kommen nur sehr wenige Familien in die Praxis, um darüber zu sprechen. Es ist einfach wichtig, aufzuklären, auf welche Art ist egal.

Sie verteilen Sonnenmützen mit Nackenschutz an Kitakinder – bis zu welchem Alter sollten Kinder die tragen? Spätestens ab sechs wird es schwierig, Kinder dazu zu überreden – dann gelten die als „uncool“ und getragen werden nur noch Baseballkappen, die aber Hals und Nacken frei lassen. Reicht das auch?
Das muss dann reichen – da kann man ja nichts machen. Aber Nacken und Ohren müssen dann natürlich besonders gut eingecremt werden.

Es gibt ja verschiedene Hauttypen – Menschen mit der allerhellsten Haut dürfen nur fünf Minuten ohne Sonnenschutz in der Sonne sein. Wie erklärt man es Kindern mit sehr heller Haut am besten, dass es für sie noch wichtiger ist als für andere, immer auf Sonnenschutz zu achten?
Ich mache im Kindergarten keine Unterschiede. Ich sage, alle müssen sich regelmäßig eincremen, auch die dunkleren Hauttypen.

Stimmt es, dass bei Kindern, die älter sind als sechs, die Haut nicht mehr ganz so empfindlich ist wie bei Kleinkindern?
Die Haut entwickelt sich tatsächlich, sie hat einen besseren Eigenschutz, je älter man wird. Ab etwa 30 bis 40 Jahren nimmt dieser Schutz aber wieder ab. Aber das gilt nicht für die ganz Hellhäutigen, die nur einen Eigenschutz von fünf Minuten haben. Der verlängert sich auch nicht. Mit einer Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 dürfen sie also 250 Minuten am Tag in der Sonne sein.

In welchen Monaten ist die Sonne in Berlin so intensiv, dass Kinder Sonnenschutz brauchen?
Von Mai bis September auf jeden Fall, wenn die Sonne schon im April stark ist oder noch im Oktober, dann auch noch. Ich würde sagen, alle müssen sich immer eincremen – unabhängig vom Hauttyp. Im Frühjahr muss man besonders aufpassen, im Herbst ist es nicht mehr ganz so dramatisch, weil sich die Haut über den Sommer an die Sonne gewöhnt hat. Nur eben nicht beim ganz hellen Hauttyp.

Sollten Kinder auch bei bedecktem Himmel im Sommer eine Sonnenmütze tragen oder ist das übertrieben?
Ich mache es bei meinen eigenen Kindern nicht, ist aber schon ratsam, vor allem bei Kindern mit sehr heller Haut. Ich bin keine Verfechterin von absoluter Abschirmung, die Sonne hat auch gute Seiten, wir brauchen ja auch Vitamin D.

Viele haben Bedenken, Kinder mit Sonnencreme einzucremen, weil da hormonähnliche Stoffe enthalten sein können und Chemikalien, die schädlich sein könnten. Worauf sollten Eltern achten?
Ich habe das Gefühl, dass Eltern und Kinder in Charlottenburg ziemlich gut aufgeklärt sind. Im gutbürgerlichen Kiez kommen eher die anderen Probleme auf. Sie denken in der Sonnencreme steckt zu viel Chemie. Aber dann sollte man einfach auf mineralische Sonnencremes zurückgreifen, statt das Kind diesem Risiko auszusetzen. Denn die Haut vergisst nichts!

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