Wohnungsbau in Berlin : Abschied vom Reich der Gartenkolonien

Berlin braucht als boomende Stadt dringend Wohnungen. Für deren Bau könnten Kleingärten geräumt werden. Schrebergärtnern kann man zumuten, Ersatz außerhalb der Stadt zu akzeptieren. Ein Kommentar.

Eine Kleingartenkolonie in Berlin-Treptow (Archivbild von 2008)
Eine Kleingartenkolonie in Berlin-Treptow (Archivbild von 2008)Foto: Tsp/Thilo Rückeis

Wer Kleingärtner gegen sich aufbringt, kann nur verlieren, wusste im ummauerten West-Berlin jeder Politiker. Auch in Ost-Berlin war die Datsche unverzichtbar für sozialen Frieden und das kleine Glück neben der Bahntrasse. Lange her. Heute ist das vereinte Berlin eine Boomtown, die dringend Wohnungen braucht – was den Druck auf das städtische Kolonialreich mit 73.000 Pachtparzellen erhöht. Für viele der im Landesbesitz befindlichen Kleingartenanlagen läuft 2020 die Schutzfrist ab. Wo der Grund privaten Eigentümern gehört, müssen Schrebergärtner schon jetzt bangen, einige Kolonien mussten bereits für Wohnungen weichen.

Wer kühl argumentiert, dass Schrebergärten planungsrechtlich Bauerwartungsland sind, das man nun eben dringend benötigt, lässt die sozialen und ökologischen Fragen außer Acht. Gerade für Familien, die in kleinen Wohnungen leben, war die eigene Scholle immer ein Ausgleich; die rapide steigenden Mieten machen das gerade wieder hoch aktuell. Die grünen Oasen sind zugleich wichtig für die urbane Ökologie und das Stadtklima.

Der rot-rot-grüne Senat hat es sich einfach gemacht. Im Koalitionsvertrag wird deren Sicherung durch einen neuen Kleingartenentwicklungsplan versprochen. Aktuell sind die Bezirke Lichtenberg und Pankow bereits dabei, dies umzusetzen. So richtig das Plädoyer für eine grüne Stadt ist – hinter der grünen Worthecke versteckt sich eine politische Lüge.

Die umstandslose Bestandssicherung der Parzellen kann keine Strategie für die wachsende Stadt sein. Warum sollen Berliner, für die in der City die Mieten unbezahlbar sind, in Wohnanlagen am Stadtrand ohne gewachsene Infrastruktur und Nahverkehrsanbindung ziehen, während in Innenstadtlagen mit U-Bahnanschluss in Kolonien, in denen erholungssuchende Berliner nicht willkommen sind, Schrebergärtner ihre Möhren ziehen?

Die Politik muss sich entscheiden

Auch die Politik dürfte wissen, dass man nicht alles gleichzeitig haben kann, sondern sich entscheiden muss. Wer sich nicht an die Kleingärtner herantraut, der muss die ebenfalls im Koalitionsvertrag aufgezählten elf großflächigen Entwicklungsgebiete für Wohnungsbau endlich tatkräftig voranbringen und auch die bislang aus grüner Pietät verschonte Elisabeth-Aue in Pankow und den Rand des Tempelhofer Feldes für Wohnungen freigeben. Erklärungsbedürftig ist beim Tempelhofer Feld dann freilich, warum man den erholungssuchenden Berliner Habenichtsen diese Flächen wegnimmt, um privilegierte Grünnutzer zu schonen.

Natürlich gehören zu einer wachsenden und damit dichter werdenden Stadt dringend öffentlich zugängliche Grünflächen und Parks. Das ist zwingende Aufgabe einer integrierten Stadtentwicklung, die jedes Bauprojekt betrifft. Berlin wird auch weiterhin eine grüne Stadt bleiben. Nichts spricht dagegen, so viele Kleingartenanlagen wie möglich zu erhalten, wenn an anderer Stelle genügend gebaut wird.

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Ein politisch unhaltbares Versprechen ist es aber, wenn die Senatskoalition den Kolonisten „Ersatzparzellen in räumlicher Nähe schaffen“ will, falls die ihre Parzellen räumen müssen. Diese Ersatzflächen gibt es in zentralen Bezirken nicht, noch kann man das wollen. Was aber spricht dagegen, wenn sich Berlin auf den Weg zu neuen Kolonien macht? Immerhin gehören dem Land große Stadtgüter vor den Toren Berlins. Eine Fahrt ins grüne Wochenend-Paradies ist jedem Schrebergärtner zumutbar.

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