Zecken 2018 : Attacke der Mini-Vampire

Der viel zu warme Sommer begünstigt die Ausbreitung der Zeckenpopulationen. Das kann man sehr gut errechnen. Die Tiere übertragen Krankheiten wie FSME oder Lyme-Borrelien. Grund zur Panik besteht trotzdem nicht.

Claudia Füssler
Foto: dpa/Patrick Pleul

„Die Gefahr aus dem Gestrüpp“, „Rekordjahr für Zecken“, „So viele Mini-Vampire wie nie“ – es liegt ein Hauch von Panik in der Sommerluft, verfolgt man die Schlagzeilen. Schuld daran ist unter anderem Gerhard Dobler. Mit seinem Team hat er am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, Partnerinstitut des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung, ein Modell veröffentlicht, das für diesen Sommer besonders viele Zecken prophezeit. Genauer gesagt: 443 pro standardisierter Fläche von 100 Quadratmeter. Das ist die höchste gefundene Zeckenzahl seit Beginn der Untersuchungen vor zehn Jahren. Dass es tatsächlich so kommen wird, ist durchaus wahrscheinlich. Für den vergangenen Sommer hatten die Wissenschaftler 187 Zecken pro standardisierte Fläche vorhergesagt, gefunden haben sie 180. „Die Zahlen von Mai und Juni zeigen uns, dass wir auch dieses Jahr richtig liegen“, sagt Dobler.

Möglich wird eine derart präzise Vorhersage der Population dank eines neuen Modells, dass die Münchner Forscher gemeinsam mit Kollegen der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelt haben. Sie sammeln bereits seit zehn Jahren standardisiert jeden Monat Zecken auf einer mehreren hundert Quadratmeter großen Fläche im Landkreis Amberg. Ihr eigentliches Interesse gilt dem FMSE-Virus, das die Frühsommer-Meningoenzephalitis auslösen kann. Diese Hirnhautentzündung kann schwere neurologische Schäden beim Menschen verursachen und auch tödlich enden. Über die Jahre haben sie so eine beachtliche Menge an Daten gesammelt und besitzen nun die weltweit am längsten laufende Sammlung von Zecken auf einem Areal.

Bereits der Winter 2017/18 war zu warm und mild

Davon hat Klimatologe und Epidemiologe Franz Rubel von der Veterinärmedizinischen Universität Wien gehört. Er hat verschiedene klimatische Parameter darüber laufen lassen, die der Deutsche Wetterdienst zur Verfügung stellt. „Wir haben die Buchenmast 2016 berücksichtigt. Tragen die Buchen viele Früchte, vermehren sich die Mäuse explosionsartig und ermöglichen vielen Zeckenlarven das Überleben. Dadurch hatten wir 2017 viele Larven, die in diesem warmen Jahr auch gute Überlebenschancen hatten und sich im Herbst zu Nymphen entwickelten“, erklärt Rubel. Durch den milden Winter 2017/2018 überlebten wiederum viele dieser Nymphen, die dann 2018 nach großen Tieren und dem Menschen Ausschau halten, um eine Blutmahlzeit zu nehmen. „Dieser Prozess ist durch das großräumige Klima synchronisiert und determiniert die Zeckenhäufigkeit in ganz Mitteleuropa. Damit konnte bereits im Februar 2018 eine saisonale Zeckenprognose erstellt werden, die sich jetzt als zutreffend erwiesen hat“, sagt Rubel.

Bereits vor zwei Jahren haben er und sein Team erste Karten der Zeckendichte für ganz Deutschland erstellt. In den nördlichen Tiefebenen um Hamburg und Berlin werden mittlere Zeckendichten von 70 pro 100 Quadratmeter beobachtet. Auf der Breite von Frankfurt steigt die Dichte auf 180 an, um im südwestdeutschen Stufenland wieder auf 130 und auf der Schwäbischen Alb auf 60 zu sinken. Bei München liegt die Zeckendichte um 90 Zecken pro 100 Quadratmeter. „Die Gebiete hoher Zeckendichten korrelieren recht gut mit den FSME-Verbreitungsgebieten“, sagt Rubel. Also Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen und das südöstliche Thüringen.

Das neue Vorhersagemodell funktioniert. Jetzt lautet das Ziel: detaillierter werden. „Dafür sammelt die deutsche Zeckencommunity an 100 verschiedenen Standorten in Deutschland monatlich Zecken, das ist derzeit die weltweit größte Feldstudie dieser Art“, sagt Rubel. Die gefundenen Spinnentiere werden auch auf die verschiedenen Krankheitserreger hin untersucht. Besonders das FSME-Virus steht im Fokus der Forscher. Bisher haben sie den extrem komplexen ökologischen Mechanismus, den der Infektionsweg über Zecke, Maus und Zecke – vereinfacht gesprochen – darstellt, noch immer nicht komplett verstanden. Das allerdings wäre die Voraussetzung, dass man den Zyklus mit natürlichen Faktoren stören und so die Herde löschen kann. „Wir wissen, dass das Virus sehr stabil ist, anders als zum Beispiel das Influenzavirus. Die Mutationsrate liegt gerade einmal bei etwa 0,05 Prozent“, sagt der Münchner Mikrobiologe Dobler.

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