Berliner Impressionen : Sonne im Rücken

Als Bühnenbildner von Peter Brook ist der gebürtige Berliner Rolf Gérard bekannt geworden. Die Galerie Poll zeigt ihn nun als Maler.

Christiane Meixner
Rolf Gérard: "Der Wannsee", 1928
Rolf Gérard: "Der Wannsee", 1928Galerie Poll / Fondazione Gérard

Es muss eine guter Tag gewesen sein. 1928 aquarellierte Rolf Gérard den Wannsee so licht und zart, als säße er unter mediterranem Himmel. Von der Terrasse fällt der Blick des Malers auf wässriges Blau, gestreifte Markisen, ein paar Ruderboote und andere Gäste. Das kleine Blatt (1700 CHF) in der Galerie Poll ist mehr Studie als präzise Schilderung – und dennoch stellt sich dieses Gefühl von Sommerfrische ein, zumal man aus Gérards damaliger Perspektive bis heute auf eine nahezu identische Szenerie schaut.

Gérard, der 2011 verstarb, stammt aus Berlin. 102 Jahre ist er geworden, doch die Ausstellung würdigt sein Werk nun erstmals in seiner Geburtsstadt. Dabei konzentriert sich die Galerie auf Gemälde und Aquarelle jenseits der Profession, die man sonst mit dem Namen verbindet: Gérard war über Jahrzehnte als Bühnenbildner für den Regisseur Peter Brook tätig. Sein gesamter Nachlass wird in Ascona von der Fondazione Rolf Gérard betreut, die im Tessin zeitgleich den Maler Hermann Poll präsentiert.

Gérard verließ Berlin 1933 mit seiner Freundin Lilli Palmer

Von den Wannsee-Impressionen waren es bloß noch fünf Jahre, bis Gérard – Sohn eines hugenottischen Einwanderers und einer Opernsängerin – Berlin verließ. Zusammen mit seiner Freundin Lilli Palmer, die jüdischer Herkunft war, zog er quer durch Europa bis nach England. In London entstand 1937 ein Aquarell von Lilli (3700 CHF). Braunes Kostüm, blaues Sofa: Die Farben sind immer noch hingetupft, die weibliche Figur dagegen wirkt wie die Skizze für ein Modemagazin. Sieben Jahre später weicht aus einem Bild wie „London, 150 Kensington Church Street“ (3200 CHF) alle Farbe. Der Maler schildert eine Stadt der fensterlosen Häuser. Verschlossen, und selbst der Himmel zieht sich zu.

In London traf er Oskar Kokoschka, später lernte er Picasso kennen

Das Biografische wird an jeder Station seines Lebens sichtbar. In Berlin wirken Maler wie George Grosz auf Gérard, in London trifft er 1943 Oskar Kokoschka und lässt sich von ihm anregen. Seine Zeit am Theater schlägt sich im schnellen, oft widerstandslosen Strich der Entwürfe und bühnenhaften Kompositionen nieder. Nicht alles überzeugt, doch man sieht, wie sehr es Gérard darum geht, sich das autonome Terrain der Malerei zu bewahren. Er trifft Picasso, Chagall und Henry Moore, auch sie hinterlassen Spuren. Was nicht zuletzt mit seiner frühen Entwurzelung zu tun haben kann – und mit den Eltern, die ein künstlerische Ausbildung des Sohnes ablehnen. In den frühen Berliner Blättern jedenfalls kündigt sich eine starke, eigene Sprache an.

Galerie Poll, Gipsstr. 3; bis 29. Juli, Di–Sa 12–18 Uhr, im August n. Anmeldung