"Heute versucht man, Verantwortung loszuwerden"

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Architektur : „Das Problem in Museen sind die Besucher“
Durchgang zur Stadt. In Münster führt der Weg zum Markt durchs Kunstmuseum.
Durchgang zur Stadt. In Münster führt der Weg zum Markt durchs Kunstmuseum.Foto: M. Ebener

Die bisherige Anlage wirkt ein bisschen verworren – und sie liegt in einer toten Ecke, eingerahmt von KPMG, der CDU-Zentrale, ein paar neuen Luxushäusern und dem Lützowplatz.

Ehrlich gesagt habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu diesem Gebäude. Walter Gropius wollte es ja ursprünglich in Darmstadt errichten, dann kam es aus politischen Gründen nach Berlin, und der Entwurf wurde auf dieses Grundstück umgemodelt. Zudem hat sich die Umgebung sehr verändert, die Freiflächen, die das Gebäude umgaben, wurden mit fünf- bis siebengeschossigen Gebäuden bebaut. Natürlich können wir diese Situation nicht mehr ändern. Aber es wird einen neuen Eingang geben und eine Art Pavillon, der das Gelände von der Straße abschirmt, so dass ein kleinerer Platz mit einer größeren Aufenthaltsqualität entsteht.

Das Bauhaus-Archiv hatte schon früh einen Museumsshop und ein Café. Welche Rolle spielt diese Infrastruktur bei diesen Planungen?

Die ist schon wichtig. Es ist auch ein berechtigtes Interesse, dass man Menschen die Schwellenangst nimmt und sie nicht das Gefühl haben, einen heiligen Tempel zu betreten. Dass sie vielleicht kommen, um einen Kaffee zu trinken und dann denken, jetzt schau ich doch mal, was da eigentlich drin ist.

Schräg. Museum für Moderne Kunst in Frankfurt.
Schräg. Museum für Moderne Kunst in Frankfurt.Foto: Rene Mattes/mauritius

Haben Sie ein Lieblingsmuseum in Berlin?

Ich gehe sehr gern in die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Die machen dort interessante Ausstellungen, und dann gefällt mir auch das Haus mit seinen Innenhöfen sehr gut.

Sie haben sich mal über die Regelwut der Deutschen beklagt.

Das ist eine Entwicklung, die in den letzten zwei Jahrzehnten überhand genommen hat. Unser Nürnberger Museum wäre heute – obwohl es bis jetzt keine Baumängel gibt – ein juristischer Totalschaden, weil viele Dinge nicht DIN-gemäß sind. Damals gab es Gott sei Dank einen Baudirektor, der sagte, ja, finde ich gut, so wird das gemacht. Heute versucht man, Verantwortung loszuwerden, indem man alles irgendwie regelt. Heute hat man Vertreter von ungefähr zehn Spezialdisziplinen, die ihren jeweiligen Bereich zur absoluten Perfektion treiben wollen, sei es Brandschutz, Energie oder Inklusion. Die Themen haben für sich eine Berechtigung, aber sie widersprechen sich teilweise. Sie zusammenzubringen, erfordert Kompromisse. Und für die will niemand mehr die Verantwortung übernehmen. Das Resultat können Sie am Berliner Flughafen besichtigen.

Dazu kommen ja noch wirtschaftliche Interessen.

Ja, sehen Sie sich doch nur die ganze Diskussion um die Wärmedämmung an, all die Normen! Da steht einfach eine Lobby dahinter. Wenn man sich mal anguckt, was wir heute an die Häuser bauen und in 25 Jahren auf irgendwelchen Sondermülldeponien loswerden müssen. Immer dickere Wärmedämmung, das ist zum Teil totaler Unsinn. Oder der Schallschutz, der bei Wohnbauten gefordert wird. Nach der jetzigen Norm müsste man ein Drittel des Berliner Wohnraums sperren.

Es gibt auch einfach schlechte moderne Architektur.

Oft bleibt ja nicht mehr viel Geld übrig, etwas Schönes zu bauen, wenn das Grundstück schon so teuer ist. Komischerweise ist man bei der Rekonstruktion historischer Gebäude, ob das der Landtag in Potsdam ist oder das Schloss in Berlin, plötzlich bereit, Geld in die Hand zu nehmen, damit es auch anständig aussieht.

Etliche Ihrer Kollegen gehen nach China oder Dubai. Warum bauen Sie fast nur in Deutschland?

Abgesehen davon, dass uns die europäische Tradition des Bauens eben viel näher ist – wir haben einmal eine Schule in Australien gebaut, und nach dem zweiten Flug um den halben Erdball kam mir das irgendwie absurd vor. Ich dachte, es gibt sicher auch genügend Architekten in Australien, die in der Lage sind, eine Schule zu bauen.

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