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Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Hier: ein Haus in Paris.

© Gail Albert-Haliban/Edwynn Houk Gallery

Geheimnisvoll und verführerisch: Fenster: Aussichtsreich

Fenster wie Schießscharten liegen im Architektur-Trend. Der große Durchblick geht darüber verloren. Andere Einsichten vermitteln zwei Fotoausstellungen in Berlin. Ein Fensterreport.

Plötzlich saß sie fest. Mit ihrem kleinen Baby konnte die Fotografin nicht mehr Tag und Nacht durch die Stadt rennen. Also tat Gail Albert-Halaban, „schon lange von Fenstern besessen“, wie sie sagt, wozu ein normaler New Yorker keine Zeit und schon gar keine Ruhe hat: Sie schaute ausdauernd raus. Und rein – in die Wohnungen ihrer Nachbarn. Was sie sah, war nicht ganz so dramatisch wie das, was James Stewart in Hitchcocks „Fenster zum Hof“ beobachtete, aber so spannend, dass sie zur Kamera griff.

Eine ganze Serie wurde daraus, ein Buch über New York aus Fenstersicht („Out My Window“), dann eins über Paris („Paris Views“/„Vis à vis“). Wobei sie, wenn sie Menschen fragte, ob sie sie durchs Fenster fotografieren dürfe, eine interessante Erfahrung machte: New Yorker, gewohnt, angeguckt zu werden, hatten kein Problem damit, bewegten sich völlig frei auf ihrer Bühne. Pariser dagegen reagierten erst mal schockiert.

Doch dann ließen sie sich überzeugen von der freundlichen Fotografin. Denn aus dem voyeuristischen Beginn war quasi ein Nachbarschaftsprojekt geworden: Lerne dein Gegenüber kennen, indem du es fragst, ob Gail Albert-Halaban ihn oder sie fotografieren darf, was die Künstlerin ferngesteuert per Skype tut. Auch Berliner sind eingeladen mitzumachen. (Infos unter http://www.gailalberthalaban.com/PARTICIPATE-/1)

Eigentlich ist ein Fenster ja nicht mehr als ein Loch in der Wand. Einst ein ziemlich zugiges, wurde es doch allenfalls mit Brettern, Pergamentpapier, sogar Steinen verdeckt. Glas ist eine ziemlich moderne Erfindung, hat sich erst im 17. Jahrhundert allmählich durchgesetzt, allerdings als Luxusartikel für reiche Leute.

Aber natürlich ist es ein ziemlich intelligentes Loch, das den Blick lenkt, ihn bündelt: ein Bild mit Rahmen. Ein Schaufenster, in beiden Richtungen, ein Spiegel auch. Künstler haben sich immer wieder des Motivs bedient, dieser Schwelle zwischen Innenwelt und Außenwelt. Vor allem die Romantiker. Was gibt es Sehnsüchtigeres als ein Mensch, der am offenen Fenster steht, womöglich mit wehendem Vorhang, und in die Ferne schaut.

Was auch Geheimnisvolleres, in der Kunst wie im richtigen Leben? Vor allem nachts, wenn die Häuser leuchten, sodass selbst die profansten und billigsten Bauten wie verzaubert scheinen. „In diesem schwarzen oder erleuchteten Loch lebt das Leben, träumt das Leben, leidet das Leben“, schwärmte Baudelaire, der ein großer Fenster-Fan war und Gail Albert-Halaban stark geprägt hat. „Das, was wir fähig sind, in der Sonne zu sehen“, so der französische Lyriker, „ist immer uninteressanter als das, was sich hinter einer Fensterscheibe zuträgt.“ Und vor allem: was wir glauben, was sich hinter der Scheibe zuträgt. Großes Kino.

Die Kamera ist selber wie ein Fenster

Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Hier: ein Haus in Paris.
Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin Gail Albert-Haliban "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Zwei Bücher mit Einsichten in fremde Wohnung hat sie schon veröffentlicht, "Out My Window" über New York und "Paris Views". Unser Foto zeigt ein Atelier-Wohnhaus in Paris.

© Gail Albert-Haliban/Edwynn Houk Gallery

Allerdings zeigen Künstler die Fenster in ihrer ganzen Ambivalenz. Denn schützen diese einerseits vor Regen, Lärm und ungebetenen Gästen, sind sie doch andererseits zerbrechlich, stellen den Menschen bloß. Vor allem ältere Bewohner, hat der Berliner Fensterputzer Lars Nickel festgestellt, kommen mit den heute angesagten bodentiefen Fenstern nur schwer zurecht. „Sie sind es nicht gewohnt, immer auf dem Präsentierteller zu stehen.“

Als Augen eines Hauses werden Fenster seit jeher bezeichnet; wie echte Augen können auch sie ihre Lider in Form von Jalousien oder Läden öffnen und schließen. Umso brutaler wirkt es, wenn sie für immer zugemauert sind. Depressiv machen auch jene Öffnungen, die selbst tagsüber mit schief hängenden, vergilbten Vorhängen verschlossen werden.

Gail Albert-Halaban ist nicht die einzige Fotografin, die der Blick durch den Fensterrahmen fasziniert. Die Geschichte des Mediums ist voll davon, erfährt der Besucher der Ausstellung mit dem schlichten Titel „Das Fenster“, die gerade in der Berliner Galerie Johanna Breede zu sehen ist (Fasanenstraße 69, bis 13. Juni). 50 Aufnahmen, von 24 Fotografen, und wenn ein Bild verkauft wird, kommt ein neues an die Wand, die Auswahl ist groß. „Die Kamera selbst ist ja wie ein Fenster“, erklärt die Galeristin die Affinität. Auch wissen Lichtbildner das Licht- und Schattenspiel der rechteckigen Konstrukte, vor allem jener mit Sprossen, besonders zu schätzen.

Ach ja, die Rechtecke. Daniel Libeskind würde sie am liebsten abschaffen. Als der Architekt kürzlich im Tagesspiegel-Interview kräftig mit der Berliner Baupolitik abrechnete, monierte er auch die Eintönigkeit der vertikalen Fenster in der Stadt. In der Tat, mittlerweile gleichen sich vor allem die größeren Neubauten aufs Verblüffendste. Reihenweise stehen die Fenster, so hoch wie schmal, stramm wie Soldaten. Der Trend hat inzwischen sogar einen Namen, Schießschartenarchitektur. Anschaulichste Beispiele: BND und neues Innenministerium. Wobei der Architekt Wilfried Kuehn noch eine andere Erklärung hat: Er führt die Verbreitung des Modells auf die genormte Bürobreite zurück. Da kann man aus Einer- schnell Zweier- oder Dreierbüros und umgekehrt machen, ohne Fenster versetzen zu müssen.

„Als Mittler zwischen innen und außen“ und wesentliches Gestaltungselement sind Fenster Kuehn extrem wichtig. „Unsere Auftraggeber geben einiges dafür aus.“ Viele Häuser, etwa im sozialen Wohnungsbau, sehen seiner Meinung nach gerade deshalb so armselig aus, weil die Fenster zu klein sind. Die, die er einem Chalet am Hang in Bad Gastein verpasst hat, sehen ganz anders aus: versetzte Panoramafenster, auch an der Decke und übers Eck, die spektakuläre Blicke in die Landschaft und den Himmel öffnen. Bilder braucht es da keine mehr an der Wand, darauf haben die Hausherren verzichtet. Der Architekt hat das Bild von den Augen des Hauses wörtlich genommen: Ist vorne das Gesicht, wird die Rückseite zum verschlossenen Hinterkopf. Die Fenster liegen plan in der Fassade, die Architektur selbst, so Kuehn, ist der Rahmen. Allerdings sind die riesigen Fenster (2,5 auf vier Meter) mit hochwertigem Sonnenschutzglas „fast so schwer wie ein Kleinwagen“. Öffnen lassen sie sich nicht. Für die Lüftung sorgen aufklappbare Holzkästen.

Abgeschottet von der Welt

Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Hier: ein Haus in Paris.
Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin Gail Albert-Haliban "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Zwei Bücher mit Einsichten in fremde Wohnung hat sie schon veröffentlicht, "Out My Window" über New York und "Paris Views". Unser Foto zeigt ein Atelier-Wohnhaus in Paris.

© Gail Albert-Haliban/Edwynn Houk Gallery

In Berlin wohnt der Architekt an der viel befahrenen Torstraße. Dort steht er gern an der Fensterfront und genießt die urbane Aussicht. Öffnen lassen sich die Scheiben nur schwer, eine Raumluftanlage sorgt für frische Luft. Verkehrte Welt – früher waren es eher Gefängnisinsassen, die ihre Fenster nicht öffnen konnten.

Das muss man mögen, sich physisch so abzuschotten von der Außenwelt. Es hat noch einen anderen Nachteil: Die Außenscheiben lassen sich nicht mehr von innen säubern. Fensterputzer müssen von unten hochfahren oder sich von oben abseilen, was vor allem bei Hochhäusern, im Wind heftig schaukelnd, kein Spaß ist.

Für Lars Nickel ist es ein Zeichen von Rücksichtslosigkeit, so zu bauen. Seine eigenen Kunden haben eher Altbau-Doppelkastenfenster. Seit fünf Jahren finanziert er sein Leben als Fotograf mit dem Fensterputzen. „Eine schöne Arbeit“, findet der 45-Jährige. „Man sieht, was man geschafft hat. Und – noch besser – es wird von selbst wieder schmutzig, man hat also immer zu tun.“ Die Hausbesuche nutzt er zum Fotografieren, seine „Ansichten eines Fensterputzers“ sind in einer Wanderausstellung zu sehen (bis zum 28. Mai im Aufbauhaus am Moritzplatz). Dabei dreht er dem Fenster allerdings den Rücken zu, lichtet die Bewohner in ihrer Wohnung ab.

Im Mai wird Nickel seine Porträts in New York zeigen. Wohnen kann er bei einem Bekannten, unter einer Bedingung: dass er dessen Fenster putzt. Eine besondere Herausforderung, denn die lassen sich in alten amerikanischen Häusern nicht aufklappen, nur hochschieben.

Diese undichten Dinger sind Lichtjahre entfernt von den Hightechkonstruktionen, zu denen Fenster heute geworden sind. Die können praktisch alles, dichten, dämmen, vor Licht und Dunkelheit schützen, Energie gewinnen, ja, sogar zur Projektionsfläche, zu Medienfassaden werden. Dabei geht dann allerdings das Wichtigste verloren: der Durchblick.

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