„Unsere Demokratie wird von vielen Seiten bedroht“

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Babylon-Berlin-Autor Volker Kutscher : „Ich sehe mich nicht als Geschichtslehrer“
Ernst Gennat (heller Mantel), Chef der Berliner Mordinspektion.
Ernst Gennat (heller Mantel), Chef der Berliner Mordinspektion.Foto: Scherl/SZ Photo/laif

Probleme, die einem heute merkwürdig bekannt vorkommen. Bernhard von Brentano schilderte sie in den 30er Jahren in seinem Buch „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“: Den Sozialdemokraten laufen die Wähler weg, die Schere zwischen arm und reich klafft auseinander. Fallada beschreibt in „Kleiner Mann, was nun?“, wie die Wohnungsfrage zur sozialen Verelendung führte.

Sicher, doch die Probleme jener Jahre waren viel existenzieller, die Armut viel bedrohlicher. Kriegskrüppel auf den Straßen, bettelnde Kinder … Das ist mit heute nicht zu vergleichen.

Und politisch? Europaweit ist der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch. Mit der AfD sitzt wieder eine entsprechende Partei in den Parlamenten.

Es löst keine Probleme, wenn man solche Parallelen zieht. Die AfD ist nicht die NSDAP, sie verfügt nicht über organisierte Schlägertrupps. Gleichwohl haben sich viel zu viele ihrer Mitglieder mit ihren Äußerungen weit außerhalb des demokratischen Diskurses gestellt.

Geschichte wiederholt sich nicht?

Nein, aber natürlich kann man aus ihr lernen. Geschichtsvergessenheit äußert sich ja auch darin, dass bestimmte Begriffe wieder benutzt werden. Frauke Petry fing damit an, das Wort „völkisch“ in die Debatte einzubringen und setzte es mit „national“ gleich. Das ist es aber nicht. Dahinter steckt ein ganz anderes Verständnis von Zugehörigkeit zu einem Volk, nämlich eins, das auf Blut und Rasse gründet. Wer dieses Wort benutzen will, offenbart rassistisches Denken.

„Lügenpresse“ ist noch so ein Kampfbegriff der damaligen Zeit, der ein großes Revival erlebt.

Ebenso der Begriff „System“, mit dem die Nazis gegen die Weimarer Republik wetterten. Man muss aufpassen, wenn solche Wörter wieder auftauchen. Aber man darf jetzt nicht nur auf die AfD gucken und glauben, Rechtsextremismus sei die einzige Gefahr. Unsere Demokratie wird von vielen Seiten bedroht, durch Autokraten, durch Islamisten, auch durch einen ungezügelten Kapitalismus. Wenn internationale Konzerne mächtiger sind als große Staaten – ich meine nicht nur die Internetriesen, ich meine auch die angeblich systemrelevanten Banken oder Investmentgiganten wie Blackrock – dann sind das Machtblöcke, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen.

„Der Rechtsstaat, fürchte ich, ist machtlos“, sagt einer Ihrer Charaktere in Ihrem jüngsten Roman.

Das Buch spielt 1935, da gab es keinen Rechtsstaat mehr. Heute schon.

An anderer Stelle schreiben Sie: „Wenn man in diesem Land Gerechtigkeit herstellen will, muss man das selbst in die Hand nehmen.“ Finden Sie selbst auch, dass es Momente gibt, in denen Selbstjustiz, in denen Gewalt legitim ist?

Das Dritte Reich war sicherlich so einer. Die entscheidende Frage ist: Wann habe ich ein Recht auf Widerstand? Ich bin ein Verfechter des Rechtsstaates, ohne den funktioniert Demokratie nicht. Daher finde ich solche Vorkommnisse wie im vergangenen Sommer in Nordrhein-Westfalen, als Politiker ein Gerichtsurteil nicht akzeptierten, sehr gefährlich. Die Abschiebung des angeblichen Bin-Laden-Leibwächters nach Tunesien, ohne rechtliche Grundlage, ist eine unglaubliche Respektlosigkeit. Es ist ein Skandal, dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Politiker stehen in ihren Entscheidungen nicht über dem Gesetz. Das unterscheidet den Rechtsstaat von der Willkürherrschaft.

Ihre Romanreihe beginnt 1929, inzwischen sind Sie im Jahr 1935 angekommen, und der Nationalsozialismus durchdringt den Alltag Ihrer Protagonisten.

Ja, und es zeigt, wie schnell das gehen kann, dass nicht nur die Demokratie außer Kraft gesetzt, sondern auch alle Werte auf den Kopf gestellt werden. Dies ist eine Warnung an uns heute. Wenn man eine Parallele sehen will, dann wohl die Erkenntnis, dass auch unsere bundesrepublikanische Demokratie mit ihrer ungleich besseren Verfassung angreifbar ist.

Da spricht der Aufklärer?

Ich sehe mich nicht als Geschichtslehrer. Ich schreibe Krimis.

Der Autor Raymond Chandler sagte, der Krimi sei die literarische Form, die unsere Welt am besten abbilde.

Steile These. Aber Fiktion erlaubt eine andere Herangehensweise als ein Sachbuch. Weil sie in die Köpfe der Zeitgenossen blicken kann. Das Zauberwort heißt Empathie. Ich beim Schreiben, Sie beim Lesen können nachempfinden, wie unterschiedlich gestrickte Menschen den Wandel der Werte ihrer Zeit erleben. Vielleicht tauchen deshalb immer mehr Figuren auf, die mit dem Krimiplot gar nichts zu tun haben.

Ihre Reihe umspannt inzwischen einen Zeitraum von sieben Jahren, das hat auch etwas von Seifenoper.

Sicher, das ist wie bei den „Sopranos“, meiner Lieblingsserie. Man wird zu einer Art Familienmitglied, wenn man das verfolgt.

Im neuen Band „Marlow“ landet Ihr Kommissar Gereon Rath sogar auf dem Nürnberger Reichsparteitag und reißt dort plötzlich den Arm hoch. Das könnte man als Relativierung und Verteidigung des Mitläufers sehen, nach dem Motto, die Zeitgenossen konnten gar nicht anders.

Ich habe die Szene gerade erst auf einer Lesung vorgetragen, und die Leute haben sich richtig erschrocken, dass ihr Gereon so etwas tut. Ich wollte damit zeigen, wie schwierig es damals war, gegen den Strom zu schwimmen, wollte dieses Phänomen der Massenpsychose vorführen. Eine Entschuldigung ist das nicht.

Was kann man den Menschen von damals vorwerfen? Duckmäusertum? Ignoranz? Naivität?

Wohl eine Mischung von all dem. Ich habe mit meiner Großmutter darüber gesprochen. Sie erzählte, wie die Gestapo einmal bei ihr vor der Tür stand und meinen Großvater mitgenommen hat, einen einfachen Schreiner. Der Grund: Sein Chef war Jude. Und meine Oma, die bestimmt keine Antisemitin war, sagte: Das haben wir ja gar nicht gewusst. Wie eine unbewusste Rechtfertigung. Der Respekt vor der Obrigkeit war enorm ausgeprägt. Viele Leute empfanden sich nicht als Teil des politischen Prozesses. Die da oben und wir kleinen Leutchen hier unten.

Ursprünglich wollten Sie die Reihe im Jahr 1936 beenden. Inzwischen haben Sie angekündigt, bis 1938 fortzufahren.

Ich hatte geplant, mit den Olympischen Spielen aufzuhören, aber das wäre das falsche Datum gewesen. Weil es zu positiv besetzt ist. Jetzt habe ich mir vorgenommen, dass mit der Pogromnacht Schluss ist. Zu diesem Zeitpunkt ist klar, worauf es hinausläuft. Der Weg führt Richtung Holocaust, es wird Krieg geben: Im Herbst 1937 wurden in Berlin Fliegeralarmübungen mit Attrappen von abgestürzten Flugzeugen in den Straßen durchgeführt, Vollverdunkelung, es brannte. Wer es wissen wollte, konnte es wissen.

Wären die Kriegsjahre nicht literarisch spannend, wenn Sie zeigen wollen, was der Nationalsozialismus mit den Leuten im Alltag macht?

Krieg ist viel zu pervers und zu sehr Ausnahmesituation. Das ist zu weit weg vom normalen Leben. Und für meinen Protagonisten Rath kommt schon 1936 der entscheidende Punkt, an dem er nicht mehr im Polizeidienst arbeiten kann, wenn nämlich nach den Olympischen Spielen Himmler Polizeichef wird. Außerdem muss irgendwann Schluss sein. Ich möchte nicht wie Donna Leon eines Tages bei Band 27 ankommen.

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