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Bald schon Erdenimmunität?

© Foto: freepik; Collage: Kostrzynski | Tagesspiegel

Tagesspiegel Plus

Corona-Impfquoten unter ein Prozent: Ungerechte globale Verteilung bedroht Deutschland

Niedrige Impfquoten in vielen Ländern der Erde gefährden auch Deutschland. Die Gründe sind vielfältig. Und die Zeit drängt.

Axel Pries, der ein paar Tage vor dem nächsten Auftritt in seinem eierschalenweißen Büro in Berlins Charité sitzt, ist gedanklich immer ein wenig woanders. Beispielsweise in Genf, Schweiz, oder in Kampala, Uganda. In dem zentralafrikanischen Staat war Pries erst diesen Sommer, traf dort Minister, Ärzte, Diplomaten.

Ihnen allen ging es darum, die Pandemie zu stoppen, also letztlich um Impfstoffe gegen das Coronavirus. Um fehlende Impfstoffe, muss man wohl sagen, denn noch sind in vielen Regionen Afrikas nicht ausreichend Dosen angekommen, und wenn doch, wurden sie nicht alle verimpft.

In Teilen vielen Ländern Afrikas liegt der Anteil derer, die bereits vollständig immunisiert sind bei unter zehn Prozent.

© Stand 18. Oktober 2021; Tagesspiegel/Klöpfel; Quelle: Bloomberg, Statista

Pries, der Dekan der Charité ist, also formal der Chef der 2000 Forscher und mehr als 8000 Studenten an Europas größter Universitätsklinik, will das ändern. Und obwohl Fragen nach globaler Impfstoffverteilung, also letztlich nach weltweiter Gesundheitsversorgung, übergroße Fragen sind, die auch logistische, politische, ökonomische, zuweilen sogar militärische Aspekte berühren, könnten Pries’ Bemühungen irgendwann einen Unterschied machen.

Axel Radlach Pries, 67 Jahre, Professor für Physiologie, sitzt seit 2015 als Chef der Charité-Fakultät im Vorstand der Klinik, sein Büro befindet sich im backsteinroten Friedrich-Althoff-Haus auf dem Campus am Berliner Regierungsviertel. Seit einigen Monaten steht der Dekan Pries – ehrenamtlich – zudem dem World Health Summit vor. Das meist WHS abgekürzte Forum ist eine der wichtigsten Initiativen aus der Charité. Gegründet wurde der Kongress für Mediziner, Wirtschaftsvertreter und Politiker im Jahr 2009 von Detlev Ganten, dem früheren Charité-Chef.

Der World Health Summit vernetzt 6000 Experten aus 100 Nationen

Schon Ganten konzipierte den Gipfel gewissermaßen als Forum für Ratschläge aus der Fachwelt an die Realpolitik – so steht das WHS von Anbeginn unter der Schirmherrschaft der deutschen Kanzlerin und des französischen Präsidenten. An diesem Sonntag startet das World Health Summit erneut im „Kosmos“, dem opulenten Ex-Kino in der noch opulenteren Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain: 300 Sprecher, dazu 6000 – davon die meisten via Netz zugeschaltet – Teilnehmer aus 100 Nationen.

In einer Welt, sagt Pries, in der überall die gleichen biophysikalischen Gesetze herrschten, in einer Welt, deren Bewohner ohnehin zunehmend vernetzt lebten, müsse es doch darum gehen: nicht nur mit nationalen, gar regionalen Maßnahmen zu reagieren, sondern einen abgestimmten, internationalen Mechanismus zu entwickeln. Wann wird mit welchen Maßnahmen reagiert? Wer fragt wen nach Expertise? Auch: Wo soll wie in welcher Reihenfolge geimpft werden?

Charité-Dekan Axel Pries

© Hannes Heine

Pries erwartet am Sonntag neben dem französischen Gesundheitsminister Olivier Véran, einem 41 Jahre jungem Sozialdemokraten, auch Tedros Ghebreyesus, den aus dem heutigen Eritrea stammenden Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation – jener WHO, die als Sondereinrichtung der Vereinten Nationen in Genf ihren Sitz hat und die ihre Rolle im aktuellen Spannungsfeld der Mächte noch finden muss.

„Die Corona-Pandemie sollten wir als Warnung verstehen – so wie Covid-19 werden künftige Epidemien vor keinem Land haltmachen“, sagt Pries. „Und die unmittelbaren, mitunter lebensgefährlichen Probleme, die aus dem Klimawandel resultieren, stoppen ebenfalls nicht an Grenzen: Auch in Deutschland werden beispielsweise mehr Herz-Kreislauf-Probleme auftreten – und zu mehr Todesfällen führen.“

In den meisten Staaten Afrikas ist die Impfquote zehn Monate nach der Zulassung des Biontech-Präparats gering; in Niger, Kamerun, Tschad sind erst circa ein Prozent der Einwohner voll geimpft. Das sei auch für den Westen gefährlich, sagt Pries, denn es heize die Pandemie an: Wenn sich das Virus ungehindert verbreite, mutiere es dabei eben auch. Die Zahl der unter Beobachtung stehenden Corona-Varianten steigt. Einige von ihnen werden von dem in Deutschland zuständigen Robert-Koch-Institut als besorgniserregend eingestuft.

Wenn Europa Afrika nicht hilft, werden es China oder Russland tun

Neben diesem medizinischen Argument, in Afrika mehr Impfungen zu ermöglichen, gibt es Pries zufolge ein ethisches, das sich durch ein politstrategisches Argument ergänzen lasse: Die westlich-demokratische Welt, die ihre Gesellschaftsform gegen autoritäre Staaten behaupten möchte, sollte den ärmeren Nation zeigen, dass sie es mit dem Gebot des Humanismus ernst meine. Dazu komme die Geopolitik: Wenn nicht die Europäer in Afrika helfen, werden es wohl China und Russland tun.

Die Europäische Union lieferte in zehn Monaten immerhin mehr als eine Milliarde Corona-Impfstoffdosen an andere Länder. Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen sagte vor einigen Tagen, die EU werde in den kommenden Monaten weitere 500 Millionen Impfdosen an besonders gefährdete Länder spenden. Wegen des zunächst knappen Impfstoffs hatte die EU im Februar 2021 eine Exportkontrolle eingeführt. Über die UN-Initiative „Covax“, an der die Stiftung von Bill und Melinda Gates beteiligt ist, wiederum sind 87 Millionen Dosen an „Länder mit niedrigem Einkommen“ gegangen, wie es hieß.

Deutschland, sagt Pries, sei engagiert und mache vergleichsweise viel. Der Medizinstratege verweist unter anderem auf den WHO-Hub in Berlin, der gerade erst mit deutscher Unterstützung eingerichtet wurde und eng mit der Charité verbunden ist: 30 Millionen Euro gab die Bundesregierung dazu. In Berlin werden nun Daten aus aller Welt ausgewertet, um Epidemien früher zu erkennen.

Würde die WHO idealerweise zu einem funktionierenden, machtvollen Weltgesundheitsamt, dann könnte Pries’ WHS die dazu passende Expertenrunde sein, eine internationale Fachgesellschaft, die jene Globalbehörde WHO mit der nötigen Forschungsexpertise ausstattet, um die Exekutive wissenschaftlich fundiert für die großen Linien der Politik vorzubereiten.

Die WHS-Initiative der Charité könnte bald weltweit Beachtung finden.

© Hannes Heine

Davon, das weiß Pries, ist man weit entfernt. Die USA, nicht nur unter Donald Trump, auch unter Joe Biden, China mit Xi Jinping, Wladimir Putins Russland und das Brasilien Jair Bolsonaros hadern nicht nur damit, Entscheidungen an die WHO abzugeben. Die USA zogen sich im Sommer 2020 im Streit um die Pandemiestrategie aus der aktiven WHO-Arbeit zurück. Bolsonaro sagte: „Wir brauchen keine Leute von außerhalb, die uns Tipps bei der Gesundheit hier geben.“

Das politische Umfeld ist Weltgesundsgremien also – milde formuliert – nicht wohlgesonnen. Und in vielen Staaten Afrikas kommen eigene Hindernisse hinzu. Neben den fehlenden Strukturen, also wenigen Ärzten und fehlender Infrastruktur in den Provinzen, stoßen Behörden und internationale Helfer gerade südlich der Sahara auf massive Impfskepsis. Aus Malawi, Sierra Leone und der Demokratischen Republik Kongo berichteten Minister, Helfer und Virologen dem britischen Sender BBC, dass Millionen Impfdosen nicht vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums verimpft werden konnten.

Die westlichen Nationen sollten jetzt zeigen, was sie für die Welt tun können

Axel Pries, Präsident des World Health Summit

Zunächst, sagt WHS-Präsident Pries, gebe es ja auch in Deutschland eine gewisse Impfskepsis. In vielen Staaten Afrikas kämen neben fehlender Aufklärung aber die „problematischen Erfahrungen aus der Kolonialzeit“ dazu. Nötig seien Hilfe und Unterstützung zur Selbsthilfe. Damit Arzneien nicht als fremde Produkte wahrgenommen würden, sagt Pries, sei es ratsam, afrikanische Fachleute nach Deutschland einzuladen. Die könnten sich hierzulande in Laboratorien und Produktionsstätten mit den Prozessen vertraut machen und die Expertise und den Impfstoff dann als eigenes Erzeugnis nach Uganda mitnehmen. Labore und Werke vor Ort einzurichten, sei wenig realistisch, sagt Pries, die Prozesse und Regulationen seien sehr komplex, und die Zeit dränge.

Nur wenige Regierungen in Afrika haben überhaupt erklärt, Vakzine herstellen zu wollen. In Südafrika wird der Impfstoff der US-Firma Johnson & Johnson abgefüllt, das Vorprodukt muss geliefert werden. Pläne der deutsch-amerikanischen Kooperation von Biontech und Pfizer für eine Vakzin-Produktion in Südafrika sind noch vage. Auf dem Höhepunkt der Pandemie im Dezember 2020 schrieb die „Stiftung Wissenschaft und Politik“, die bekannte SWP, die auch die Bundesregierung berät: „Letztlich entscheidet sich in den Industriestaaten, ob Covid-Impfstoffe als globales öffentliches Gut behandelt und entsprechend verteilt werden – oder ob trotz ausreichend vorhandener Vakzine der Großteil der Bevölkerung etwa in Afrika ungeimpft bleibt.“

Der Charité-Dekan muss los, der nächste Termin. Ständig wollen Professoren, Institutsleiter, Vertreter anderer Hochschulen mit dem Dekan ein Papier absprechen, einen Termin ausmachen, ein Projekt skizzieren. Ein Satz noch zum neuen US-Präsidenten: „Joe Biden hat ja gesagt, wir befänden uns in einer Epoche, in der die freiheitlichen Demokratien ihr Modell verteidigen müssten – deshalb sollten die westlichen Nationen jetzt zeigen, was sie für die Welt tun können.“ Am Sonntag wird Pries seine Sicht internationalem Publikum vortragen – und hoffen, dass sich die Lage verbessert.

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