Coronavirus-Whistleblower Li Wenliang ist tot : Trauer um Arzt aus Wuhan wird zur Gefahr für die Regierung

Li machte auf das Virus aufmerksam und wurde zum Schweigen gezwungen. Jetzt wird er in China als Held gefeiert. Die Regierung zeigt sich ratlos.

Ein Foto des Arztes Xi Wenliang. Er hinterlässt eine schwangere Frau.
Ein Foto des Arztes Xi Wenliang. Er hinterlässt eine schwangere Frau.Foto: Li Wenliang/Social Media/AFP

Ausgerechnet einer der Ärzte, die das Coronavirus entdeckten, der 33-Jährige Li Wenliang, ist jetzt selber an der Infektion gestorben. Ende Dezember hatte er sieben Patienten mit einer unbekannten Lungenkrankheit untersucht, die zuvor alle auf dem lokalen Fischmarkt von Wuhan gewesen waren.

Li erkannte Ähnlichkeiten zu den Symptomen des Sars-Erregers und informierte am 30. Dezember seine Kollegen über den Befund. Zusammen mit sieben Kollegen, die ebenfalls von der Existenz des neuartigen Virus berichtet hatten, wurde er daraufhin von der Polizei wegen der „Verbreitung von Gerüchten“ ermahnt. Li muss sich in dieser Zeit bereits selbst bei einem Patienten angesteckt haben. Die chinesische Regierung spielte um den Jahreswechsel die Gefährlichkeit und Ausbreitung des Virus noch stark herunter.

Noch von seinem Krankenbett aus hatte Li dem TV-Sender CNN ein Interview gegeben. Er sagte: "Ich wollte nur meine Kollegen warnen, dass sie vorsichtig sein sollen."

„Hoffentlich ist der Himmel frei von Viren – und Ermahnungen“, lautet ein Kommentar zum Tod des chinesischen Arztes in sozialen Medien. Unter dem Hashtag #IchwillMeinungsfreiheit – verbreiteten Zehntausende bei Weibo, dem chinesischen Pendant zu Twitter, in der Nacht auf Freitag die Forderung nach dem Recht auf freie Meinungsäußerung.

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Whistleblower-Arzt stirbt an Coronavirus - inzwischen mehr als 600 Tote
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In den frühen Morgenstunden hatten bereits mehrere Millionen Menschen die Posts gesehen. Kommentatoren erinnerten an die Verfassung der Volksrepublik China, die ihnen Bürgerrechte in der Theorie zusagt, aber die ihnen wegen der autoritären Politik der Kommunistischen Partei faktisch verwehrt bleiben.

Als Reaktion auf den Aufruhr im Netz waren staatliche Medien in selbiger Nacht vorübergehend angewiesen, Berichte über den Tod von Li Wenliang zu korrigieren und stattdessen zu behaupten, er würde weiterhin behandelt werden. Doch weil der Fall so hochexplosiv für den Staats- und Parteichef Xi Jinping ist, ruderte er schnell zurück. Am Freitag wurde über den Onlinedienst Weibo mitgeteilt, dass es trotz „umfassender Anstrengungen“ nicht möglich war, Lis Leben zu retten.

Kurz darauf wurde bekannt, dass das Zentralkomitee, ein Ermittlungsteam in die zentralchinesische Metropole Wuhan entsandt hatte, um „die Fragen des Volkes“ zu den Vorfällen zu untersuchen.

Die Propaganda drehte sofort auf und das Staatsfernsehen versuchte, die Stimmung im Volk widerzuspiegeln, indem es Li als „einfachen Held“ und „ausgezeichneten Repräsentanten“ des medizinischen Berufsstandes lobte. Seine „Professionalität“ und seine „medizinische Ethik“ hätten ihn veranlasst, in den Anfängen der Epidemie eine vorbeugende Warnung an die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein Bild des chinsesischen Arztes Dr. Li Wenliang liegt mit Blumen vor einem Krankenhaus.
Ein Bild des chinsesischen Arztes Dr. Li Wenliang liegt mit Blumen vor einem Krankenhaus.Foto: Uncredited/dpa

Das Staatsfernsehen feiert ihn als „Whistleblower“, obwohl das kommunistische System sonst niemanden ermutigt, Probleme oder Missstände zu enthüllen. Doch die Propaganda weiß, dass sie den Ärger im Volk einfangen und steuern muss, weil sich die Empörung sonst gegen das System richten könnte.

Denn die Anteilnahme am Tod des Arztes hat das ganze Land erfasst. Heldenhaft hatte Li noch vom Krankenbett in einem TV-Interview gesagt, sich nach seiner Genesung wieder in den Kampf gegen das Virus stürzen zu wollen. „Jetzt, wo sich die Epidemie weiter ausbreitet, will ich kein Fahnenflüchtiger sein.“

Die Wut auf die Behörden ist auch deshalb so groß, weil die Regierung die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus drastisch verschärft hat. Jeder Haushalt in Wuhan soll demnach durchsucht werden, ob sich Kranke dort aufhalten. Die würden dann in die Quarantäne-Zentren gebracht. Das kündigte Sun Chunlan, eine von Chinas Vizepremiers an. Sie sagte weiter: "In Kriegszeiten ist kein Platz für Deserteure."

Li ist kein Einzelfall

Ein Student erzählte einem Magazin, wie der Arzt ihn und seine Kommilitonen vor einer Rückkehr von Sars gewarnt hatte. Die Pandemie des Schweren Akuten Atemwegssyndroms hatte 2002/2003 rund 8000 Menschen angesteckt, 774 starben. Li und die Studenten hätten die Nachricht nicht über das in China verbreitete WeChat-Programm verbreitet, weil es von der Polizei überwacht wird. Aber sie hätten die Mahnung mündlich weitergegeben. Auch viele Ärzte hätten sich daraufhin besser vor dem Virus geschützt. „So hat er wirklich viele Leute gerettet.“

Li war kein Einzelfall. Viele Ärzte wussten Ende Dezember von der Häufung seltsamer Virusfälle in Wuhan. An diesem Wochenende ist es zwei Monate her, das alles begann: Die erste Ansteckung datierten chinesische Behörden rückwirkend auf den 8. Dezember. Viele Versäumnisse in den ersten Wochen haben dazu beigetragen, dass das Virus zu einer ernsten Bedrohung mit derzeit mehr als 31.000 Fällen in China wurde – und zu einer „internationalen Notlage“ mit bald 300 Fällen in mehr als zwei Dutzend weiteren Ländern.

Auch zwei chinesische Intellektuelle hatten über internationale Medien scharfe Kritik an der Kommunistischen Partei geübt. Die beiden Regimekritiker Xu Zhangrun und Xu Zhiyong veröffentlichten in dieser Woche unabhängig voneinander jeweils einen Artikel über das Krisenmanagement in Peking.

Die Juristen gingen dabei mit ihrer Regierung hart ins Gericht und warfen ihr vor, beim Kampf gegen das Coronavirus versagt zu haben. Jetzt müssen sie drastische Konsequenzen fürchten: Beide Dissidenten waren in den vergangenen Jahren wegen ihrer Kritik an der Partei bereits bestraft worden. Xu Zhiyong saß vier Jahre in Haft.

Seit Dezember ist er untergetaucht. Professor Xu Zhangrun darf seit 2018 nicht mehr an der Tsinghua-Universität in Peking lehren. In einem Artikel, der über ausländische Onlinemedien in chinesischer Sprache veröffentlicht wurde, schrieb er: „Das politische System ist kollabiert unter der Tyrannei, und das von Bürokraten errichtete Regierungssystem, dessen Aufbau die Partei 30 Jahre gekostet hat, ist ins Schwimmen geraten.“ (tsp,dpa)