Das Notizbuch als Versprechen

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Der Hype ums Papier : Die neue Schreibkultur
Notizbuch statt Notebook
Foto: Thilo Rückeis

Das Notizbuch als Versprechen: aus seinem Benutzer einen Künstler zu machen. Das ist auch das Erfolgsrezept von Moleskine, mit dem der Boom Ende der 90er Jahre begann. Die italienische Firma nahm eine vermutlich halbwahre Notiz aus „Traumpfade“, wo Bruce Chatwin erzählt, er habe immer diese speziellen Notizbücher aus einer Pariser Papeterie besorgt, und jetzt würden die nicht mehr hergestellt. Die Mailänder Firma erklärte, auch Hemingway und Picasso hätten solche Notizbücher verwendet (so ähnliche werden es wohl gewesen sein), und schon war das Buch, das in China produziert wird, mit seinen leeren Seiten Kultobjekt. Bald ging die Firma an die Börse. Der gigantische Erfolg hatte nur einen Nachteil: Seit man das Ding an jeder Ecke bekommt, taugt es nicht mehr als Statussymbol der kreativen Klasse. Die ist jetzt in den Berliner Papeterien besser bedient, wo man Produkte auch kleinerer Hersteller aus aller Welt und der eigenen Stadt bekommt, von denen es ebenfalls immer mehr gibt.

Schreibwarenladen, das klingt so deutsch, nach Hausaufgaben und Büro. Papeterie hat eine ganz andere Leichtigkeit, ein anderes Flair, so international wie das Angebot: Reisetagebuch und Löwenpapiertüten kommen aus Japan, die Büroklammern aus China, der Kalender aus Frankreich, das Schulheft aus Polen, die Kladde aus den USA, Karten und Geschenkpapier aus Berlin.

„Stationery Fever“ hat Luca Bendandi das Buch getauft, das im nächsten Herbst bei Prestel erscheint. Der italienische Wahl-Berliner, der als Designer Buchideen entwickelt, hat auf der ganzen Welt Bleistifte, Radiergummis und Hefte gesammelt, bis er so viele hatte, dass er aus seinem Studio einen Pop-up-Store in Neukölln machte, wo er auch auf alten Maschinen Bilder druckt.

Lektoriert wird das Buch von Angela Nicoletti, die immer ins R.S.V.P. kam, weil sie die Sachen so wahnsinnig schön fand. Als Objekt, mehr noch denn als Gebrauchsgegenstand. Irgendwann gab sie ihren „langweiligen Bürojob“ auf und heuerte bei R.S.V.P. an. Eine Papeterie zu betreten kann ziemlich gefährlich sein.

Berliner Papeterien:

R.S.V.P., Mulackstraße 14 & 26, Mitte;

Papier Tigre, Mulackstraße 32, Mitte;

Inkwell, Kienitzerstraße 103, Neukölln;

Luiban, Rosa-Luxemburg-Str. 28, Mitte;

P&T – Paper & Tea, Bleibtreustraße 4, Charlottenburg; P&T, Alte Schönhauser Straße 50, Mitte;

Two and Two, Pannierstraße 6, Neukölln

Kettcards, Regensburgerstr. 25a, Schöneberg

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