Die Überfahrt beginnt

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Gesellschaft : Der Schleuser aus Sibirien
Andrea Di Nicola Giampaolo Musumeci

Glücklicherweise hört er auf mich. Also brauchen wir ein besseres Boot: noch mal zwei Monate Warten! Auf der Suche nach dem Boot fahre ich quer durch die Türkei. Die Tage vergehen, aber sie zahlen alles: Hotel, Verpflegung, Reisekosten. Dann finde ich endlich das passende Boot: neun Meter lang, 31 000 Euro. Kein Problem, sagen sie. Ich fliege von Istanbul nach Marmaris. Eine Stunde Flug. Ich komme zum Hafen, gehe an Bord, fahre aufs Meer. Es ist sieben Uhr abends, April 2011. Ich nehme Kurs auf Griechenland.

Obwohl ich mich draußen auf dem Meer unglaublich frei fühle, bin ich eigentlich ihre Geisel. Ich habe das Boot auf meinen Namen gemietet, sie haben mich in der Hand. Wenn ich abhaue, zeigen sie mich wegen Diebstahls an. Sie verfolgen meinen Kurs genau, alle zwei Stunden muss ich meine Koordinaten durchgeben. Sie wollen alles wissen, die Leute von der Organisation.

Lange Zeit ist die Fahrt schwierig. Es herrscht starker Wind, es stürmt. Weil das der Motor nicht durchhält, beschließe ich, näher an die Küste zu fahren. Sage und schreibe drei Mal muss ich den Anker werfen: eine 70 Meter lange Metallkette mit großen Kettengliedern. Ich bin mutterseelenallein. Es ist eiskalt, der Wind peitscht; wo ich hingucke, Wasser. Aber das Boot stoppt nicht. Erst beim dritten Versuch sitzt der Anker fest. Ich bin erschöpft, klettere unter Deck, versuche, ein paar Stunden zu schlafen. Mein Boot liegt bei einer kleinen griechischen Insel. Ich schließe die Augen und wache erst auf, als es hell wird: drohend über mir eine orthodoxe Kirche. Zeit, zu verschwinden.

Nach einer Woche und einem fürchterlichen Sturm erreiche ich Lefkada. Ich habe zwei Nächte geschlafen, wenn überhaupt. Alle 20 Minuten musste ich den Horizont kontrollieren. Ich bleibe drei Tage auf der ionischen Insel. Über Western Union schickt mir der Organisator 2000 Euro. Davon kaufe ich ein Schlauchboot mit Motor, als Beiboot. Am Telefon krieg ich zu hören: „Wenn du nicht 31 Leute mitnimmst, hast du ein echtes Problem.“

Er sagt mir, ich soll den Hafen von Lefkada verlassen und über Nacht an der Reede warten. Übermorgen würden sie mir sagen, wo ich die Kunden an Bord nehmen kann. Die Koordinaten, die sie mir geben, führen mich an eine felsige Küste. Kein Dorf, kein Hafen, kein gar nichts. Es ist Nacht, stockdunkel. Ich fahre näher heran, klebe fast an der Klippe, berühre schon die Felsen. Da kommen die Bastarde an Bord, wie Billardkugeln kullern sie blitzschnell unter Deck. Tum, tum, tum! Sie huschen vorbei, hören nicht auf meine Anweisungen, keiner spricht Englisch. Schwupp, sind sie drin. Genau 31. Alles Männer. Die meisten zwischen 17 und 25. Afghanen und Iraker. Einer hat ein Handy. Vielleicht hält er den Kontakt mit den Chefs.

Sie wollen nach Sizilien, aber ich setze mich durch: „Zu weit und zu gefährlich.“ Ich nehme Kurs auf Apulien. Ich fahre mit vier Knoten, mit Segel und Motor. Wir brauchen zwei Tage. Die Flüchtlinge bleiben unter Deck, der Schwerpunkt muss unter Wasser bleiben. Sie müssen da drinnen bleiben, und wenn sie kotzen. Wenn jemand an Deck kommt, laufen wir voll Wasser und krepieren. Ich kenne da keine Gnade, sie müssen die Klappe halten. Die Flüchtlinge fangen an zu beten. Ich bin ihre einzige Hoffnung. Ich hätte auch einem von denen das Ruder in die Hand drücken, das Schlauchboot nehmen und umkehren können. Aber der Typ bin ich nicht, der das Leben von Menschen aufs Spiel setzt. Das wäre ja ein Verbrechen.

Als wir in italienischen Gewässern sind, schalte ich alle Lichter am Boot aus. Wir sind in Küstennähe. Absolute Stille, pechschwarze Nacht, es ist nichts zu hören, nur das Rauschen der Wellen und leises Motorbrummen. Dann drehe ich mich um und sehe direkt vor mir einen riesigen Drachenschädel: das Patrouillenboot vom Zoll, sie fahren auch ohne Beleuchtung.

Ich stelle den Motor ab. Sie kommen näher. Ich schreie, dass mein Funkgerät nicht funktioniert. Sie sagen auf Englisch: „Bleiben Sie stehen, keine Bewegung!“ Und ich: „Okay, okay.“ Sie legen langsam bei. Der Steuermann ist der reinste Dilettant, so was von ungeschickt. Ich rufe rüber, er soll’s sein lassen, ich komme ran. Sie befehlen mir, zu bleiben, wo ich bin. Keine Manöver! Sie kommen an Bord, fragen, ob ich keine Papiere habe. Ich sage, doch, alles in Ordnung. Hätte ich so getan, als besäße ich keine Papiere, wäre ich auf der Stelle ein illegaler Flüchtling gewesen und nicht etwa als Schleuser verurteilt worden. Solche Spielchen sind nichts für mich. Ich bin ein Seewolf, ein Profi. Die Flüchtlinge haben Glück gehabt, sie haben Italien ja erreicht.

Der Text ist ein leicht gekürzter Vorabdruck von Andrea Di Nicola und Giampaolo Musameci, „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ (Kunstmann Verlag 2015, 208 Seiten, 18,95 Euro).

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