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Dankbare Mütter (und Väter) demonstrierten gegen die Gefängnisstrafe, die Dr. Spock wegen seines Protests gegen den Vietnamkrieg drohte.

© Imago

Kinderarzt und Rebell: Dr. Spock, Vater der Nation

Er war Arzt und hat mit einem Erziehungsratgeber in den USA Generationen geprägt. 1965 machten ihn die Bomben auf Vietnam zu einem der bekanntesten Kriegsgegner.

Jetzt erst recht. Dr. Spock war seit jeher bekannt für seine eleganten Anzüge von Brooks Brothers. Aber bei den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg war es ihm besonders wichtig, in Schlips und Kragen zu marschieren. Ihn konnte wirklich niemand als unreifen Hippie abtun. Der Dreiteiler war ein Statement: dass es ihm ernst war. Und er wusste um die mediale Wirkung. Wenn der weißhaarige Gentleman beim zivilen Ungehorsam festgenommen wurde, erschien das Bild garantiert auf den Titelseiten. Bei Demos war der „vielleicht berühmteste Kinderarzt der Welt“ („Spiegel“) der Erste, dem die Reporter ihr Mikrofon entgegenhielten.

Benjamin Spock, die Freundlichkeit in Person, war einer der prominentesten und entschiedensten Gegner jenes Kriegs, der die USA in den 60er Jahren zerriss. Eine Galionsfigur: Der schlaksige 1,93-Meter-Mann, „Big Ben“ genannt, war nicht zu übersehen, wenn er in der ersten Reihe mitlief, oft Seite an Seite mit Martin Luther King. Der lässig-distinguierte, humorvolle Friedensaktivist wurde in Talkshows eingeladen, er protestierte vor dem Weißen Haus, in dem er früher zu Gast gewesen war, gab populären Zeitschriften Interviews, sprach auf Kundgebungen und an Universitäten im ganzen Land. Dr. Spock war eine moralische Instanz. Für Millionen von Amerikanern gehörte er zur Familie. (Sein Namensvetter aus „Raumschiff Enterprise“, Commander Spock, trat erst 1966 auf die Bühne.)

Jahrgang 1903, hätte er der Großvater seiner jungen Mitstreiter sein können, die sich selbst als „Spock Babies“ bezeichneten. 1946 hatte er sein bahnbrechendes Buch „The Common Sense Book of Baby and Child Care“ (später „Dr. Spock’s Baby and Child Care“) veröffentlicht, das die Kindererziehung der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft revolutionierte. Ein Instant-Bestseller, der sich bis heute über 50 Millionen Mal verkaufte und in rund 40 Sprachen übersetzt wurde.

Relax!, lautete Spocks wichtigste Botschaft. Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand, vertrauen Sie Ihrem Gefühl und lassen Sie sich nicht Besserwissern verunsichern. Spock war ein sanfter Erzieher. Anders als viele Vorgänger, wollte er Eltern keine Vorschriften machen, sondern Vorschläge. Ein Optimist und Humanist, der fest an das Gute im Kind glaubte, ernannte er Babys zu Menschen, auf deren individuelle Bedürfnisse die Eltern eingehen sollten. Bis dahin funktionierte die amerikanische Erziehung meist nach einem starren Stundenplan: Zu festen Zeiten (den gleichen für alle) sollten die Kleinen gefüttert, auf den Topf gesetzt und ins Bett gebracht werden. „Das Kund muss nicht dressiert werden“, fand dagegen Spock.

Schreien lassen!, befahl John Watson, Spocks bekanntester Vorgänger in den USA; bloß nicht küssen und umarmen. „Schütteln Sie den Kindern morgens die Hand.“ Dr. Spock empfahl einen liebevollen, zärtlichen Umgang, riet auch – unerhört – zum Stillen, ohne dies wiederum zum Dogma zu machen. Egal, ob es um frühkindliche Sexualität oder Daumenlutschen ging, Dr. Spock votierte für einen entspannten Umgang damit.

Das Buch speiste sich aus der Praxis. Als junger Arzt hörte er den Müttern genau zu, notierte eifrig, was sie ihm zu erzählen hatten, und kombinierte ihre Erfahrungen und seine Beobachtungen mit der Lehre Freuds. Wobei er dessen Namen selten benutzte, um seine Landsleute nicht zu verschrecken. Spocks Ehefrau Jane, die einen wichtigen Anteil an der Fibel hatte, unterzog sich als Erste einer Analyse. Spock, überzeugt, dass ein Mediziner auch etwas von der Seele seiner Patienten verstehen sollte, arbeitete eine Zeit lang in der Psychiatrie, besuchte das Psychoanalytische Institut, legte sich auf die Couch.

Einer der Gründe für den Erfolg des Buchs war der Ton: verständlich, eher wie ein Gespräch. Der zweifache Vater hatte es auch nicht geschrieben, sondern seiner Frau diktiert. Zerfleddert lag der Band auf Millionen amerikanischer Nachttische, so allgegenwärtig und verlässlich wie hierzulande Dr. Oetkers Schulkochbuch. „Fragen Sie Dr. Spock“ hieß ein geflügeltes Wort. Dank eines detaillierten Indexes konnten die geplagten Eltern auch in der Nacht schnell nachschlagen.

Wahlwerbung für Kennedy

Gelassenheit und einen liebevollen Umgang empfahl der Kinderarzt den Eltern.
Gelassenheit und einen liebevollen Umgang empfahl der Kinderarzt den Eltern.

© AllMauritius

Besonders liebevoll war Spocks eigene Kindheit in Neu-England nicht gewesen. Der Vater: ein erfolgreicher Jurist und überzeugter Republikaner, der seinen Söhnen gegenüber distanziert und streng auftrat. Die Mutter: übermächtig, nach Babys verrückt, verfolgte ziemlich rigide Erziehungsmethoden. Als Frischluftfanatikerin schickte sie die sechs Kinder (Ben war der Älteste) zum Schlafen auf die Veranda und sperrte sie in den Schrank, wenn sie ihnen eine Lektion erteilen wollte. Selbstbewusstsein wurde eher zerstört als aufgebaut, er habe immer das Gefühl gehabt, so Spock, im Unrecht, ja, schuldig zu sein.

Wie sein Vater studierte er dann in Yale, allerdings erst einmal Literatur und Geschichte. Ein Umweg, den er auch anderen angehenden Medizinern ans Herz legte: weil sie hinterher so absorbiert wären von ihrem Job, dass sie leicht zu Fachidioten würden.

Sein Ansatz war ganzheitlich. So war für Spock auch das politische Engagement die logische Fortsetzung seiner beruflichen Tätigkeit. Ihm ging es um das Wohlergehen der Kinder in jeder Beziehung; gesund und glücklich und wohlgenährt sollten sie aufwachsen, in einer anständigen Welt. So setzte er sich schon früh gegen Atomtests ein, trommelte für Bildung, medizinische Versorgung, ein gutes Sozialsystem. 1960 unterstützte er den jungen John F. Kennedy im Präsidentschaftswahlkampf, weil dieser Bildung auf die Agenda setzte. Mit dessen Gattin trat der Vater der Babyboomer-Generation in einem Wahlspot auf, den man heute noch auf Youtube ansehen kann: „Dr. Spock is for my husband“, wispert da eine scheue Jackie, „and I am for Dr. Spock“.

1964 stellte sich der mittlerweile 61-Jährige im Präsidentschaftswahlkampf an die Seite von Lyndon B. Johnson, der versprach, keine amerikanischen Jungs in einen asiatischen Krieg zu schicken. Sein republikanischer Widersacher dagegen, „Klapperschlange“ Barry Goldwater, wollte Vietnam mithilfe von Atomwaffen „in die Steinzeit zurückbomben“.

Doch unmittelbar nach der Inauguration, im Februar 1965, begann Präsident Johnson mit Luftangriffen auf Nordvietnam, schickte bald Bodentruppen hinterher. Die Berufssoldaten reichten da nicht mehr aus, nun erhielten jeden Monat zehntausende junger Männer den Einberufungsbefehl. Dr. Spock war „entsetzt und empört“ über Johnsons Wortbruch. Also zog er auf die Straße. Auch wenn ihn, den eine Freundin als „angenehm altmodisch“ beschrieb, das anfangs noch etwas genierte. Die Verlegenheit legte sich bald.

Sein Engagement brachte dem Aktivisten viele Feinde ein. Die Verkaufszahlen des Ratgebers brachen ein, er wurde als Kommunist beschimpft und mit Eiern beworfen. In den Augen der Konservativen war der Revolutionär der Kindererziehung überhaupt schuld am ganzen Schlamassel der 60er Jahre, an der Freizügigkeit, den Drogen, den Protesten, war derjenige, der die Babyboomer verdorben hatte. Kritiker warfen ihm vor, Kinder zu hedonistischen, undisziplinierten Tyrannen verzogen zu haben, die jedes Bedürfnis sofort befriedigt bekommen wollten. Noch 2009 machte ihn ein Anonymus im Internet dafür verantwortlich, dass sich die Zahl gewalttätiger Verbrechen in den USA seit 1960 verdreifacht hatte: Er hätte den Kleinen nicht beigebracht, ihre Triebe unter Kontrolle zu halten, Autoritäten zu respektieren.

Sie hätten wohl sein Buch nicht richtig gelesen, wies Dr. Spock seine Kritiker zurecht. Er habe keine antiautoritäre Erziehung gepredigt, nicht einfach die Rollen vertauscht, sodass nun die Kinder das Sagen hatten, sondern gegenseitigen Respekt gefordert. Und den Eltern geraten, klare Regeln zu setzen, die Führung zu behalten, Vorbild zu sein. Dr. Spock war ein „konservativer Radikaler“ wie ihn Lynn Z. Bloom in ihrer Biografie nannte. Ihm lag sehr an moralischen Werten.

Das war ja der Grund, warum er als aufrechter Bürger schon vergleichsweise früh gegen den Vietnamkrieg kämpfte, den er als „militärisch hoffnungslos, moralisch falsch und politisch selbstmörderisch“ beschrieb. Er fühlte sich verantwortlich: Wozu waren denn all die Babys mit seiner Hilfe groß geworden – damit sie nun verheizt wurden und zusammen mit hunderttausenden unschuldiger vietnamesischer Kinder starben?

Für viele Eltern wurde der Arzt jetzt erst recht zur moralischen Instanz. Tausende von Briefen erhielt er zum Vietnamkrieg, die vor ein paar Jahren als Buch veröffentlicht wurden.

Ein fröhlicher Rebell

1967 ließ Dr. Spock sich vorzeitig emeritieren, um noch mehr Zeit für seine beiden Hobbys zu haben, wie er sie nannte: das Segeln und den Frieden. Im Januar darauf wurde er zusammen mit vier anderen Kriegsgegnern der „Verschwörung zur Unterstützung und Beratung von Wehrdienstverweigerern“ angeklagt. Dabei kannten die „Boston Five“ einander kaum oder gar nicht, hatten noch nie alle zusammen in einem Raum gesessen. Obwohl ihm hohe Haft- und Geldstrafen drohten, erfreute die Anklage den Arzt fast mehr als dass sie ihn erschreckte. Wie viele hoffte er in dem Schauprozess, der eigentlich zur Einschüchterung von Pazifisten gedacht war, die politisch-moralischen Fragen des US-amerikanischen Kriegsführung öffentlich zu verhandeln.

Aber die Hoffnung würgte der über 80-jährige konservative Richter gleich ab. Über Politik durfte nicht geredet werden. Das Verdikt nach einer zähen, formaljuristischen Verhandlung: zwei Jahre Gefängnis. Bei der anschließenden Pressekonferenz brach es aus dem sonst so sanften Doktor plötzlich hervor: „Wake up, America! Wake up before it’s too late!“ donnerte er seinen Landsleuten zu. „Do something now!“ Danach wurde getrunken und getanzt. Das Tanzen war seine Leidenschaft, eine Art Selbsttherapeutikum: gegen seine puritanische Erziehung, wie er sagte.

Das Urteil wurde in der Berufung wieder aufgehoben, der Kampf ging weiter. Je älter Spock wurde, desto radikaler wurde er auch. In jungen Jahren der brave, scheue Sohn konservativer Eltern, wachte er erst allmählich politisch auf, entwickelte sich dann aber im Laufe der Jahrzehnte zum Linken. Im Präsidentschaftswahlkampf 1972 kandidierte er für die People’s Party, forderte freie Gesundheitsversorgung, die Legalisierung von Abtreibung, Homosexualität und Marihuana, ein Mindesteinkommen für Familien und den Abzug der US-Truppen aus anderen Ländern. Später protestierte er gegen Einschnitte bei der Sozialhilfe.

Dr. Spock war ein fröhlicher Rebell. Sein hohes Alter (er starb 1998, mit 94) führte er vor allem auf seine Lebenslust zurück. Im Sommer wohnte er auf seinem Boot in Maine, im Winter auf dem zweiten in der Karibik. Noch mit über 80 ruderte er eifrig – als Student hatte er bei den Olympischen Spielen in Paris 1924 mit dem Achter die Goldmedaille gewonnen. Ein weiterer Jungbrunnen war seine 40 Jahre jüngere zweite Frau Mary Morgan, die er 1975 heiratete und von deren alternativem Lebensstil – Yoga, Meditation, vegetarische Ernährung – er sich anstecken ließ.

Dr. Spock verband die Erfahrungen aus der Praxis mit den Lehren Freuds.
Dr. Spock verband die Erfahrungen aus der Praxis mit den Lehren Freuds.

© Fred Stein/picture alliance

Seinen Klassiker hat er immer wieder überarbeitet, der Zeit und neuen Einsichten angepasst. Besonders getroffen hatten ihn die Vorwürfe des Sexismus von Feministinnen, allen voran Gloria Steinem. In der Neuauflage der 70er Jahre betonte er, dass Väter dieselbe Verantwortung bei der Erziehung und im Haushalt hätten.

Solange er aufrecht stehen könne, würde er für Veränderung kämpfen, hat Dr. Spock einmal erklärt. Im Unterschied zu Johnson hielt er sein Wort.

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