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Gehstützen, Krücken, Stöcker?

© Dorothee Nolte

Nach der Hüft-OP: Ein Insiderreport aus der Reha

Zwischen Terraintraining und Muckibude lernt unsere Autorin das Laufen neu – und ihre Mitleidenden kennen. Hier geht so was flottivonhotti.

In Ihrem zarten Alter? – Wie, jetzt schon? – Sie sind doch noch so jung!

Das Schöne an einer Hüft-OP mit Mitte 50 ist, dass die Umgebung plötzlich in einem fort betont, wie frisch und jugendlich man doch sei. Dabei fühlt man sich mit kranken Hüften alles andere als jugendlich. Schon der Gang zur Bushaltestelle ist eine Last, beim Aufstehen aus dem Stuhl stemmt man sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am Tisch ab, und dass Menschen freiwillig wandern oder Marathon laufen, kann man irgendwann nicht mehr glauben: Warum machen die Leute so was? Das tut doch weh!

Jetzt schon ein neues Hüftgelenk? Ja, unbedingt.

Ich bin flotte 56 Jahre alt und habe vor drei Jahren meine erste, vor wenigen Wochen meine zweite künstliche Hüfte bekommen. Damit gehöre ich einer aussterbenden Spezies an. Wer heutzutage, wie ich im Jahre 1963, mit einer Hüftfehlstellung geboren wird, wird sofort per Ultraschall durchleuchtet, in Spreizwindeln gesteckt und fertig. Naturvölker lösen das Dysplasie-Problem angeblich, indem sie ihre Kinder im Beutel mit gespreizten Beinchen an ihrem Körper tragen, dann rutschen die Hüftköpfe von alleine richtig in die Pfannen. Ich dagegen konnte, im Kinderwagen liegend und von keinem Ultraschall gestört, meine Hüftdysplasie in Ruhe ausbilden und runde 40 Jahre auch gut damit leben.

Eine Woche Krankenhaus, drei Wochen Reha

Dann beginnen die Probleme, die bei normalem Verschleiß erst 20, 30, 40 Jahre später auftreten: Anlaufschmerzen, zunehmende Pein beim Gehen und Treppensteigen, Schonhaltung, Humpeln, Jammern und Zetern. Vor 100 Jahren hätte ich mich nur noch an den Ofen setzen können, heute ist die Hüft-TEP ein Routine-Eingriff. Um die 140 000 neue Hüften werden pro Jahr in Deutschland eingesetzt. Das Durchschnittsalter der Patientinnen liegt allerdings bei 73 Jahren (Männer 77), nur zehn Prozent sind unter 55 Jahren und gelten somit als „sehr jung“. Die Prozedur ist einfach: Rund eine Woche bleibt man im Krankenhaus und verlässt es mit einer circa sechs Zentimeter langen Narbe, dann drei Wochen Reha, in meinem Falle ambulant.

Morgens um sieben Uhr kommt der Fahrdienst, der mich zum Krankenhaus nach Schöneberg bringen soll. Fahrer Guido verstaut meine Gehhilfen – ich nenne sie Krücken, Guido sagt Stöcker – und hilft mir in den Kleinbus. Drei Leute sitzen schon drin, darunter Frau K., ebenfalls Hüfte, sehr gesprächig. Sie redet mit Guido über eine andere Patientin, die gestern ihren letzten Tag hatte: „Die hat beim Abschied fast geweint, so lustig fand sie das bei uns.“ Guido sagt, er möchte ein Buch schreiben über seine Erlebnisse mit den Patienten im Fahrdienst. Eine gute halbe Stunde kurvt er durch Halensee, Schmargendorf, Grunewald, lädt weitere Patienten ein, dann sind wir da.

Luxation, der Horror der Hüften

Ein imposanter Altbau, gegenüber der moderne Flachbau mit Therapieräumen, drum herum ein Park mit Skulpturen: So sieht die Reha-Abteilung aus. Auch Krebs-, Herz-, Schlaganfallpatienten kommen hierher, aber wir Hüft- und Knieoperierten sind leicht zu erkennen. Wir bewegen uns mit Krücken vorwärts, und um unseren Hals hängt ein Jutebeutel mit der Aufschrift „Rein ins Leben“. Darin stecken eine Trinkflasche und ein blauer Hefter mit unserem Programm: Massage, Hüfte-Knie-Gruppe, Einzelbehandlung Physiotherapie, Gangschule, Vorträge.

Als Erstes habe ich „Terraintraining“. Das klingt wie Robben durch Schützengräben, ist aber harmlos. Hüften und Knie laufen dabei im Pulk durch den Park, auf Betonplatten, Wiese, Moos, Blättern, Bordsteinen. Mal heben wir die Beine hoch wie beim Storchengang, mal die Fersen zum Po, mal laufen wir seitwärts, rückwärts oder setzen die Füße erst nach rechts, dann nach links, „Grundschritt Salsa“, sagt der Physiotherapeut. Und: „Nicht über 90 Grad beugen, keine Innenrotation, keine Verdrehungen!“ Dann kann unsere noch nicht eingewachsene Hüfte nämlich schwuppdiwupp wieder rausrutschen. Luxation, der Horror der Hüften, zum Glück selten.

Nirgends kommt man so vielen Menschen so nahe

Zwischendurch erzählen wir uns unsere Krankengeschichten. Die Mittsiebzigerin neben mir hat ihre neue Hüfte einem Unfall zu verdanken. Mitten in der Nacht ist sie im Erdgeschoss ihres Hauses ausgerutscht, Oberschenkelhalsbruch, kein Mensch in der Nähe, Handy im Obergeschoss. Auf der gesunden Hüfte die Treppe hochgerutscht, „eine Stunde hat das gedauert“, den Rucksack vom Schreibtisch gezerrt, kein Handy, nur das iPad war drin, E-Mails an alle Bekannten geschrieben, holt die Feuerwehr, holt mich hier raus! „Als die Feuerwehr da war, bin ich ohnmächtig geworden.“ Die Dame marschiert schon wieder tapfer voran, ihre Geschichte hat ein glückliches Ende.

Nirgends kommt man so vielen Menschen so nahe wie in der Reha. Die meisten von ihnen hätte man im normalen Leben nie kennengelernt, geschweige denn gewagt, ihnen intime Fragen zu stellen. Aber hier führen die Gespräche über Gelenke und verstopfte Arterien direkt zum Lebenskern.

Man kann es sich auch verscherzen mit Guido, vor allem wenn man rummeckert. Auf der Rückfahrt erlaubt sich eine Dame, die frühen Abfahrtzeiten und die Route zu kritisieren. Kaum steigt sie aus, zerreißen sich alle den Mund. Frau L., Altenpflegerin, findet besonders schmeichelhafte Worte: „Chronisch untervögelt“ sei die Dame! Guido jauchzt vor Begeisterung über das neue Schimpfwort und schreibt es sich auf, wahrscheinlich für das geplante Buch. Woher Frau L. solche Wörter wohl hat? Frau K. vermutet: aus ihrem Beruf.

Abduktoren, ran an die Arbeit!

In Deutschland werden um die 140 000 neue Hüften pro Jahr eingesetzt.

© imago/PhotoAlto

Auch Vorträge über gesunde Ernährung, Arthrose, Alltag nach der OP gehören zum Programm. Beim Sport-Vortrag sitzen wir alle beisammen, Hüften, Knie, Halswirbelsäulen, Sprunggelenke, ausgekugelte Schultern. Die Dozentin zeigt uns das Bild einer Gruppe von Urmenschen, im Hintergrund ein glitzerndes Gewässer. „Was sehen Sie da?“, fragt sie pädagogisch. „Ick sehe den Wannsee!“, ruft ein Knie. Falsch – das Bild soll uns zeigen: Früher mussten sich Menschen ständig bewegen, um Nahrung zu finden, darauf ist unser Körper eingestellt, nicht auf stundenlanges Sitzen. Ich denke nur, dass die Urhorde mich mit meinen kaputten Hüften schnell liegen gelassen hätte. Dass ich wahrscheinlich verhungert wäre.

Egal welches Krankheitsbild man hat, fast jeden Tag gehen wir zur MTT, zur Medizinischen Trainingstherapie, oder, wie die Patienten sagen, in die „Muckibude“ – ein lichtdurchflutetes Fitness-Studio. Frauen mit Kopftuch trainieren in bodenlangen Mänteln neben dem jungen Mann mit kunterbunt tätowiertem Bein oder der ehemaligen Studienrätin an der Sprossenwand. Bei uns Hüften geht es darum, die Muskeln aufzubauen, die das Becken stabilisieren und den aufrechten Gang ermöglichen, Muskeln, die wir jahrelang geschont haben und die jetzt verkürzt, verklebt, durch die Operation in Mitleidenschaft gezogen sind. Abduktoren, Hüftstrecker, ran an die Arbeit!

Guido kündigt einen neuen Patienten an, am Vorabend hat er mit ihm telefoniert. „Hat der mich runtergeputzt! Nur weil ick zu ihm ,junger Mann‘ jesagt habe. Fand der unmöglich. Hätt ick denn alter Sack sagen sollen?“ Alle sind gespannt auf den Neuen. In Schmargendorf steigt ein gepflegter grauhaariger Herr mit Brille ein. Frau Köhler begrüßt ihn mit einem lauten „Guten Morgen, junger Mann!“ Er lässt sich nichts anmerken.

Das operierte Gebiet schmerzt

Es gibt einen Aberglauben unter Hüften: Die erste künstliche Hüfte sei prima, aber die zweite mache Probleme. Ich kann das nicht bestätigen. Die zweite Hüfte sitzt perfekt, mit Krücken laufe ich nach 14 Tagen Reha wie eine Göttin. Es ist, als hätte mein Arzt beim Einbau des Ersatzteils auch eine Schraube verstellt, sodass meine ganze Statik jetzt endlich so ist, wie sie vom Schöpfer mal gedacht war. Aufrecht, gerade, mühelos schwebe ich durch den Skulpturenpark. Lege ich die Krücken weg, schwanke ich allerdings wie auf hoher See. Klar, das operierte Gebiet schmerzt, Muskeln und Gewebe müssen sich regenerieren.

Im Vergleich zu den Leiden vieler anderer Reha-Patienten sind die Gangprobleme von uns Hüften nicht der Rede wert. Der Fenstermonteur, der 15 Jahre lang Fenster geschleppt hat – seine Wirbelsäule ist geschädigt, er kann den Job nicht mehr machen. Die Altenpflegerin, die immer so viel heben musste – sie hofft, dass sie in ihrer Firma eine andere Tätigkeit ausüben kann. Die Firmenchefin in ihren besten Jahren, die knapp einen Herzinfarkt überlebt hat, wird die Angst kaum mehr loswerden.

„Det sind die Gene“

Heute sitzt ein Mittsechziger neben mir, Ex-Fernfahrer, 45 Jahre unfallfrei gefahren, er will vor allem wieder trocken werden. „Dit läuft und läuft!“, stöhnt er. „Eine Windel reicht nicht!“ Nach seiner Prostata-OP braucht er mindestens zwei pro Reha-Tag. Vier Bypässe hat er schon, Diabetes, Arthrose. „Det sind die Gene.“ Frau Köhler findet, dass man nicht als Allererstes über Windeln und Urin reden sollte. Ihre Hämorrhoiden waren aber auch schon Thema.

Viele hier haben mehrere Krankheiten, die häufigsten Erklärungen sind: die Gene, das Alter („Ich bin halt Spätlese“) oder „Ich bin ein Kriegskind“. Die Jahrgänge ab 1940 sind jetzt im besten Reha-Alter, sie wurden als Kinder schlecht ernährt oder bekamen keine Medikamente. Andere Patienten begründen ihre Leiden religiös – „Als Gott die Krankheiten verteilt hat, hab ick immer ,hier‘ jeschrien.“ Der Graubart, der langsam an seinen Krücken vorwärtsschwankt, hat „in der Jugend zu viel Fußball auf Schotterplätzen gespielt“, daher seien jetzt alle Gelenke kaputt. Seine Hüft-OP war ein Rekord, nur 46 Minuten hat sie gedauert, berichtet er stolz – „da war nur Schrott drin, hat der Arzt gesagt“. Normal sind eine bis zwei Stunden OP-Zeit.

Bewundernswert ist der Galgenhumor, den einige an den Tag legen. Die rothaarige Dame mit dem blauen Lidschatten etwa hat Brustkrebs, Stents, Polyarthrose, Hüfte, jetzt Knie, auch das Sprunggelenk tut weh: „Aber ich hasse das, über Krankheiten zu klagen. Mir geht’s gut. Hab’ schließlich sonst keine Probleme.“

Der letzte Reha-Tag: „Kotztüte dabei?“

Die meisten Patienten sind zufrieden mit der Reha, sogar das Essen im Bistro schmeckt. Eine kleine kahlköpfige Frau mit Rollator mosert allerdings über den „Scheißvortrag“, den sie sich anhören musste, zum Thema Herzinfarkt und Schlaganfall. „Da hab ick am Wochenende jenau die Symptome jehabt! Weil der det so jenau beschrieben hat! War dann aber nur Sauerstoffmangel.“

Der letzte Reha-Tag, ein Freitag, Guido will ins Wochenende. „Kotztüte dabei?“, ruft er nach hinten und brettert los. Nach einer halben Stunde komme ich durchgeschüttelt, aber wohlbehalten zu Hause an. Fast springe ich aus dem Wagen, fast vergesse ich meine Krücken. Das geht ja flottivonhotti, lobt Guido. Adieu Reha, adieu Fahrdienst!

Ich trete auf die Straße. So muss sich Phönix gefühlt haben, als er aus der Asche stieg, oder der Lahme aus der Bibel, als der Heiland ihn gehend machte. Die moderne Medizin und die Solidargemeinschaft der Versicherten haben mir ein neues Leben geschenkt. Spätestens in ein paar Monaten werde ich tanzen, springen und freihändig um den Schlachtensee laufen können. Wie recht meine Bekannten doch hatten: Ich bin so jung, man glaubt es kaum.

Lesen Sie zum Thema auch das Magazin Tagesspiegel „Vorsorge & Reha“.

Nach der OP geht es darum, die Muskeln aufzubauen, die das Becken stabilisieren.

© Illustration: Irvandy Syafruddin

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