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Jeder Schritt ist ein Fortschritt. Einen 15 Meter hohen Eisfall zu erklimmen, fühlt sich an wie eine erfolgreiche 5000er-Besteigung.

© mauritius images

Eisklettern in Trentino: Gefährliche Seilschaften

Im Winter ist das Trentiner Brentatal ein großer, glitzernder Spielplatz. Betretbar mit Eispickel und Steigeisen – und reichlich Vertrauen.

Der Gedanke, einen gefrorenen Wasserfall in den Dolomiten hochzuklettern, war ohnehin eigenartig. Das Ganze freihändig zu versuchen, hört sich nach einer Schnapsidee an. Bergführer Paolo sieht das anders. Er lobt pflichtbewusst, dass der erste Testlauf gut geklappt hätte. Dann nimmt er die Eispickel an sich. „Jetzt ohne, dann lernst du, den Beinen zu vertrauen.“ Italiener sind nicht für ihren Humor bekannt, Paolo macht keine Witze.

Unter den Bergsportarten gilt Eisklettern als Spezialdisziplin mit besonders hohem technischen Anspruch. Wer eine Felswand erklimmt, muss sich auf seine Hände und Füße und auf das Gestein verlassen. Beim Klettern im Eis gibt es keinen direkten Kontakt: Die Eispickel verbinden Arme und Berg, die Steigeisen unter den Stiefeln verhindern jedes Feingefühl für den richtigen Tritt. Nur ein paar scharfe Metallzähne bewahren vor einem womöglich schmerzhaften Absturz. Und zwei davon hat Paolo gerade an sich gerissen.

Also vorwärts in Trippelschritten, die Pike fest in die Wand getreten wie ein wütender Fußballer, damit die Zähne der Steigeisen sich verkanten. Die Arme wie ein Seiltänzer ausgebreitet, immer wieder instinktiv im Eis nach Halt suchend, natürlich vergeblich. Wenn’s gar nicht mehr geht, einfach mit dem ganzen Körper in die Schräge pressen, als hoffe man, irgendwie am Berg festzufrieren und dadurch einen Absturz zu verhindern.

Schönes Fleckchen für ein Picknick im Sommer

Und dann die Überraschung: Irgendwie geht es bis oben. Die Handschuhe sind jetzt klatschnass und die Finger taub. Dafür stellt sich ein Gefühl von Stolz ein. In seinen bescheidenen Möglichkeiten hatte man gerade eine ziemliche Naturgewalt überwunden, ohne die Hände einzusetzen. Nach dem ersten Versuch mit Hilfsmitteln schien das noch undenkbar.

Schon der Übungswasserfall ist eine Art groß dimensioniertes Treppenwerk mit hüft- bis schulterhohen Stufen. Man kann sich diesen Ort als schönes Fleckchen für ein Picknick im Sommer vorstellen, wenn der Fluss in Kaskaden runter ins Tal stürzt. Tausende Liter in der Minute. Im Schnitt ist er nicht viel steiler als 45 Grad, aber durch die großen Stufen geht es immer wieder senkrecht nach oben. An diesem Morgen reicht Paolo im Stehen Hafergebäck und heißen Früchtetee aus seinem Rucksack, damit niemand auskühlt. Bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt fließt hier gar nichts, als hätte jemand die Stopptaste gedrückt. Klobig wölbt sich das Eis in Parabeln den Hang hinunter.

Bevor sich Neulinge allein auf den Frostklumpen stürzen, erklärt Paolo die Ausrüstung, zieht einem den Harnisch über Hüfte und Oberschenkel, klemmt die Steigeisen unter die Bergstiefel und drückt einem zwei Eispickel in die Hand, bevor er sie im zweiten Durchgang, wenn man sich gerade an diese praktischen Helfer gewöhnt hat, wieder wegnehmen wird. Er macht es vor, bringt das Sicherungsseil an, kontrolliert den Doppelachterknoten und sagt: „Jetzt du.“

Der erste eigene Versuch: erbärmlich

Im Internet findet man Videos von Profikletterern, wie sie Dutzende Meter hohe Eiszapfen emporklettern, die beim letzten Einschlag des Werkzeugs mitsamt dem Kletterer dran abbrechen. Hunderte Tonnen Gewicht geraten da in Bewegung. Hätte man den Film doch nur nicht am Vorabend angeschaut.

Der erste eigene Versuch: erbärmlich. Paolo ist keiner dieser Guides, die sich gern als Draufgänger in Szene setzen. Seine Ruhe hilft. „Du musst das Gewicht auf einen Fuß verlagern“, erklärt er mit gleichmütiger Stimme. Man hat also links einen Eispickel und rechts noch einen, den linken Fuß in die Wand gerammt und den rechten gleich daneben, und dann rutscht man schließlich doch ab.

Gut, dass der 33-Jährige das Sicherungsseil fest im Griff hat. Die wichtigste Voraussetzung ist Vertrauen. In die Ausrüstung, ins Eis, in die eigenen Muskeln und in denjenigen, der einen halten soll, wenn man Fehler macht. Denn die passieren garantiert. „Das Gewicht auf ein Bein verlagern“, ruft Paolo seufzend.

Also volles Pfund auf den Linksfuß, eigentlich nur die Zehenspitzen. Zieht in den Waden. Je mehr Gewicht auf einem Punkt lastet, desto tiefer bohren sich die Krallen ins Eis und desto sicherer der Stand. Die Beine leisten einen großen Teil der Arbeit, die Arme würden zu schnell müde. Um das zu beweisen, hatte Paolo beim zweiten Durchgang vorübergehend die Eispickel konfisziert.

Jeder falsche Handgriff kann zum Sturz führen

Im Dorf Madonna di Campiglio leben die meisten der etwa 750 Einwohner vom Tourismus.

© imago/Panthermedia

Es gibt wohl nur wenige Sportarten, bei denen man sich so sehr auf jede einzelne Bewegung konzentriert. Einfach losmarschieren – unmöglich. Ein prima Mittel zur Entschleunigung. Zumal jeder falsche Handgriff zum Sturz führen kann. Ist der Halt einmal verloren, bekommt man ihn nur schwer zurück, weil ja alles glatt ist, und selbst am Sicherungsseil baumelnd können die eisigen Formationen mit ihren scharfen Kanten schmerzhaft sein. Davor warnen alle Kletterer, doch was zunächst abschreckend klingt, macht den eigentlichen Reiz aus. Kein Zentimeter geht von allein, jeder Schritt ist ein Fortschritt. Man spürt, wie die anfängliche Furcht weicht, sieht sich selbst dabei zu, wie die Technik besser wird und wie man langsam, ganz langsam, das Eis kontrolliert und nicht umgekehrt. Einen 15 Meter hohen Eisfall zu erklimmen, fühlt sich an wie eine erfolgreiche 5000er-Besteigung.

Oben endlich Gelegenheit, die Umgebung für einen Augenblick zu genießen. Nun fällt die Anspannung ab, mit dem Eis ist es wie mit Wolken: Wenn man die Formationen nur lang genug beobachtet, werden sie irgendwann zu tanzenden Gestalten, zu barocken Schlössern und zu erstaunlich vielen mächtigen Phallussymbolen.

Oberhalb der Baumwipfel reicht der Blick übers Brentatal im italienischen Trentino. Der Eisfall liegt nahe Madonna di Campiglio, in dem Dorf leben etwa 750 Einwohner, die meisten vom Tourismus. Outdoor-Ausrüster neben Pizzerien, die Fachwerkhäuser im Ortskern sind fast alle Hotels, die Eislaufbahn ist umfunktioniert zum „Experience“-Parcours eines deutschen Autoherstellers. Eigentlich kommen im Sommer die Wanderer und Mountainbiker, im Winter vor allem Skifahrer.

Kletterer müssen die Bedingungen lesen können

Während Bayern im Januar meterhoch begraben wurde, liefen in den Dolomiten die Schneekanonen. Im Dorf klackern zwar nach wie vor die Sohlen der Skischuhe über die Bürgersteige zur nächsten Gondel, doch statt einer dichten weißen Decke liegt ein löchriger Flickenteppich über dem schroffen Bergpanorama. Auch deshalb sind Alternativen zum klassischen Winterurlaub zunehmend beliebter. Zum Eisklettern braucht es keinen Schnee. Es reicht, wenn es kalt ist.

Paolo will weiter zu Wasserfall Nummer zwei. Die Hänge des Tals nehmen sich gegenseitig die Sonne, deshalb hat es hier im Winter selten Temperaturen über dem Gefrierpunkt. Für Eiskletterer formt sich daraus ein großer, glitzernder Spielplatz, von einem Wasserfall zum nächsten sind es nur ein paar Schritte. Einige von ihnen waren schon am Morgen von weitem zu erkennen, während des Aufstiegs aus dem Tal. Darunter solche, die man nicht mal theoretisch für irgendjemanden als Aufstieg in Betracht gezogen hätte. Dort hängen jetzt ganze Seilschaften in der Vertikalen, lediglich gehalten von ein paar Schrauben in dünnem Eis und einem Kletterkumpel mit Sicherungsseil.

Das ist was für Profis, Paolo hat ein weniger steiles Exemplar im Blick. Ist trotzdem eine Nummer schwieriger und vor allem viel höher als der Aufstieg vom Vormittag. Schon das Eis sieht anders aus. Glasiger, nicht milchig, geformt wie Blumenkohl. Kletterer müssen die Bedingungen lesen können. Spröde oder fest, glatt oder rau, massiv oder hohl – daran entscheidet sich, ob die Krallen halten oder nicht.

Stallone würde mit einem Sprung aus dieser Misere entkommen

Diesmal denkt Paolo gar nicht daran, die Route vorzuklettern. Das Seil hängt schon im Berg, er deutet nur auf den Zielpunkt. Gibt noch ein paar Tipps und immerhin auch die Eispickel mit auf den Weg: Das Becken nah ans Eis für einen guten Schwerpunkt, Arme und Beine immer über Kreuz bewegen, sonst schwingt man im Wind wie eine Saloontür. Noch einmal Mut und Kräfte sammeln für den letzten Akt des Tages.

Das Selbstvertrauen wächst langsam. Linker Fuß, rechte Hand, Wechsel. Noch drei, vier Meter. „Was ist los?“, ruft Paolo, wohl besorgt, man könne eingeschlafen sein. Es geht nicht weiter. Die Kälte hat die Muskeln fest im Griff, die Hände die Eispickel nicht mehr. Festgefahren. Vielleicht, mit einem kleinen Sprung und ausgestrecktem Arm, könnte man aus dieser Misere entkommen. Würde Sylvester Stallone im Bergsteiger-Actionfilm „Cliffhanger“ locker so machen. Das Resultat ist eher Dostojewskis „Der Idiot“. Mehr Hüpfen als Springen, natürlich erfolglos, das Seufzen des Guides ist vermutlich im gesamten Brentatal zu hören. So baumelt man dann zwischen Hollywood-Kino und russischer Weltliteratur. Abseilen. Feierabend.

Am nächsten Morgen steht Paolo schon früh am Treffpunkt, fragt: „Worauf hast du Lust, Ski oder Eisklettern?“ Keine Frage, pack die Steigeisen aus. Auf dem Weg zum nächsten Eisfall sagt er: „Der erste Tag ist der erste Tag. Der nächste läuft viel besser. Man muss es nur einmal ausprobieren.“ Was gestern noch unmöglich schien, ist heute gar nicht mehr so beängstigend. Linke Hand, rechter Fuß, Hüfte ran, kleine Schritte. Paolo behält recht. Man kann dem Mann vertrauen.

Reisetipps für Trentino

Hinkommen

Easyjet fliegt von Berlin zum Beispiel in weniger als zwei Stunden nach Venedig, hin und zurück ab 44 Euro. Von dort sind es drei Stunden mit dem Mietwagen bis Madonna di Campiglio.

Unterkommen

Das Preisniveau ist insgesamt recht hoch in Madonna di Campiglio. Rustikal, mit viel Holz ausgestattet und fußläufig zur Eisbahn liegt das Hotel All’Imperatore. Ab 198 Euro pro Nacht im Doppelzimmer, chaletallimperatore.com.

Im Albergo alla Posta gibt es Zimmer ab 94 Euro bei booking.com.

Rumkommen

Fürs Eisklettern ist ein Bergführer unbedingt erforderlich. Der kostet pro Tag stolze 300 Euro. Buchbar zum Beispiel über guidealpinecampiglio.it.

Mehr Infos auf visittrentino.info.

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