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Abgang auf seine Art. Detlef Gosselck pflegte an geselligen Abenden irgendwann einfach aufzubrechen und grußlos zu verschwinden. Das Foto zeigt ihn 2006 bei einem Besuch der Beelitzer Heilstätten.

© Volker Skierka

Kunstkriminalität in Berlin: Geliebter Fälscher

Detlef Gosselck wurde bewundert: Ein Menschenfänger und Geschichtenerzähler, kunstsinnig und unterhaltsam. Dann kam dem Berliner Galeristen die Polizei auf die Spur, er hatte Bilder gefälscht. Er gestand – und nahm sich das Leben. Warum das alles?

Von David Ensikat

Selbst dem Fachkommissariat für Kunstkriminalität ist sein Name erst seit Kurzem ein Begriff: Igor Paskalow, russischer Künstler, 1894 – 1978. Überliefert sind ein, vielleicht zwei Dutzend konstruktivistische Collagen in kleinen Formaten, angeblich aus den 20er Jahren. Von späteren Werken, experimenteller Lyrik, avantgardistischen Cello-Kompositionen, ist die Rede, aber niemand weiß Genaueres.

Kein Wunder, es gab sie nie, denn es gab Igor Paskalow nie.

Die Bilder aber gibt es, sie sind sehr dekorativ, schön gearbeitet, die Farben prächtig erhalten. Die Signatur darauf: I.P. in kyrillischen Buchstaben.

Geschaffen hat die Bilder wie den Künstler: Detlef Gosselck, geboren 1940 in Mecklenburg, gestorben vor vier Monaten bei Berlin.

Am 14. November 2013 war er bei der Polizei gewesen, legte das Geständnis ab, dass er etwa 100 Bilder gefälscht und verkauft habe. Er habe dabei einen niedergeschlagenen und gleichzeitig erleichterten Eindruck gemacht, sagen die ermittelnden Beamten. Am 17. November fand man ihn tot in seinem Auto in einem Wald südlich von Berlin. Ein Schlauch führte vom Auspuff ins Wageninnere.

Bei seinem Geständnis war es nicht um die Bilder des erfundenen Igor Paskalow gegangen. Gosselck hatte zugegeben, Werke von Lou Albert-Lasard gefälscht zu haben. Diese Malerin war echt, Gosselck hatte Kontakt zu ihrer Tochter gehabt, hatte von ihr etliche echte Bilder bekommen, die er zum großen Teil auch verkauft hatte. Als sein Bestand farbiger Werke versiegte, so gab er zu Protokoll, habe er echte Lasard-Zeichnungen koloriert und Aquarelle und so genannte Gouachen im Stil der Künstlerin gemalt und verkauft.

Mit Gosselck hatte Berlin seinen eigenen Kunstskandal

Es ist im Augenblick sehr viel die Rede vom Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi. Der hatte Bilder ganz großer Maler gefälscht, Bilder, die für Millionen gehandelt wurden. Beltracchi ist stolz auf sein Talent, er hat ein Buch über seine Coups geschrieben und einen Film über sich drehen lassen. Beltracchi hat das alles fürs Geld gemacht, für sonst nichts. Er hat eine Gefängnisstrafe abzusitzen, aber es geht ihm gut. Ein gesunder Krimineller, wie es aussieht.

Aus Zeichnungen Aquarelle gemacht. Im LKA-Berlin finden sich etliche von Gosselcks Fälschungen.

© Ensikat

Nach Detlef Gosselcks Tod gab es Geschichten in den Zeitungen, die auf die Parallelen zum Fall Beltacchi verwiesen. Mit Gosselck hatte Berlin seinen eigenen Kunstskandal: Gosselck, der skrupellose Fälscher von nebenan. Der Selbstmord, so schien es, war das Schuldeingeständnis. Da hatte einer Schlimmes getan und sich selbst gerichtet. Logisch eigentlich – wenn auch nur für jene, die Detlef Gosselck nicht gekannt hatten. Alle anderen sind fassungslos.

Kurz nach seinem Tod und den Geschichten in den Zeitungen hing ein Zettel an der verschlossenen Tür von Gosselcks Galerie: „Lieber Detlef, Du bist so viel mehr…! Wir vermissen Dich, Deine Gedichte, Deine Wärme.“

Wenn man sich mit seinen nächsten Freunden unterhält, entsteht das Bild eines Mannes, der mit Wolfgang Beltracchi etwa so viel zu tun hat wie Lou Albert-Lasard mit Igor Paskalow.

Da ist Volker Skierka, der kannte Gosselck seit Jahrzehnten und hat ihm diverse Bilder abgekauft, darunter auch gefälschte, sowohl Lasards als auch Paskalows. Er hat sich hinters Licht führen lassen, aber ja. Doch böse ist er dem Freund kein bisschen.

Das liegt weniger am tragischen Ende, das Gosselck nahm, als an all dem, was Gosselck ihm, Skierka, gegeben hatte in den vielen Jahren davor – und gewiss auch am niedrigen Preis, den Gosselck für die Bilder verlangt hatte.

Da gab es eine strikte Trennung zwischen Familie und Kunst

Den Hut hatte er immer auf. Detlef Gosselck vor der Galerie, die er 1983 gegründet hat. So trafen ihn Freunde und Bekannte dort oft an.

© privat

Es fing in den späten 70er Jahren an, Skierka kam als Journalist nach Berlin. „Da hat mir Detlef Welten eröffnet.“ Es gab eine Art Stammtisch in einem Bistro an der Uhlandstraße, dort brachte Gosselck Leute zusammen, die er mochte und die sich kennen lernen sollten. Das waren, Künstler, Lehrer, ein Weltumsegler, ein zukünftiger Astronaut, man redete und trank, Frauen sahen sich die neuen Männer in der Runde an und Männer die neuen Frauen. Mitten drin Detlef Gosselck, gut aussehend mit Schnauzbart und Tuch um den Hals, Kunst- und Geschichtslehrer von Beruf, als Geschichtenerzähler ein Künstler. Er genoss es, wenn die Leute ihm zuhörten, die Leute genossen seine Geschichten.

„Es war manchmal wie in einer Volkshochschulklasse“, sagt Skierka, „nur dass Detlef nicht dozierte sondern erzählte, und immer mit Pointe.“ Und wer wusste, wie Pointen zustande kommen, wusste, dass die Gosselckschen Geschichten nicht in allen Belangen ganz und gar der Wahrheit entsprachen.

Später dann, in seiner Galerie, tat Detlef Gosselck genau dasselbe: Er bot einen Treffpunkt für jedermann mit Sinn für die Kunst, er stand im Mittelpunkt, unterhielt, brillierte. Es gab Lesungen, Konzerte, Auktionen, die Gäste bewunderten den Gastgeber, Frauen verliebten sich.

Seine Spezialität: kurze Lesungen, die keine Lesungen waren, sondern Improvisationen. Sein Trick: Er redet schnell, er nutzt Versatzstücke, die nach tiefem Sinn klingen und nicht selten großer Quatsch sind, vermengt Bildung mit Klamauk und lässt die Leute keinen Augenblick im Zweifel, dass sie einem kulturellem Höhepunkt beiwohnen.

Als brauche es den Beweis seiner spontanen Genialität

Es gibt ein Video auf Youtube von einer dieser Veranstaltungen. Da steht er an seinem Pult, den Hut wie immer auf dem Kopf, der gibt ihm was Verwegenes, tut, als würde er aus einem Buch vorlesen: „Kammerton A, sagte jemand, der mit seinem eigenen Kammerton vielleicht die eigene Form des Spielens nicht im Kammerton sah, sondern in der Kammer an sich. Und die Kammer an sich hat manchmal ein Flimmern…“, hält das Buch hoch, in dem das gar nicht steht, und fordert die Leute auf, ihm ein Stichwort zu nennen, zu dem er, als brauche es den Beweis seiner spontanen Genialität, noch einen kleinen Stegreifmonolog anbietet.

Wenn ihn jemand fragte, ob er mit seiner tollen Fantasie nicht mal ein Buch schreiben wolle, winkte er ab. Er wusste um seine Möglichkeiten. Ihm genügte es, Titel zu Büchern nennen zu können, die er niemals schreiben würde: „Wer zuletzt lacht, lacht im Westen“, „Ich war mal kurz Maler“.

Bei einer Vernissage vor ein paar Jahren stellte Gosselck, der Galerist, seine neueste Entdeckung vor, den russischen Konstruktivisten Igor Paskalow und seine Collagen aus den Zwanzigern.

Volker Skierka war da und staunte: „Mensch, das ist eine Sensation! Wo hast du das denn her?“

Gosselck sprach von einem Bekannten, über den er an den Nachlass geraten sei. Skierka kaufte ihm fünf der Bilder ab, zu einem Spottpreis: 1600 Euro.

Er mag die Bilder, auch jetzt noch, da er sicher weiß, dass es Paskalow nie gegeben hat. „Nun sind es eben echte Gosselck-Bilder, zu denen es eine schöne Geschichte gibt.“ Und er staunt: „Wenn Detlef die Collagen selbst gemacht hat, liegt der Preis kaum über seinen Selbstkosten.“

Mit seinen blendenden Geschichten hebt er die Kauflaune

Detlef Gosselck hatte es ja nicht darauf angelegt, mit seinen Fälschungen reich zu werden. Auch die Lasard-Bilder hat er für kleines Geld verkauft, die meisten für ein paar Hundert Euro. Einige hatte er in den alljährlichen Auktionen der evangelischen Kirche für wohltätige Zwecke versteigert. Da bestand sein Lohn darin, als Auktionator in der vollbesetzten Kirche zu glänzen. Sein schönstes Erlebnis, von dem er gerne sprach: Er steht auf der Kanzel, schwingt den Hammer, hebt mit seinen blendenden Geschichten die Kauflaune, und im Publikum sitzen zwei Bischöfe, schauen zu ihm auf und applaudieren.

Ein „echter“ Paskalow. Nur der Maler, von dem die Collage stammen sollte, war eine Erfindung.

© Skierka

Dass nicht nur die Moderationen, sondern auch die etwas zu farbigen Bilder der deutsch-französischen Künstlerin und Rilke-Geliebten Lou Albert-Lasard von ihm stammten, wusste nur er selbst. Hat das seine Genugtuung vergrößert? War ihm klar, dass es sich um Betrug handelte? Das Geld kam schließlich der kirchlichen Flüchtlingshilfe zu.

Umso tragischer, wie die Sache aufflog. Das geschah nämlich, als es tatsächlich um das größere Geld ging, ganz ohne Gosselcks Zutun. Jemand hatte von ihm zwei falsche Lasard-Bilder erstanden, für weniger als tausend Euro pro Stück, und gab sie in eine Kunstauktion. Die Villa Griesebach versteigerte die Bilder im letzten Sommer für etwa 25 000 Euro pro Bild. Niemand hatte damit gerechnet, es sprach sich herum, und auf einmal wurden dem Auktionshaus diverse weitere Bilder von Lou Albert-Lasard angeboten. Das plötzliche Überangebot machte die Kunsthändler misstrauisch, sie schalteten das Kriminalamt ein, welches schnell feststellte, dass die Farben der Bilder keinesfalls aus den 20er Jahren stammen konnten.

Als das alles geschah, als Gosselck gestand und sich das Leben nahm und die Geschichte in den Zeitungen stand, befand sich der Maler Karl-Heinz Moeller weit weg im Urlaub. Bekannte riefen ihn an: Ob er wisse, was an den Anschuldigungen sei, ob er etwas geahnt habe. Er sei doch der beste Freund von Detlef gewesen. Moeller wusste von nichts – und dass er der beste Freund gewesen sei – na ja, so eng waren die beiden schon lange nicht mehr. Sie hatten in den 80ern die Galerie gemeinsam betrieben, Moeller nutzte sie als Atelier für seine Malerei. Danach blieben sie eher auf Distanz.

„Kann sein“, sagt Moeller, „dass niemand viel näher an Detlef rankam. Abgesehen von seiner Frau.“ Die aber habe er in seine Kunstunternehmungen bestimmt nicht eingeweiht.

Der Schaden? Nicht groß. Niemand hat eines der gefälschten Bilder reklamiert

Detlef Gosselck, 2006 in Beelitz.

© Skierka

Da gab es eine strikte Trennung: Hier die Familie, Frau und Sohn, die er über alles liebte, da die Galerie, sein öffentliches Auftreten und auch die eine oder andere außerordentliche Frauengeschichte.

In den 80er Jahren, erinnert sich Karl-Heinz Moeller, habe Gosselck noch unter seinem eigenen Namen Bilder gemalt, nicht ohne Talent, aber ohne Ausdauer und Erfolg. Als er in den letzten Jahren immer wieder neue Bilder von Lou Albert-Lasard hervorzauberte, kam bei einigen der Verdacht auf, dass daran etwas nicht stimmen könnte. Moeller nahm sich ein Herz und sprach Gosselck auf die Gerüchte an.

Und er?

„Der hat das einfach weggelächelt.“

Auch Volker Skierka sagt, dass einige den Verdacht schon länger hatten. „Aber es hat sich niemand getraut, Detlef zur Rede zu stellen. Man wollte sich doch nicht um seine Gesellschaft bringen.“ Gosselck war ein empfindlicher Charakter, so viel war klar.

Im Fall der Paskalow-Bilder gab es einige, die wussten ganz genau Bescheid. Denn das war eine lang geplante Sache, an die Karl-Heinz Moeller sich erinnern kann: Ein befreundeter Maler sollte Bilder aus der frühen Phase herstellen, ein anderer spätere, und dann sollte es eine große Gesamtschau geben, bei der ein Säufer von der Straße als runtergekommener Paskalow auftreten sollte. „Aber das war eine von Detlefs Geschichten. Er redete viel zu viel darüber, und dann wurde nichts daraus.“

Umso erstaunter war Moeller, als er mitbekam, dass der Freund die Paskalow-Sache viel später ganz allein durchzog. Detlev Gosselck hatte die Collagen selbst hergestellt und erzählte nun die schönsten Geschichten aus dem Leben des unbekannten Russen.

Die Polizei geht von einem „Gesamtschaden" von 100 000 Euro aus

Sollte er, Moeller, jetzt irgend jemandem, der das alles für wahr hielt, verraten, was er wusste? Die Bilder waren gut und billig, es war ein großer Spaß. Und bei seinen Quasi-Lesungen hielt Gosselck am Ende ja auch immer das Buch hoch und triumphierte: Ich hab’s mir alles ausgedacht. Vielleicht würde er das bei Paskalow auch tun, und alle würden den wahren Schöpfer umso mehr bewundern.

Moeller erinnert sich an die Stammtischtreffen in den 80ern: Man unterhielt sich prächtig, Detlef Gosselck mittendrin – und auf einmal war er verschwunden, einfach so. „Das war der Gosselcksche Abgang. Kein Abschied, er war einfach weg.“ Aber man wusste, der nächste Samstag würde kommen, dann würde er wieder da sein und die Leute unterhalten.

Einen Gosselckschen Abgang hat er nun auch gewählt, kein Abschied bei niemandem, er war einfach weg. Doch er wird nicht wiederkommen.

Wenn man mit Freunden über diese Flucht aus dem Leben spricht, über seine Gründe, geht es natürlich erstmal um die Fälschungen, die Angst vor den polizeilichen Ermittlungen, vor Prozess, Schadensersatz und Strafe. Aber nimmt sich einer deswegen das Leben? Es ging ja nicht um Unsummen. Wie geschädigt waren denn die „Geschädigten“? Die meisten haben die Bilder für vergleichsweise wenig Geld gekauft, weil sie ihnen gefielen, nicht als Wertanlage.

Die Polizei geht von einem „Gesamtschaden" von 100 000 Euro aus. Aber sie haben die Käufer, so weit das möglich war, ausfindig gemacht und festgestellt: Kaum einer will seine Bilder abgeben und das Geld zurück. Der Chef des LKA-Fachkommissariats für Kunstkriminalität, René Allonge, ist ganz erstaunt: „Das hier ist ein sehr besonderer Fall. Der tatsächliche Schaden ist von der Schadenssumme weit entfernt.“

Als die Fälschung aufflog, war all das vorbei

Es ging Detlef Gosselck immer um sein Ansehen, darum, ein Mann zu sein, der etwas zu bieten hatte, Witz, Esprit und schöne Bilder. Und seine Bühne, die Galerie. Es ist ja kein Zufall, dass er mit der Lasard-Fälscherei zu der Zeit anfing, als es schwierig wurde, die Galerie zu betreiben. Das Haus war saniert worden, die Miete stieg. Das Geld, das er mit den Bildern einnahm, war Mittel zum Zweck, und von diesem Zweck hat nicht nur Detlef Gosselck profitiert. Seine Freunde und Bewunderer besuchten seine Galerie, die Konzerte, Lesungen, bestaunten ihn und behielten ihre Zweifel an der Seriosität manch eines Kunst-Coups gern für sich.

Das Bild ist echt, der Maler ist es nicht. Detlef Gosselck erfand die Existenz Igor Paskalows und täuschte die Käufer. Aber viel Geld verlangte er nicht.

© Skierka

Als die Fälschung aufflog, war all das vorbei: die Galerie, die Bewunderung, Gosselcks Leben als Zampano. Dazu kam wohl ein schon länger währendes Gefühl, dass der süße Teil des Lebens vorbei war. Vor ein paar Jahren hatte er eine schwere Herz-Operation. Auch lagen seine Liebesabenteuer hinter ihm, sie waren oft genug sehr anstrengend gewesen – die einzige Frau, der er die Treue hielt, war schließlich seine Ehefrau.

Ein Freund erinnert sich an Gespräche, in denen Gosselck einen verzagten Eindruck machte: Er wusste um seine Rolle für viele Leute, hatte aber das Gefühl, kaum etwas zurückzubekommen.

Umso wichtiger war ihm der Applaus bei seinen Auftritten. Und den, so musste er befürchten, würde es nun nicht mehr geben.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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