Griechenland : Wie Marathon um mehr Touristen kämpft

Es sind die berühmtesten 42 Kilometer überhaupt. Nach dem antiken Vorbild läuft man auf der ganzen Welt. Nur in Marathon wird’s schwierig.

Lange Strecke. Spyridon Louis gewinnt den Marathon bei Olympia 1896 und belebt damit eine über Jahrhunderte verschüttete Legende.
Lange Strecke. Spyridon Louis gewinnt den Marathon bei Olympia 1896 und belebt damit eine über Jahrhunderte verschüttete Legende.Foto: akg-images / De Agostini Picture

So ähnlich muss sich der Bote Pheidippides 490 vor Christus gefühlt haben. Sengende Hitze, kein Wind oder Schatten und eine bedrohlich aufsteigende Bergkette vor Augen. Nicht der ideale Ort für einen Langstreckenlauf. Doch genau hier, so behauptet es der pontische Philosoph Herakleides, rannte Pheidippides nach dem überraschenden Sieg der Athener gegen die scheinbar übermächtigen Perser vom Schlachtort in Marathon in die gut 40 Kilometer entfernte Hauptstadt, informierte die Bevölkerung und brach dann tot zusammen. Die Geburtsstunde des Marathons.

Von Marathon nach Athen, es sind die berühmtesten 42,125 Kilometer der Welt. Seit 1896, im Zuge der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit, 17 Athleten auf genau dieser Strecke erstmals gegeneinander antraten und der griechische Bauer Spyridon Louis den Sieg davontrug, ist die Faszination für den Lauf wieder aufgelebt. Der freiwillige Kampf gegen sich selbst hat damals wie heute etwas Heroisches. Sich mindestens einmal der Grenzerfahrung auszusetzen gilt vielen als Lebensziel. So vielen, dass die Zahl der Marathonläufe allein in Deutschland seit 1999 von 78 Veranstaltungen auf 243 im vergangenen Jahr angewachsen ist. In Marathon gibt es jeden November einen Lauf, der mit mehr als 40 000 Teilnehmern ausgebucht ist.

Einer, der schon neun Mal mitgemacht hat, ist Petros Alexandris. „Eine sehr harte Strecke, denn je weiter man kommt, desto hügeliger wird es“, sagt der 39-jährige Familienvater, der im nahen Küstenort Nea Makri eine Tankstelle betreibt. Früher war Petros Fußballspieler, seine bullige Statur verrät noch den ehemaligen Linksverteidiger. Neben dem griechischen Erstligisten Olympiakos Piräus gehört seine Leidenschaft jedoch längst dem Laufen. „Egal wie viele Sorgen ich habe, nach zehn Kilometern sind alle weg.“ Alexandris spricht von der Kraft, die ihm jeder Lauf gebe. An einem anderen Marathon als den in seiner Heimat müsse er für dieses Gefühl nicht teilnehmen. Auf die Geschichte der Schlacht ist er stolz, der Lauf dient ihm zur Identifikation.

Wenn der nicht gerade veranstaltet wird, ist 2500 Jahre nach der Schlacht in dem kleinen Städtchen mit dem großen Namen nicht viel los. In einem Café im Ortskern sitzen vier ältere Männer in karierten Hemden und nippen vorsichtig an ihren Mokkas. Im Schatten der Pinien dösen Hunde.

Der berühmte Lauf soll stärker vermarktet werden

Seit 2010 bildet Marathon, das ein paar Kilometer von der gleichnamigen Bucht entfernt im Hinterland liegt, mit den Kommunen Nea Makri, Grammatiko und Varnavas eine Verwaltungseinheit. Rund 50 000 Menschen leben hier, viele arbeiten in Athen und in der Landwirtschaft – oder gar nicht. In Jahr acht nach Beginn der Finanzkrise spürt man deren Folgen überall. Am Straßenrand häufen sich Bauruinen, von Häusern blättert der Putz, Geschäfte sind verrammelt.

Ein Mythos. Spyridon Louis war ein griechischer Langstreckenläufer und der erste Sieger des Olympia-Marathon am 10. April 1896.
Ein Mythos. Spyridon Louis war ein griechischer Langstreckenläufer und der erste Sieger des Olympia-Marathon am 10. April 1896.Foto: imago/United Archives International

Für eine bessere Zukunft soll die Vergangenheit sorgen. Sie soll mehr Touristen nach Marathon bringen, die bislang im nahen Athen bleiben oder direkt weiter auf die Ägäischen Inseln reisen. Der berühmte Lauf soll stärker vermarktet werden. Dabei ist die Authentizität unter Wissenschaftlern umstritten, selbst die Schreibweise des Boten variiert. Herodot, die einzige Primärquelle, erwähnt Pheidippides als Boten, der die Spartaner vor der Schlacht gegen die Perser um Unterstützung bat. Zwei Tage habe er für die Strecke über die gebirgige peloponnesische Halbinsel benötigt. Doch von einem Lauf nach der Schlacht von Marathon berichtet der Geschichtsschreiber nicht. Die Legende eines „Philippides“ wird erst später von Herakleides niedergeschrieben, Plutarch und Lukian machen sie 500 Jahre später populär.

„Es wird den Läufer schon gegeben haben“, glaubt Martin Kreeb. Der emeritierte Professor hat Jahrzehnte für das Deutsche Archäologische Institut in Athen gearbeitet. So ein Läufer sei in der damaligen Zeit üblich gewesen, sagt Kreeb. Allerdings müsse dieser Bote nicht der olympischen Strecke von 1896, sondern eher einem Flusslauf direkt über das Gebirge nach Athen gefolgt sein. „Die heutige Route nahe am Meer war damals voller Sümpfe. Es wäre vollkommen unlogisch gewesen, dort zu laufen.“