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Die deutsche Kurzbahn-Meisterin Dorothea Brandt

© Hannibal Hanschke/pa/dpa

Wieso wird eine ausgerechnet Schwimmerin, die als Kind fast ertrunken wäre? Dorothea Brandt über Traumata, schweres Wasser und die Lust am Leiden.

Frau Brandt, Sie starten bei den Schwimm-Europameisterschaften über 50 Meter, Sie erledigen das in weniger als 25 Sekunden. Das Dumme ist nur, Sie dürfen dabei nicht atmen und …

… ich darf schon atmen, verboten ist das nicht.

Richtig. Nur wenn Sie ein einziges Mal den Kopf zur Seite drehen, um Luft zu schnappen, ist die Chance auf den Sieg fast vertan.

Das bremst kurz und könnte Zehntelsekunden ausmachen, auf meinem Niveau sind das Welten.

Sie hatten immer wieder Probleme damit.

Wenn einem die Luft ausgeht, will man atmen. Das ist ein angeborener Reflex, es geht ums Überleben. Ich muss also etwas verändern, was ganz tief in mir steckt, in jedem von uns. Je mehr man dieses Gefühl in den Griff bekommt, desto mehr steigt auch das Vertrauen: Du erstickst schon nicht! Das ist wie bei einem Kind, das mühsam laufen lernt. Es fällt eine Weile lang um und spürt dann: Es geht, du stehst, na bitte.

Sie pflügen durchs Wasser und müssen letzte Reserven mobilisieren. Wann geht Ihnen die Puste aus?

Ich merke bei 25 Metern, wie es läuft. Früher dachte ich da oft: Oh, Scheiße! Jetzt sage ich mir: Das wird eine harte Nummer hintenraus. Ich komme auf die 35 zu, denke, haste nur noch 15 Meter. Die Kunst ist dann, den Fokus der Konzentration von der Bewegung auf die Atmung zu lenken, und trotzdem Arme, Beine und Kraft noch optimal zu koordinieren. Dann beginnt dieses ekelhafte Gefühl der Atemnot. Und jede Körperzelle brüllt: atme, atme! Ich brauche Sauerstoff! Das ist extrem hart und geht an die Grenze der Körperverletzung.

Dann holen Sie doch Luft zwischendurch, verschaffen sich so neue Energie – und werden schneller.

Gute Idee, doch ich würde durchs Atmen nicht schneller. Der Sauerstoff braucht zehn bis 15 Sekunden, bis er in der Zelle ankommt. Die letzten 15 Meter schwimme ich in etwa sieben Sekunden, atmen hilft mir also gar nichts, völlig überflüssig. Man schwimmt deshalb auch das Finish über 100 Meter ohne Atmung. Das muss ich halt immer wieder trainieren, wir üben ganz viel Atemmangel.

Erzählen Sie mal.

Ich schwimme sechs Mal 50 Meter Freistil in eineinhalb Stunden. Der Trainer sagt: Die Zeit ist wurstegal, ich will nur nicht, dass du atmest. Die erste Bahn geht, die zweite auch, spätestens beim fünften Mal denke ich, Mannomann, wie soll ich das schaffen? Es doch hinzukriegen, ist eine prägende Erfahrung. Ich hab auch solche Sachen gemacht: Am Beckenrand Kopf unter Wasser, eine Minute lang die Luft anhalten und dann 25 Meter oder mehr volle Kanne losschwimmen. Oder tauchen, das ist noch anstrengender. Der Akku wird immer leerer, immer leerer, und ich muss mich auch noch schnell bewegen. Die Muskulatur übersäuert, alles brennt, Arme und Beine sind wie gelähmt.

Masochismus nennt man das.

Leistungssport ist Leidenssport. Es ist eine Lebenseinstellung. Was will ich und wie sehr will ich es? Es ist doch so: Wenn ich ins Wasser reinspringe und alles aus mir heraushole, im Idealfall hätte die Bahn nicht länger sein dürfen als 49 Meter, den letzten Meter schaffe ich gerade noch mit einem langen Arm, dann klettere ich aus dem Becken, und ich muss mich fast übergeben, Bestzeit! Dann habe ich alles richtig gemacht.

Ihr größter Feind in der Schwimmhalle: Fußpilz oder Chlor?

Chlor. Den Fußpilz halte ich mir mit Badelatschen vom Leib. Chlor macht die Fingernägel brüchig, Haut und Haare trocken, Chlor ist ein Gift. Das Wasser dampft das ja aus, die Chlorschicht ist 20 Zentimeter hoch, genau da atme ich die ganze Zeit.

Privat: Dusche oder Badewanne?

Wanne. Da schütte ich einen basischen Zusatz rein zum Regenerieren.

Im Urlaub: Fluss, See, Meer, Hotelpool?

Meer.

Und wie beschlägt die Schwimmbrille nicht?

Trocken aufsetzen. Die Anti-Fog-Sprays sind Geldschneiderei.

"Die trauen mir Großes zu"

Die deutsche Kurzbahn-Meisterin Dorothea Brandt
Die deutsche Kurzbahn-Meisterin Dorothea Brandt

© Hannibal Hanschke/pa/dpa

Frau Brandt, als Sie 19 waren, hat Sie die Firma IMG unter Vertrag genommen, der weltgrößte Sportvermarkter. Für eine deutsche Schwimmerin der Ritterschlag. Erfolge hatten Sie noch keine.

Ich war damals völlig überrascht, wohl auch komplett überfordert. Die trauen mir Großes zu! Du bist etwa Besonderes – damit musste ich erst mal zurechtkommen. Ich habe aber nicht viel Geld erhalten und hatte auch keine Verpflichtungen.

Ein Vertreter von IMG sagte uns, man habe Sie auch wegen Ihres Aussehens ausgewählt, Zeitungen schrieben, Sie hätten ein „Modelgesicht“.

Ich finde mich nicht besonders attraktiv. Und ich bin in meiner ganzen Karriere nicht ein einziges Mal bevorzugt oder mit einem Job bedacht worden mit der Begründung: Die sieht gut aus.

Sie tragen einen silbernen Ring am Daumen, eine schicke Uhr, Ohrringe, ein enges Shirt, Sie zeigen die durchtrainierten Muskeln. Und Sie sind nicht eitel?

Bin ich auch nicht. Ich bin total unfähig, die Fingernägel zu lackieren oder mich zu schminken. Das macht meine Schwester, wenn ich mal mit der ausgehe, sie macht das gut und gerne.

Den Vertrag haben Sie vor vier Jahren gekündigt …

… weil ich einfach frei sein wollte…

… und nun sind Sie Sportsoldatin der Bundeswehr mit zwei Sponsoren. Aktueller Dienstgrad?

Frau Hauptgefreiter Brandt!

Männlich?

Ja, bei der Bundeswehr wird nichts verweiblicht. Ich habe anfangs gefragt: Heißt das nicht Frau Hauptgefreite? Gibt es nicht. Sommer 2012 habe ich Grundausbildung gemacht und gelernt, den Rucksack zu packen, war im Wald, bin marschiert.

Schwimmen ist ein Fulltimejob. An der Uni sind Sie eingeschrieben, das ist nicht so ganz ernst?

Ich studiere BWL in Berlin, ich habe mit 30 noch nicht mal den Bachelor. Aber die Leute unterschätzen, dass einen auch der Leistungssport schult. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Arbeitgeber, der mich mal beschäftigt, begeistert in die Hände klatscht: Die Brandt ist bei mir, was für ein Glück!

Schöne Bewerbungsrede.

Ich kann’s nicht anders beschreiben. Doch das nächste Ziel sind die Olympischen Spiele 2016.

Der mehrfache Welt- und Europameister Jörg Hoffmann sagte mal, er habe gar keine Veranlagung zum Schwimmen gehabt. Sein Körper sei zu muskulös gewesen. Haben Sie Gardemaß?

Ich dachte das lange, ja. Doch wenn ich heute die jungen Mädels neben mir sehe, die sind alle einen Kopf größer als ich und viel massiger. Ein neuer Typus Schwimmerin.

Die physikalischen Voraussetzungen für Ihren Sport lassen sich mit dem sogenannten „Affen-Index“ berechnen, das ist die Spannweite der Arme geteilt durch die Körpergröße. Ein Quotient von 1 und darüber gilt als sehr gut. Kennen Sie Ihren?

Ich habe lange Arme, bin aber nie vermessen worden. Sollen wir mal nach einem Zollstock fragen?

(Der Leiter des Sportinternats Essen, Horst Melzer, organisiert einen Meterstab. Dorothea Brandt breitet die Arme aus und streckt sich.)

Spannweite 1 Meter 84, macht bei einer Größe von 1,79 den Quotienten 1,03. Damit liegen Sie nur ganz knapp hinter Weltstars wie Michael Phelps oder Paul Biedermann. Sie lachen?

Das ist doch beruhigend.

Als Schwimmerin sind Sie ein Unikum, Frau Brandt. Sie starten in Brust und Kraul. Der Trainer eines Weltmeisters sagte, das sei, als würde eine Leichtathletin Weitsprung und Speerwerfen machen.

Das einzig Gemeinsame ist die Distanz: 50 Meter. Ansonsten ist das ein ganz anderes Wassergefühl. Beim Freistil liege ich flach auf dem Wasser, setze die Hand vorne ein und drücke sie nach hinten durch, das erzeugt den Vortrieb. Brust ist die einzige Stilart, bei der ich mich gegen das Wasser bewege. Ich muss die Arme nach vorne strecken, ich ziehe die Fersen an den Po, beides bremst mich aus. Das braucht einen speziellen Rhythmus, vor und zurück, vor und zurück… Schwer, den zu finden. Stilarten wie Delphin, Kraul oder Rücken sind viel fließender, sie sind wie ein Wiener Walzer. Brustschwimmen ist eher wie Tango.

Der ehemalige Bundestrainer Manfred Thiesmann hat uns erzählt, Topschwimmer würden sich „fest im Wasser verankern“. Wissen Sie, was er meint?

Klar. Es gilt, genau den Punkt im Wasser zu finden, an dem ich mich nach vorne abdrücken kann. Wenn ich die Hand ins Wasser setze und mich über die Schulter nach vorne ziehen kann, habe ich diesen Punkt gefunden. Es ist wie Gehen, der Fuß rollt ab, ich drücke mich ab. Nur dass beim Schwimmen alles in einem dreidimensionalen Raum stattfindet, der die Bewegung des Körpers nach vorne, hinten, oben und unten zulässt. Das macht die Geschichte richtig unübersichtlich und chaotisch.

Erklären Sie doch mal, wie das beim Freistil genau funktioniert.

Ich halte die Finger zusammen, spreize den Daumen leicht ab, durch diese Wasserkante am Daumen vergrößert sich die Handfläche. Normalerweise hat der Ellbogen einen leichten Winkel, weil so eine optimale Hebelwirkung erzielt wird, nur wir Sprinter machen es anders, wir ziehen mit fast gestrecktem Arm durchs Wasser, weil wir ganz tief runter wollen. Dort ist es härter.

Bitte? Wasser ist Wasser.

Es gibt unterschiedliche Schichten, stellen Sie sich das wie Erdschichten vor. Unten ist es schwerer und härter, weil mehr Druck von oben drauf ist. An der Oberfläche ist das Wasser immer in Bewegung, da ist es nicht gut zu fassen, unten hat es weniger Raum, sich zu bewegen. Wie soll ich das erläutern? Am Strand, da rieselt der trockene Sand durch die Finger, und je tiefer Sie graben, desto feuchter wird er, wenn Sie diesen klumpigen Sand dann in die Hand nehmen, können Sie ihn formen.

Die Weltmeisterin Antje Buschschulte hat ihr Gefühl so beschrieben: „Wenn es gut läuft, fühle ich mich wie Wasser. Ich schwebe und höre nur ein leises Rauschen.“

Es ist, wenn ich mich in der Bewegung wohlfühle, wie ein Flow, so eine Leichtigkeit, die zur Schwerelosigkeit wird. Ein Glücksgefühl. Ich genieße es auch, beim Training mal zwei Stunden kein Wort reden zu müssen. Ich bin da gern mit mir alleine.

"Diese Delphin-Bewegungen sind die schnnellste Art des Fortkommens"

Die deutsche Kurzbahn-Meisterin Dorothea Brandt
Die deutsche Kurzbahn-Meisterin Dorothea Brandt

© Hannibal Hanschke/pa/dpa

Nun sind Sie 30, im Sport ein reifes Alter. Lässt sich da überhaupt noch viel optimieren?

Auf meinem Niveau geht es nur noch sachte nach oben. Ich habe einige WM-Läufe analysiert und bin davon überzeugt, von der reinen Schwimmgeschwindigkeit bin ich die Schnellste. Da geht also nicht mehr viel. Momentan trainiere ich ganz extrem den Start, die Delphinbeine und das Finish. Nach dem Sprung ins Wasser machen wir ja in voller Streckung solche Delphinbewegungen, als würde eine Fahne waagerecht im Wind flattern. Das ist unter Wasser die schnellste Art des Fortkommens, eine äußerst komplexe Bewegung, die aus der Brustwirbelsäule kommt, in die Hüfte und die Beine übergeht.

Beim Start haben Sie Probleme, Sie tauchen zu tief ein. Was ist so schwierig daran?

Alles. Wie hoch steht das Knie des vorderen Fußes, welchen Winkel hat das Fußgelenk …? Ich muss mich mit maximaler Kraft abstoßen, komme ich zu flach ins Wasser, bremst es, zu steil, und ich tauche zu tief. Es geht um minimale Nuancen. Das menschliche Auge ist zu träge, das zu sehen. Wir stellen einen Messplatz auf, zwei Kameras, ein Computer, der diese Phase Bild für Bild zerlegt. So ein Startsprung ist über Jahre automatisiert, da etwas zu ändern, ist unendlich schwierig.

Alle reden von Mentaltrainern und Sportpsychologen. Die helfen Ihnen nicht?

In jüngster Zeit mache ich da nichts. In Berlin habe ich mit Friederike Janofske gearbeitet, die auch Britta Steffen und Franziska van Almsick betreut hat. Die hat mir mit meinem Trauma bei den Atmungsproblemen geholfen.

Sie hatten – was?

Traumata. Ich hatte im Gespräch mit meiner Mutter zufällig erfahren, dass ich als Kind beinahe ertrunken bin. Ich wusste nichts mehr davon. Einmal ins Eis eingebrochen, da hat mich eine Cousine rausgefischt. Bei uns in Norddeutschland auf dem Land gibt es Fleete, kleine Kanäle, die recht steil sind. Da bin ich wohl mal mit meinen Gummistiefeln reingerutscht, zum Glück war mein Vater dabei. Als ich das der Psychologin erzählt habe, sagte die: Das erklärt doch alles! Ein Kind unter Wasser, Panik, das bleibt tief verwurzelt.

Und?

Es gibt da eine Klopftechnik, die über die Energiebahnen des Körpers neue Informationen vermittelt: Du hast überlebt, unter Wasser ist es nicht gefährlich. Es geht bis zu einer Art Hypnose. Mir hat das wahnsinnig geholfen.

Der Wechsel von Berlin, wo Sie neun Jahre trainierten, nach Essen offensichtlich auch. Im Herbst 2012 sind Sie ins Ruhrgebiet gezogen, diesen Frühsommer haben Sie vier deutsche Meistertitel gewonnen.

Kein einfacher Schritt, aber ein richtiger. Ich wollte den kompletten Bruch und neu anfangen. Wir haben das Krafttraining konsequent vom Schwimmen getrennt. Auch die Intensität. Im Kraftraum betrachte ich jeden Muskel für sich, ich gehe stark in die Belastung, die ich auch im Wasser habe. Das ist oft anstrengender als die Wassereinheiten. Und im Wasser gehe ich immer an die Renngeschwindigkeit. Dafür habe ich die Umfänge reduziert und die Zeit im Kraftraum erhöht.

Das Training von Schwimmern ist quälend. Bis zu 3.500 Kilometer pro Jahr nur im Wasser, gut vier Stunden täglich.

Ich schwimme keine 1000 Kilometer mehr. Trotzdem fühle ich mich so gut wie nie, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich eine halbe Sekunde schneller schwimmen kann …

… bei 24 Sekunden ist momentan die Weltspitze …

… und das ist für mich kein Teufelswerk mehr. Ich setze mir ein Ziel, das bei gesundem Menschenverstand unrealistisch erscheint, weit über meinen Fähigkeiten, ein Ziel, bei dem ich träumen muss: Verändere dich und arbeite hart, dann erreichst du es.

Daran könnten Sie auch zerbrechen.

Muss ich aber nicht.

Franziska van Almsick sagte: „Ich habe jeden Tag mit meinem Körper kommuniziert.“ Was antwortet denn Ihr Körper, wenn Sie heute mit ihm reden?

Danke, dass heute mal kein Training ist.

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