Auf Tour hat sie vor und nach den Konzerten gestillt

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Judith Holofernes ist zurück : „Ich bin auf eine fast perverse Art loyal“
Judith Holofernes von Wir sind Helden
Judith Holofernes.Foto: dpa

Wie haben Sie das Ihrer Band mitgeteilt?

Ich habe die anderen angerufen. Für die war mein Entschluss, etwas Abstand zu gewinnen, keine Überraschung. Ich hätte schon nach meinem ersten Kind vor fünf Jahren aussteigen können. Niemand hätte mir das übel genommen. Auf Touren habe ich manchmal vor und nach Konzerten gestillt, wir haben die Kinder mit in den Tourbus genommen. Das war mein Wunsch, meine Verantwortung, aber natürlich wirken in meinem Beruf auch starke Kräfte auf mich ein.

Plattenfirma, Management, Medien ...

... und Fans. Da sind Gewalten am Werk. Wie man mit denen umgeht, ist am Ende selbst gewählt. Es war komplett meine Entscheidung, mit zwei kleinen Kindern in der Band zu bleiben.

Warum haben Sie sich das angetan?

Ich bin auf eine fast perverse Art loyal. Mir war klar, dass die Band von mir abhängt. Und Wir sind Helden war eine Band, an der es sich lohnte festzuhalten. Das habe ich fünf Jahre mit Klauen und Zähnen getan. Im September 2011 gaben wir ein Konzert in Hamburg, bei dem nur wir wussten, dass es das letzte war. Die Crew ist vor die Bühne gegangen, hat sich zum Schluss mit Kerzen davorgesetzt, und danach haben wir wild gefeiert, ordentlich geheult und getanzt.

Zu eigenen Liedern?

Man tanzt nicht zu eigenen Liedern.

Hatten Sie zu dem Zeitpunkt bereits eine Solokarriere ins Auge gefasst?

Nein, ich hatte nach einem halben Jahr sieben Songs zusammen und stellte fest, dass ich eigentlich eine Platte machte.

Daraus entstand das Solo-Debüt. Hat Sie das nicht erschreckt: Oh Gott, schon wieder ein Album?

Im Gegenteil, das hat mich erleichtert. Obwohl ich in diese Pause mit großer Erschöpfung gegangen bin. Mir wurde bewusst, dass das Bedürfnis, Musik zu machen, bleibt, und zwar mit Wucht.

Bei Ihrem Abschied klang es zunächst so, als würden Sie sich von der Musik zurückziehen.

Zuerst musste ich mir ein paar Flausen aus den Ohren schütteln. Ich dachte, ich setze mich fünf Jahre in mein Arbeitszimmer und schreibe einen Roman. Weil ich eine Sehnsucht nach der Schriftstellerei hatte. Das war ein kleines Bedürfnis, das lange ungehört blieb und sich deshalb zu etwas Großem aufblähte. Über meinen Blog hat sich das erstaunlich schnell, hm …

... erledigt?

Nein, es hat sein Zuhause gefunden. Das Romanschreiben war meine Fluchtfantasie. Oder ich hab das so getarnt. Es ging dabei um die Frage: Wie möchte ich leben: selbstbestimmt oder von anderen abhängig? Gar nicht so sehr: Was will ich tun?

Wie haben Sie Ihren Kindern beigebracht, dass ihre Mutter jetzt Abstand zum Arbeiten braucht?

Zuerst habe ich mir in unserer Wohnung ein Zimmer eingerichtet, mit Klavier und Sessel, wunderbar, bis ich gemerkt habe, dass das Quatsch ist. Ich brauchte ein Arbeitszimmer außerhalb der eigenen vier Wände. Den Kindern musste ich nicht extra sagen, worum es ging. In Wirklichkeit bin ich aus dem Studio nur später nach Hause gekommen, und teilweise bin ich abends, wenn die Kinder schliefen, noch mal hin. Das war nicht sehr viel anders als davor.