Warum sie "The Voice of Germany" guckt

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Judith Holofernes ist zurück : „Ich bin auf eine fast perverse Art loyal“
Judith Holofernes von Wir sind Helden
Judith Holofernes.Foto: dpa

Und wie frei sind Sie?

Sehr, allerdings merke ich, dass ich empfindlicher reagiere, wenn ich mich eingeschränkt fühle. Zum Beispiel bei Fernsehauftritten. Acht Stunden Zugfahrt, eine Stunde Vorgespräch, eine Stunde in der Maske, drei Minuten vor der Kamera und danach wieder nach Hause. Ist das mein Beruf?

Sind Sie fernsehmüde?

Ich bin weit davon entfernt, kein Medienjunkie zu sein. Zu Hause gucke ich mir alle möglichen Fernsehserien auf DVD an. Live schaue ich mir jedoch nur eine Show an: „The Voice of Germany“.

Ausgerechnet Sie lieben eine Castingshow?

Ich bin viel mehr Sängerin, als anderen Menschen klar ist, und gucke gern fremden Leuten beim schönen Singen zu. Mein Mann Pola, der Schlagzeuger der Helden, guckt sich lieber Drummer-Pornos an, endlose Schlagzeugsoli von Supertechnikern wie Steve Gadd. Ich fühle sehr mit den Menschen, die bei „The Voice“ auftreten.

Möchten Sie sich gerade als Juror bewerben?

Nein, ich kenne ja Fernsehen und weiß, wie viel Mühe ein Auftritt von drei Minuten macht. Daher ahne ich, wie viel Lebenszeit ein Künstler in so eine Sendung steckt. Das merkt man, wenn Nena zu einem der Sänger sagt: „Die Proben waren ja heute schon lang, dafür hast du das echt toll gemacht.“

Im Video zum Titelsong Ihres Albums „Ein leichtes Schwert“ reiten Sie wie ein Ritter durch die Stadt, der einen Kampf gegen Windmühlen führt …

… die Idee kam mir auf der letzten Helden-Tour. Da bin ich mit meinem recycelten Militärmantel über ein Festivalgelände gelaufen, mit breitem Gang wie ein Warlord. War das mein Körpergefühl, in dem ich mein Leben verbringen wollte? Ich habe zu Pola gesagt: Ich muss wieder ein leichteres Schwert führen. Leichtfüßig, tänzerisch.

Mit Schild gewappnet durch Kreuzberg ist nicht so leichtfüßig. Müssen Sie da gut gerüstet sein?

Der Görlitzer Park war der einzige Ort, wo es für das Filmteam und mich mittelwitzig war. Im Wrangelkiez kippt gerade viel durch die Drogenszene. Daran ist nichts schick und alternativ. Gestern habe ich einen Dealer gesehen, der seinen Subdealer auf offener Kreuzung mit einem Gürtel ausgepeitscht hat. Vor aller Augen! Da dachte ich wieder, das muss ich nicht haben.

Kein gutes Pflaster für Familien mit Kindern.

Die Frage stellen sich alle Eltern. Wir sind mit sechs weggezogen, weil ich ganz kränklich war. So ein typisches Kreuzberger Mehlwurmkind mit Augenringen. Meine Mutter dachte, ich müsste raus aufs Land, nach Freiburg. Irgendwann hat man festgestellt, dass Freiburg ein Allergiekessel ist, in dem alle Kinder noch kränker werden.

Mit Ihren Kindern bleiben Sie aber hier. Warum?

In Kreuzberg sind die Menschen der inneren und äußeren Wursteligkeit zugetan, das schätze ich. Man kann auf die Straße gehen, wie man will.

Haben Sie schon Ihren Tour-Rider geschrieben, mit dem Sie Veranstaltern Hinweise geben, was Sie für ihr leibliches Wohl brauchen?

Noch nicht, eine neue Laktose-Intoleranz muss rein, der Rest bleibt wie auf der Helden-Tour.

Noch immer keine „Bild“ hinter der Bühne …

… auf gar keinen Fall …

... obwohl Chefredakteur Kai Diekmann inzwischen einen Bart trägt. Darauf stehen Sie doch.

Sexy ist er deshalb nicht geworden. Auf meine Ablehnung des Werbeangebots für die „Bild“ sprechen mich übrigens nach wie vor sympathische Menschen auf der Straße an.

Daraus stammt der Kultsatz „Ich glaub, es hackt“.

Lieber bin ich für so etwas bekannt als für irgendeine lahme Scheiße.