Warum die Aufarbeitung der NS-Geschichte ihrer Familie stockt

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Katharina Wagner im Interview : „Ich hatte Angst, der Drache frisst den Papa“


Der NS-Historiker Hannes Heer für die Bayreuther Ausstellung „Verstummte Stimmen“ 2012 aber nicht. Ihre Großmutter Winifred war eine enge Hitler-Freundin. Selbst Kulturstaatsminister Neumann appellierte an Sie, die Archive für eine Aufarbeitung der NS-Geschichte zugänglich zu machen.
Da sich der Nachlass damals bereits bei Peter Siebenmorgen befand, musste ich Herrn Heer an diesen verweisen. Ich hatte darauf vertraut, dass die beiden einen Termin finden würden. Zumal auch die Stadt Bayreuth Heers Anliegen nachdrücklich unterstützte. Trotz der intensiven Bemühungen gelang es keinem, den Kontakt rechtzeitig zu vermitteln. Dadurch konnte Herr Heer keine Einsicht nehmen, was er zu Recht beklagt.


Verstehen wir Sie richtig: Die beiden Experten konnten die Dokumente seit 2010 sichten, die Öffentlichkeit wartet auf Ergebnisse, aber es wird sie auch im Jubiläumsjahr nicht geben?
Das Material war deshalb die ganze Zeit ausgelagert, weil beide einen Roundtable zu ihren Recherche-Ergebnissen spätestens im Wagnerjahr angekündigt hatten. Daraus hätte dann eine Publikation folgen sollen. Es war klar, dass dafür einige Zeit benötigt würde. Dass es bisher weder ein Roundtable noch eine Publikation gegeben hat, enttäuscht mich allerdings auch. Darum habe ich mich entschlossen, den Nachlass Wolfgang Wagner zeitnah an das Bayerische Hauptstaatsarchiv zu übergeben. Dadurch wird der Forschung der Zugang zu diesem Material ermöglicht.


Wird es denn bald auch Zugang zur Korrespondenz von Winifred Wagner geben, die bei Ihrer Cousine Amelie liegt? Die ist in jedem Fall interessant, was die NS-Zeit betrifft.
Da ist immer von diesem sagenumwobenen weißen Schrank die Rede. Aber wissen Sie, ob Briefe in dem Schrank liegen und welche? Es ist sehr schwierig, alle versprengten Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, denn sie sind teilweise Eigentum aller vier Stämme und deren Erben müssen alle zustimmen. Wenn nur einer Nein sagt, dann kann ich mich noch so sehr empören, es nutzt nichts. Es wäre sinnvoll, dass alles an einem Ort vereint wird.


Haben Sie eigentlich mit Ihrem Vater über die NS-Zeit gesprochen?
Wenig. Er sagte immer: Wir können froh sein, dass wir den Krieg verloren haben. Er hatte eine sehr ablehnende Haltung gegenüber dem Nazi-Regime und war froh, dass er als junger Mann schwer verwundet wurde, deshalb von der Front zurückkehren konnte und überlebt hat.


Er war von 1940 bis 1945 an der Berliner Staatsoper, die Heinz Tietjen leitete, ein enger Vertrauter Hitlers und Freund ihrer Großmutter Winifred. War das ein Thema zwischen Ihnen?
Nein, ich weiß nur, dass mein Vater die Verstrickungen seiner Mutter nicht billigen konnte. Ich habe gemerkt, wie sehr ihn das emotional belastete, also habe ich ihn nicht bedrängt.


Haben Sie eigentlich Zeit, die über 100 auf Deutsch erschienenen neuen Wagner-Bücher zu lesen?
Schon der Anzahl wegen kann ich in diesem Jahr vieles leider nur zur Kenntnis nehmen. Es gibt darunter auch witzige Sachen, zum Beispiel Kerstin Deckers Buch „Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet“. Das kann ich zur Entspannung in der Badewanne lesen. Das Buch ist, in Bezug auf Wagner eine Seltenheit, mit einer eleganten Ironie geschrieben.


Haben Sie noch Ihre fünf Hunde?
Inzwischen sind es nur noch zwei, der Mops Helga und Louise, die englische Bulldogge. Wir nennen sie die Königin: Sie ist mir sehr verbunden und sitzt gern auf dem Sofa.


Wie reagieren die Hunde auf Wagner-Musik?
Louise erschrickt vor jedem Geräusch. Wagner mag sie jedoch ganz gern. Die Hundetradition wird seit Richard von Generation zu Generation weitergegeben. Mein Vater hatte bis zu zwölf Hunde. Auch in seiner Berliner Kriegszeit hatte er einen, der rannte freiwillig in den Luftschutzkeller.


Frau Wagner, Ihr Vertrag läuft bis 2015. Sie wollen gern verlängern, auch Ihre Halbschwester Eva.
Ja, unter bestimmten Voraussetzungen. Sie werden Verständnis haben, dass wir dies nicht öffentlich diskutieren werden.


Von Ihnen hört man viel, von Eva wenig. Sind Sie zu laut?
Das ist zwischen uns abgesprochen. Die Presse kann noch so sehr auf Zerwürfnisse hoffen, die gibt es nicht. Im Gegenteil, es klappt hervorragend.


Sie sind die Außenministerin.
Das haben wir so festgelegt. Wenn wir beide reden würden, das Gleiche meinen, es aber unterschiedlich ausdrücken, dann heißt es sofort, wir Festspielleiterinnen hätten uns verkracht.


2007 haben Sie sich erstmals getroffen, um zu sehen, ob Sie gemeinsam die Festspiele leiten. Wie ist das, wenn man mit knapp 30 eine Schwester bekommt? Ihre Mutter hatte Evas Mutter samt den Kindern ja aus dem Haus gejagt, um es verkürzt zu sagen.
Wir verstanden uns von Anfang an gut. Man merkt dann, so banal es klingt, man ist emotional verbunden und fragt schon mal: War der Papa damals auch schon so? Es ist mir unangenehm, wie das zwischen meiner Schwester und meinen Eltern abgelaufen ist. Ich bin sehr froh, dass Eva es mir nicht ankreidet. Solange meine Mutter lebte, war es unmöglich, Kontakt aufzunehmen. Das versteht sie, glaube ich.


Ihre Schwester ist vor allem für die Sänger zuständig. Bayreuth hat eine Sängerkrise, heißt es immer wieder. Liegt es an der Einheitsgage?
Von der Sängerkrise wird seit Jahrzehnten geredet. Bayreuth ist schon von der Akustik her so einzigartig, dass Sänger gern hier arbeiten. Da ist die Gage zweitrangig. Das Problem: Man kann sich heute seinen Ruf schnell ruinieren. Manche twittern schon in der Pause oder während der Vorstellung. Also überlegt sich ein Sänger fünf Mal, ob er auftritt, wenn er einen schlechten Tag hat. Am Ende ist das auf Youtube, für immer.


Es heißt auch, die Kartennachfrage geht zurück.
So pauschal stimmt das nicht. Wir stellen immer wieder fest, dass sich Kartenwünsche vor allem auf Wochenenden konzentrieren, während bestimmte Wochentage deutlich weniger gefragt sind. Ausverkauft sind alle Tage. Rein statistisch gesehen, liegen rund fünfmal mehr Kartenwünsche vor als wir erfüllen können.


Noch eine Kritik: Die Stimmung in der Belegschaft sei schlecht. Falsch?
Wir haben jetzt Tarifverträge. Mittagspausen, freie Tage, alles ist vorgeschrieben und damit vorgegeben. Solche Vorgaben sind für den künstlerischen Arbeitsprozess nicht immer förderlich. Auch die Umstrukturierung beim Kartenverkauf hat teilweise die Mitwirkenden betroffen. Früher konnte man den Mitarbeitern etwas zurückgeben, indem man die Erfüllung ihrer Kartenwünsche ermöglichte. Durch strengere Vergaberegeln ist dies jetzt leider nicht mehr so möglich.


Letztes Jahr haben Sie Ihren Urgroßvater in einem Interview verflucht, weil er die Festspiele in der Provinz ansiedelte. Das hat die Bayreuther geärgert.
Ich habe mich nicht über meine Stadt beklagt, sondern über die schlechte Bahnanbindung. Es ist oft nachteilig, dass wir verkehrstechnisch so abgehängt sind. Auch eine Großstadt kann gefühlt Provinz sein.


Was tun Sie denn als Erstes, wenn die sechs Festspielwochen vorüber sind?
Urlaub machen, dieses Jahr Mexiko, maximal zwei Wochen. Ich liege dann am Strand, aber nach zwei Tagen rattert es wieder in meinem Kopf. Dann ziehe ich heimlich das iPhone raus, höre Musik und denke über die nächste Inszenierung nach. Das darf mein Freund nicht mitbekommen, ihm versuche ich weiszumachen, es sei ein Hörbuch. Das war bei meinem Vater genauso, der konnte schon an spielfreien Tagen die Füße nicht ruhig halten und hat Weinflaschen nach Jahrgängen sortiert.

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