Kosmetik und der Zeitgeist : Was Drogerieprodukte über die Gesellschaft verraten

Cremes gegen die verschmutzte Luft, Ampullen gegen das blauwellige Licht vom Handydisplay: Diese Kosmetikartikel spiegeln den Zeitgeist.

Perfektes Selfie-Gesicht. Frauen um die 18 besitzen heute im Durchschnitt 92 Beauty-Produkte.
Perfektes Selfie-Gesicht. Frauen um die 18 besitzen heute im Durchschnitt 92 Beauty-Produkte.Foto: imago/Westend61

Männer-Regal

Kürzlich ist in allen deutschen dm-Filialen über Nacht ein dunkles Regal aufgetaucht. Drüber steht „Seinz“, drin stapeln sich Gesichtsmasken, Peelings, Anti-Falten-Turbo-Gel for men – eine eigene Ecke nur für Herrenkosmetik. Brauchen jetzt die Männer safe spaces?

Sich zu pflegen, sich zu bemalen, sich auszustaffieren, das ist und bleibt für einen Mann riskant, weil es ihn zum Grenzgänger macht. Männer, das sind doch die, die sich mit dem Messer in der Hand am Fluss rasieren. Der Gebrauch von Kosmetika ist seit dem 19. Jahrhundert weiblich konnotiert, daran haben auch ein paar Metrosexuelle wenig geändert.

Doch der Markt für Männerkosmetik wird stetig größer, bis 2023 soll er laut dem Institut Research and Markets global um jährlich 5,3 Prozent wachsen. Studien ergeben, dass attraktive Männer beruflich erfolgreicher sind. Jungs im Teenageralter posten ihre Stylingsessions auf Youtube. Ein Beispiel ist der Berliner Ossi Glossy, 15, der bürgerlich Oskar heißt und eine halbe Million Abonnenten hat. Für seinen „Everyday Make-up Look“ verwendet er unter anderem Concealer, Puder, Rouge, Highlighter, Mascara, Lippenstift.

Vermutlich kein Zufall, dass das gerade jetzt passiert. Das tradierte Männlichkeitsideal steckt spätestens seit #MeToo in der Krise. Männer dürfen heute androgyn sein, schmal, knabenhaft; vielleicht sollen sie das sogar. Nur: Wie weit kann man(n) da gehen? Die Rasierermarke Gillette hat gerade einen Shitstorm erlebt, weil sie sich in ihrer jüngsten Werbekampagne gegen „toxische Männlichkeit“ positioniert. Sie zeigt Väter, die dazwischengehen, wenn Jungs sich prügeln, und Typen, die ihre Kumpels davon abhalten, Frauen zu begrapschen. Etliche Kunden fühlten sich davon provoziert, wähnten den Rasiererhersteller schon beteiligt am „Krieg gegen Männer“. In den sozialen Netzwerken posteten sie reihenweise Videos, in denen sie die Rasierer der Marke in die Tonne werfen. Es bleibt also kompliziert. Wann ist ein Mann ein Mann?

Ganz sicher sind sich die Hersteller von Herrenkosmetik offenbar auch nicht. Beim Design und den Produktnamen setzen sie weiter auf den harten Kerl. Wer zugreift, hat dementsprechend etwa einen „Wütenden Tiger“ der Marke Natura Siberica oder eine „Pimped Out No More“ Schlammmaske von Bandito an der Backe. Wenn da mal die Gesichtszüge entgleisen: Keine Panik. Die Men Expert Tagespflege „Anti-Mimik-Falten“ bügelt das wieder aus. Riecht ein bisschen streng, verleiht aber „jugendliches Aussehen“.

Selfie-Kosmetik

Die Ten Year Challenge von Facebook hat es gerade schonungslos, nun ja, beleuchtet: Wir sind ganz schön alt geworden. Zehn Jahre sind eine halbe Ewigkeit, nie galt das so sehr wie heute. 2009 wurde Whatsapp erst gegründet, ein Jahr später folgte Instagram. Seitdem hängen wir noch mehr am Bildschirm.

Und an einigen unserer frischen Falten könnten die sozialen Netzwerke Schuld sein. Davor warnen jedenfalls Kosmetikfirmen. Das blauwellige Licht der Displays sei Gift für die Haut. Es dringe tief in die Haut ein und sorge dort für die Bildung von freien Radikalen. Die wiederum dafür verantwortlich seien, dass unsere äußere Hülle schneller altere. Das Schreckgespenst trägt den Namen „Digital Aging“.

Es drohe besonders denen, die viele Selfies schießen, weil sie oft lange am Handy hängen, bis alles perfekt ist. Eine Studie im Auftrag des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel hat ergeben: 45 Prozent der jungen Frauen zwischen 14 und 21 knipsen mehr als 50 Selfies, 18 Prozent sogar mehr als 100, bevor eines gepostet wird. Die Bearbeitungssession am Bildschirm kommt noch obendrauf.

Die Kosmetikindustrie hat nun jede Menge „Beauty Wunder“ auf den Markt geworfen, die die Haut vor „Medien-Stress“ bewahren sollen. Bei Rossmann und dm steht etwa die Ultra-Protect Tagescreme mit Blue-Light-Schutz von Diadermine im Regal, die die Haut vor den Auswirkungen schütze, „die durch blaues Licht von Smart Devices hervorgerufen werden“. Der Balsam riecht dezent blumig, hat eine samtige Textur und bleibt noch lange auf der Haut spürbar. Aber hilft er auch gegen das blaue Licht aus den Bildschirmen?

Die Antwort ist: Muss er gar nicht. Der Dermatologe Jean Krutmann, Leiter des Leibniz-Instituts für umweltmedizinische Forschung, sagt: „Die Intensität des blauen Lichts aus den Displays ist so gering, dass es keinen Effekt auf die Haut hat. Da passiert überhaupt nichts.“ Zumindest Frauen um die 18 dürften dennoch kaum zögern, sich ein weiteres Döschen ins Bad zu stellen. Im Durchschnitt besitzen sie heute schon 92 Beauty-Produkte. Für den „No Make-up Look“ aus dem Youtube-Schminktutorial braucht man schlappe zehn Tuben und Tiegel.

Relaxation-Drinks

Guten Abend, gute Nacht? Schön wär’s. Laut dem DAK-Gesundheitsreport 2017 haben 80 Prozent der deutschen Arbeitnehmer Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Alle sind ständig „on“, da kommen sie abends nicht so schnell runter. Das blaue Licht der Displays scheint auch noch aufs Kopfkissen und flüstert dem Gehirn ein, dass der Tag anbricht. Dies hemmt die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das müde macht. Am nächsten Morgen schleppen sich die Werktätigen wie gerädert zur Arbeit – nur um nach ein paar Double Shots Espresso wieder im Mittagstief zu versinken. Dagegen hilft, je nach Milieu, der Griff zur Club-Mate-Flasche oder zur Red-Bull-Dose. Nur werden die Lider dann bis zur Bettzeit nicht mehr schwer. Schon beginnt das Panikherz zu rasen, denn jeder weiß: Schlafmangel macht dumm, dick und krank. Konzentrationsfähigkeit, Stoffwechsel und Infektionsabwehr leiden. Irgendwie müsste man auf Knopfdruck zur Ruhe kommen.

Dafür stehen nun sogenannte Relaxation-Drinks bereit, die einen durch Inhaltsstoffe wie Baldrianextrakt oder Melatonin punktgenau herunterfahren. Sie stecken in bunten Pappdosen oder braunen Ampullen und sind das Gegenstück zu den Energy Drinks. Der „Natural Sleep Drink“ Snooze etwa enthält außer Baldrian noch Zitronenmelisse, Lindenblüte und kalifornischen Mohn und schmeckt, als hätte man ein Ricola Kräuterbonbon in einem Glas Wasser aufgelöst. Auf den Markt geworfen wurde er von Hans P. Vriens, einem der ersten Mitarbeiter und langjährigen Manager von „Red Bull“. Die bräunliche Flüssigkeit verleiht aber keine Flügel, sondern Bettschwere.

Ist Baldrian jetzt das neue Ding? Zumindest die „New York Times“ hat Schlaf schon vor zwei Jahren zum Statussymbol ausgerufen. Nichts macht Körper und Geist so leistungsfähig wie die gepflegte Nachtruhe. Schlaf ist Selbstoptimierung! Damit das auch jeder versteht, haben die Schlummerdrinks frische Namen wie „Tyme Out“ oder „Sleep Ink“ erhalten.

Creme gegen Feinstaub

Es gibt sie sogar in Dosen: die Berliner Luft. Allerdings könnte das Produkt bald zum Ladenhüter werden. Die Tage, in denen die Stadtbrise hymnisch besungen wurde, sind vorbei. Heute düsen die Radfahrer auf Berlins Straßen mit Atemschutzmasken durch den Verkehr. Und die „Open-Air-Bio-Wäscherei Frisch und Luft“ holt die Wäsche ihrer Kunden ab, um sie zum Trocknen in den Brandenburger Wind zu hängen.

Feinstaub, Rußpartikel, Stickoxide: Wer das nicht mal seinen Blusen zumuten mag, der will erst recht die eigene Haut davor bewahren. Denn für sie ist die Luftverschmutzung Gift. Dermatologen mahnen, Smog lasse Pigmentflecken entstehen und Falten wachsen. Außerdem werde die Entstehung von Ekzemen begünstigt. Es droht das sogenannte Pollu-Aging – also beschleunigte Hautalterung durch verschmutzte Luft. „Wir haben in unseren Studien herausgefunden, dass die Hautalterungsmerkmale eindeutig zunehmen, wenn man dauerhaft einer hohen Abgasbelastung ausgesetzt ist“, sagt der Dermatologe Jean Krutmann.

Seinen Diesel in der Garage zu lassen und auf den Inlandsflug zu verzichten, hilft also auch der Haut. Zusätzlich verspricht die Kosmetikindustrie Abhilfe. Anti-Pollution-Produkte, also Moisturizer, Masken, Reinigungsgels sollen wie Schutzschilde wirken und Schmutzpartikel fernhalten. Außerdem sind vielen Tuben wie etwa der Hydro-Effect-Tagescreme von Lavera Wirkstoffe beigesetzt, die freie Radikale bekämpfen und damit die Hautalterung hinauszögern.

Und wer schön sein will, der muss bisweilen leiden. Das „Smog Block Spray“ von Bio Végane soll man „gleichmäßig auf das Gesicht“ sprühen. Das würde man jedoch allenfalls jemandem empfehlen, der den ganzen Tag auf einer Verkehrsinsel in Stuttgart verbringt. Es stinkt – extrem muffig – zum Himmel.

Halal-Produkte

Wer zum Grillen einlädt und auch muslimische Gäste erwartet, wird sich Gedanken über Alternativen zu Bratwurst und Schweineschnitzel machen. Dass sich Muslime halal ernähren, also nur Speisen zu sich nehmen, die nach den Vorschriften des Koran erlaubt sind, ist bekannt. Schwein und Alkohol sind es nicht. Die stecken aber nicht nur in Grillgut und Bier, sondern auch in verschiedenen Kosmetika. Manche Muslimas möchten deswegen lieber auf Lippenstifte mit Kollagen oder Deos mit Alkohol verzichten.

Es gibt schon mehrere Firmen in Deutschland, die von Sonnencreme über Shampoo bis zu Körpermilch halal produzieren. „Al-Balsam“ aus Dortmund etwa. Der Vertrieb läuft größtenteils über das Internet. In den deutschen Drogeriemärkten findet man derartige Produkte bisher kaum. Ein Rossmann-Sprecher teilt mit: „Das Thema Halal-Kosmetik ist momentan noch nicht so relevant für Rossmann.“

Der Zentralrat der Muslime schätzt, dass sich derzeit rund 4,5 Millionen in Deutschland zum Islam bekennen. Auch wenn die Zahlen dazu schwanken, sicher ist: Es gibt hierzulande mehr Moslems als Veganer. Nach eigenen Angaben lebten 2018 nur knapp eine Million Menschen ohne tierische Produkte. Sie finden haufenweise Kosmetika, die als vegan gekennzeichnet sind in den Drogeriemärkten. Warum steht nirgends halal?

Man darf annehmen: aus Gründen. So hat etwa die Schweizer Toblerone-Schokolade Ärger im Netz bekommen, weil das Berner Werk seine Produktion als „halal“ zertifizieren ließ. Dabei hatte sich an der Rezeptur der ikonischen Zackenschokolade nichts geändert, nicht mal auf den Packungen stand das Wort. Doch rechte Kommentatoren witterten schon die „Islamisierung der Toblerone“ und riefen zum Boykott auf. Man kann sich vorstellen, dass die Drogeriemärkte auf derartige Eskalationen gerne verzichten.