AfD und Kunst : Bildersturm von rechts?

Eine 3sat-Dokumentation beschäftigt sich mit der AfD-Agenda für Kunst und Kultur und Kulturbetrieb

Manfred Riepe
Kulturschaffende schlagen Alarm. Sie sehen die Freiheit der Kunst in Gefahr.
Kulturschaffende schlagen Alarm. Sie sehen die Freiheit der Kunst in Gefahr.Foto: ZDF und dpa/Annette Riedl

Seit dem Einzug der AfD in die Parlamente von Bund und Ländern ist die politische Stimmung in Deutschland gespalten. Dieser Zwist betrifft auch einen Bereich, der auf der politischen Bühne bis vor einigen Jahren eine eher untergeordnete Rolle spielte. Eine 3Sat-Doku zeichnet nach, wie Kunstbetriebe, Museen und Theater zum kulturpolitischen Zankapfel wurden.

So hat die AfD in Sachsen für den Fall ihres Wahlsieges im September schon vorab eine Regierungserklärung veröffentlicht, in der sie ein „propagandahaft-erzieherisches Musik- und Sprechtheater“ unterbinden wolle. Ist dies ein Angriff auf die Freiheit der Kunst? Oder strebt die AfD nur eine andere Kulturpolitik an, wie man sie jeder demokratisch legitimierten Partei zugestehen muss?

Diese Frage beleuchtet Carsten Gravert in seiner Dokumentation, die auch einen Blick über Deutschlands Grenzen hinaus wirft. Seitdem in Polen die rechtspopulistische PiS-Partei regiert, ist die Kunstfreiheit nominell zwar nicht abgeschafft. Nach und nach werden aber in Kulturinstitutionen Leiter ausgetauscht, die nicht linientreu sind. So hat man am Warschauer Nationalmuseum den renommierten Kunsthistoriker Piotr Rypson vor die Tür gesetzt. Dann wurde ein prominentes Exponat, das aus den 70er Jahren stammende Videokunstwerk „Consumer Art“, in dem die feministische Medienkünstlerin Natalia LL Oralverkehr mit einer Banane hat, in den Giftschrank verfrachtet.

Keiner muss Angst haben, sagt die AfD

Droht im Fall einer Machtausweitung der AfD ein solcher Bildersturm auch im deutschen Kulturbetrieb? „Diese Angst“, so Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, „ist vollkommen abwegig.“ Nach seiner Auffassung sei Kunstfreiheit aus einem anderen Grund bedroht. Sie werde zwar formal auf dem Papier gewahrt. Aber „in der aktuellen Durchführung der Theaterprogramme, der Ausstellungen und des gesamten kulturellen Lebens ist es doch eine ganz große Einheitlichkeit. Man kann sagen, dass eine linke Szene den gesamten Betrieb kontrolliert“.

Der Film erinnert an tumultartige Übergriffe linker Aktivisten, die auf der Buchmesse 2017 den Stand des rechtsgerichteten Antaios Verlags beschädigten. Laut Jongen sind solche Aktionen sinnbildlich für einen „Gesinnungskorridor“, den man nicht ungestraft verlassen dürfe. Jongens ehemaliger Mentor Peter Sloterdijk hält dagegen. Von diesem Meinungskorridor, so Sloterdijk, würde die AfD doch am meisten profitieren. Beispielhaft führt die Dokumentation den Fall des Künstlers Axel Krause an. Nachdem eine Leipziger Galerie den Maler aufgrund seiner AfD-Mitgliedschaft ausschloss, wurde dies als Zensur kritisiert. Allerdings, so die Argumentation der Doku, profitiere der Künstler maßgeblich von der damit verbundenen öffentlichen Aufmerksamkeit – obwohl seine Bilder eher unbedeutend seien.

Mehr klassische deutsche Stücke spielen!

Worum also geht es der AfD in ihrer kulturpolitischen Agenda? Im Landtag von Sachsen-Anhalt forderte Hans-Thomas Tillschneider, Theater sollten mehr „klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen“. Es geht hier nicht nur um die Forderung nach mehr Goethe. Es geht auch nicht nur um eine stilistische Kritik an Inszenierungen des subventionierten Regietheaters. Worum es der AfD geht, zeigt kürzlich etwa deren Anfrage, wie viele Deutsche und wie viele ausländische Mitarbeiter am Stuttgarter Staatstheater beschäftigt seien.

Inwiefern die AfD zuweilen rote Linien überschreitet, führt der Film am Beispiel der Ermittlungen gegen das „Zentrum für Politische Schönheit“ vor, bei denen der zuständige Staatsanwalt sich aufgrund seiner AfD-Mitgliedschaft für befangen hatte erklären müssen. Mit Genugtuung erklärt Philipp Ruch, Vordenker der linken Kunstaktivisten, dass bestimmte Leute „sich an uns verheben. Und dass sie eher aus dem Amt fliegen, als dass sie in nennenswerter Weise die Kunstfreiheit einschränken könnten“. Kann man dieses Statement als Einschätzung der Lage im Kulturkampf gegen rechts nehmen? Der Film lässt die Frage offen. Manfred Riepe

„Kulturkampf von rechts“, 3sat, Samstag, 19 Uhr 20

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