ARD-Doku zur Milchwirtschaft : Volle Kanne

Glücklich oder bedrohlich? Eine ARD-Dokumentation analysiert „Das System Milch“.

Manfred Riepe
Hinter die Kulissen. Wegen ihrer reinen Farbe und ihrer unumstrittenen Rolle als Kindernahrung hat Milch in unserer Gesellschaft eine hohe symbolische, ja beinahe mythische Bedeutung.
Hinter die Kulissen. Wegen ihrer reinen Farbe und ihrer unumstrittenen Rolle als Kindernahrung hat Milch in unserer Gesellschaft...Foto: rbb/EIKON Media und MIRAMONTE

Milch zählt zu den Grundnahrungsmitteln. Sie ist, so glauben wir, gesund. Und außerdem gilt sie als Symbol der Reinheit. Großbauern müssen immer mehr produzieren, kommen dabei aber nicht auf einen grünen Zweig. Außerdem trägt die industrialisierte Herstellung von Milch zur Vergiftung der Umwelt bei. Ein ARD-Dokumentarfilm durchleuchtet „Das System Milch“, ein hoch subventioniertes Geflecht aus Molkereien, Märkten und bis ins Detail durchgetakteter Massentierhaltung.

Auf der Milchtüte aus dem Supermarkt sind glückliche Kühe abgebildet. Die Wirklichkeit der Wiederkäuer sieht anders aus. Andreas Pichler, renommierter Dokumentarfilmer und Adolf-Grimme-Preisträger, hat sich unter Milchbauern umgesehen. Horrorbilder von toten Kühen sind (fast) keine zu sehen. Tierschutz ist auch nicht das Hauptanliegen seines Films, der die industrialisierte Milchproduktion kritisch unter die Lupe nimmt.

Großbetriebe in Dänemark und Deutschland zeigen ein ähnlich tristes Bild. Bauernhöfe sind zu High-Tech-Unternehmen geworden. Von der Optimierung der Futtermittel über künstliche Besamung bis hin zur Melkmaschine und der Beseitigung der Kuh-Fäkalien durch einen „Scheiße-Robbie“ sind Höfe nahezu durchgehend mechanisiert.

Landwirte, so verdeutlicht Pichler, haben ihre Kühe mit allen erdenklichen Tricks zu leistungsstarken Milchkraftwerken hochgezüchtet. Seltsam nur: Trotz dieses immensen Aufwands wirtschaften Bauern meist an der Grenze zum Bankrott. Damit ihr hoch subventioniertes Geschäft wirtschaftlich profitabel würde, müsste der Preis für den Rohstoff deutlich höher liegen.

Nutznießer dieser billig produzierten Milchschwemme sind Molkereien und Nahrungsmittelkonzerne. Mit Überkapazitäten reagieren sie auf den globalisierten Markt, auf dem stets neue Produkte nachgefragt werden. Mit Blick auf die chinesische Wirtschaft, wo Milch erst vor einigen Jahren entdeckt wurde und seither als westlicher Modeartikel boomt, zeichnet der Film nach, wie europäische Nahrungsmittelkonzerne milliardenschwere Geschäfte in Fernost machen.

Von diesen multinationalen Verflechtungen profitieren einheimische Bauern nicht. Dafür belastet ihre hochgezüchtete Milchwirtschaft die Böden mit Nitrat. Außerdem trägt der CO2-Ausstoß der Viehwirtschaft nicht zur Verbesserung des Klimas bei. Das System Milch, so das düstere Fazit, „setzt die Bauern unter Druck, ruiniert unsere Umwelt und führt die Kuhzucht ad absurdum“. Zu guter Letzt werden mit immensen EU-Zuschüssen künstlich verbilligte Milchprodukte in afrikanische Länder exportiert, wo sie das Entstehen profitabler einheimischer Märkte unterbinden.

Der Film argumentiert komplex, bleibt dabei aber übersichtlich und unaufgeregt. Er verteufelt die konventionelle Viehzucht nicht pauschal, zeichnet die Zwickmühle der Milchbauern aber mit differenzierten Beobachtungen nach. Suggestiv ist dieser Blick allerdings zuweilen schon. So stapft die glückliche Kuh des Ökobauern mit freundlich dudelnder Musikuntermalung auf die Weide. Erklärungen von Molkerei-Lobbyisten werden dagegen mit unterschwellig recht bedrohlich anmutenden Techno-Klängen konterkariert.

„Das System Milch“, Mittwoch, ARD, 23 Uhr 30

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