Der "Tatort" aus Köln : In den Sand gesetzt

Im Kölner „Tatort: Bausünden“ mit Hanno Koffler geht es nicht ums Stadtarchiv, sondern um einen Hotelbau in Katar - und um andere Dinge, die in Hotels passieren.

Sieht schon verdächtig aus: Lars Baumann (Hanno Koffler, Mitte) wird von Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Schenk (Dietmar Bär) zum Gespräch gebeten.
Sieht schon verdächtig aus: Lars Baumann (Hanno Koffler, Mitte) wird von Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Schenk (Dietmar...Foto: WDR/Martin Valentin Menke

Der Titel des neuen Köln-„Tatorts“ klingt nach einer echten Punktlandung. „Bausünden“ heißt der 71. Fall der Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Wer denkt da in diesen Tagen nicht sogleich an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor neun Jahren, bei dem zwei Menschen starben und ein Millionenschaden entstand? Seit Mittwoch läuft in Köln der Prozess gegen fünf Angeklagte, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, durch ihre Bausünden die Katastrophe erst möglich gemacht zu haben.

Doch weit gefehlt. Im WDR-„Tatort“ an diesem Sonntag nach dem Buch von Uwe Erichsen und Wolfgang Wysocki und in der Regie von Kaspar Heidelbach (der 1997 den ersten Einsatz von Ballauf und Schenk und seither zwölf weitere Episoden mit Behrendt und Bär in Szene gesetzt hat) geht es nicht darum, wie das Kölner Stadtarchiv in der Baugrube einer neuen, möglicherweise sogar überflüssigen U-Bahn-Linie verschwindet, sondern um Mega-Bauten in Katar.

Franz Beckenbauer wollte bekanntlich keinen einzigen Sklaven auf den Baustellen in Katar gesehen haben, Lars Baumann (Hanno Koffler, "Die Dasslers") könnte im „Tatort“ ganz anderes vom künftigen Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 berichten. Er ist als Bauleiter für die Errichtung eines Hotels in der Wüste zuständig. Um das, was in Hotels alles passiert, geht es in diesem „Tatort“ auch in anderer Hinsicht – doch dazu später. Baumann sollte schon längst wieder zu seiner Baustelle zurückgekehrt sein, doch solange er nicht weiß, wo seine Frau Susanne abgeblieben ist, verweigert er seine Arbeit.

Immer gut: Ein Elitekämpfer mit PTBS

Baumann war früher Elitekämpfer in Afghanistan, leidet seither an einer Posttraumatischen Belastungsstörung und hat seine Emotionen nicht mehr im Griff. Statt sich in den Flieger zu setzen, begibt er sich mit Daniela Mertens (Jana Pallaske) – der Schwester seiner Frau – auf die Suche nach der Vermissten. Die befindet sich allerdings nach Ansicht von Hans Könecke (Julian Weigend), dem Chef des Architekturbüros, für den sowohl Lars Baumann als auch seine Frau Susanne arbeiten, nur im Urlaub.

Zum Fall für die Polizei wird dieses Verwirrspiel erst durch den unfreiwilligen Balkonsturz der Hotelangestellten Marion Faust (Anja Weingarten). Kurz vor ihrem Tod hatte sie mehrere Nachrichten auf dem Anrufbeantworter der Vermissten hinterlassen. Weshalb nun Baumann verdächtigt wird.

Um Bausünden und die Ethik einer Branche geht es im ARD-Sonntagskrimi zwar auch, für das Autorenduo steht jedoch etwas anderes im Mittelpunkt. So sollte nicht ein weiteres Mal auf die hinlänglich bekannten sozialen Missstände auf den Großbaustellen in Katar hingewiesen werden, vielmehr wollten sich Erichsen und Wysocki mit den Schicksalen von Menschen beschäftigen, die für lange Zeit fern von zu Hause ihrer Arbeit nachgehen müssen, was nicht ohne Auswirkungen auf ihr Privatleben bleibt.

Bei den Sünden, falls man sie heutzutage noch als solche bezeichnen will, handelt es sich somit eher um andere Dinge wie Ehebruch oder ausgefallene Sexualpraktiken. Möglicherweise hätte es geholfen, wenn sich der Krimi auf einen dieser Aspekte – egal, ob nun Bausünden im Allgemeinen, die Fußball-WM in Katar im Speziellen oder die Ausschweifungen der Strohwitwe im Besonderen – konzentriert hätte. Immerhin unterlässt dieser „Tatort“ alles, was als filmische Sünde angesehen werden könnte, überzeugen kann er dennoch nicht.

Der sozialkritische Blick fehlt diesmal

Gerade die „Tatorte“ mit einer besonders langen Tradition stehen zumeist für eine besondere Perspektive. Und für die Kölner Krimis gehört der sozialkritische Blick, der sich dieses Mal im Privaten verliert, zum Markenkern. Eine Besonderheit gibt es dennoch: Klaus Doldinger, der Erfinder der „Tatort“-Titelmelodie, hat die Musik zu diesem „Tatort“ aus Köln geschrieben.

Die Baubranche wird ein dankbarer Vorlagenlieferant für TV-Krimis bleiben, der Kölsche Klüngel ohnehin. Vielleicht wird es nach Beendigung des Prozesses auch einen „Tatort“ mit Ballauf und Schenk um U-Bahnen und Stadtarchive geben – wo so viele Millionen investiert werden, lässt sich doch sicher ein fiktionales Verbrechen finden.

Mehr zum Thema

„Tatort: Bausünden“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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