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„Eine Runde Berlin“ heißt der Podcast von Checkpoint-Redakteurin Ann-Kathrin Hipp, in dem sie nicht nur CDU-Politiker Kai Wegner zum Gespräch in der S-Bahn trifft.

© Sven Darmer

Neue Podcast-Studie: Die neue Sachlichkeit regiert

Podcasts boomen. In dem Format, ob informativ oder unterhaltend, geht es überraschend kultiviert zu.

FDP-Chef Christian Lindner hat einen. Für Klimaschutz-Aktivistin Luisa Neubauer ist er quasi ein Muss, denn sie ist ja jung und trendy. Satiriker Jan Böhmermann betreibt schon seit Jahren einen. Aber auch Altkanzler Gerhard Schröder, 77, leistet sich einen. Natürlich, die Rede ist vom Podcast, von dem derzeit besonders angesagten Audioformat, bei dem sich Menschen in aller Regel kultiviert unterhalten – und dies meist in vielen oder sogar endlosen Folgen.

Im Branchensprech heißen Folgen „Episoden“, gemeint sind damit die digitalen, in aller Regel sprachbasierten Audiodateien, die sich neben den Abermillionen von Musiktiteln auf den Streamingplattformen herunterladen lassen.

Das Themenuniversum reicht ins Unendliche: Es erstreckt sich von den klassischen Ressorts Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur und Lokales über „True Crime“ und Comedy bis hin zu Naturwissenschaften und Psychologie, Religion und anderen Formen persönlicher Selbstoptimierung. Die meisten Nutzer konsumieren Podcasts bevorzugt über das Smartphone, zunehmend aber auch im eigenen Auto.

Podcasts boomen.

Binnen der vergangenen drei Jahre hat sich allein bei der marktführenden Plattform Spotify die Zahl der deutschsprachigen Podcasts von 2000 auf 50 000 erhöht. Parallel zum Angebot ist die Nachfrage stark angestiegen. Je nach Umfrage hört ein Viertel bis ein Drittel aller Deutschen über 14 Jahre mindestens einmal pro Monat einen Podcast.

Ein Viertel der 14- bis 29-Jährigen drückt sogar mindestens einmal pro Woche auf den Play-Button. Inzwischen gehören Podcasts fast schon zum alltäglichen Medienrepertoire jüngerer Nutzer, langsam, aber sicher kommen sie aber auch bei den älteren Jahrgängen an, die ihre Audios bevorzugt von der ARD-Audiothek oder von der Videoplattform Youtube abrufen, hier als Audiodatei mit Standbild.

Podcasts sind also längst kein Hype mehr wie bei der „Experimentierwelle“ zwischen 2005 und 2010, als vor allem noch innovationsfreudige Privatpersonen Podcasts produzierten. Seit 2017 hat eine „Etablierungswelle“ eingesetzt – mit der Folge, dass die digitalen Audiodateien dabei sind, sich einen festen Platz im Medienensemble neben Tageszeitung und Zeitschrift, Radio und Fernsehen, Webseiten und sozialen Medien zu ergattern (am 18. August erscheint die Studie „Den richtigen Ton treffen: Der Podcast-Boom in Deutschland“ von Lutz Frühbrodt und Ronja Auerbacher bei der Otto-BrennerStiftung. Weitere Informationen unter www.otto-brenner-stiftung.de).

Die meisten Menschen hören Podcasts, um sich zu unterhalten. Aber fast genauso viele, nämlich die Hälfte, wie Umfragen zeigen, wollen sich informieren und ihr Wissen erweitern. Information und Politik, Bildung und Wissen sind für sie wichtig.

Nicht nur bei „Wohlstand für alle“

Das spiegelt sich auch darin wider, dass immerhin zwei Fünftel der Podcasts unter den Top-50-Titeln auf Spotify aus diesem Bereich stammen. Der Siegeszug des Podcasts und vor allem seiner informativen Variante mag verblüffend wirken in einer Medienwelt, in der das Sensationsheischende und Banale (fast) alles und alle beherrscht. Podcasts müssen etwas haben, was andere Medien nicht haben.

Podcasts sind ausführlich, meist zwischen 30 und 60 Minuten lang. Die Hörer können also richtig in ein Thema einsteigen. Ihre Gesprächsatmosphäre wirkt oft sehr intim, fast so, als könnte der Zuhörende andere Menschen bei einem privaten Gespräch belauschen.

Diese beiden Kriterien erfüllen auch die „Laber-Podcasts“, bei denen die Beteiligten zwar einer lockeren Dramaturgie folgen, aber im Wesentlichen munter drauflosplaudern. So etwa wie die Komiker Felix Lobrecht und Tommi Schmitt in ihrem beliebten Podcast „Gemischtes Hack“.

Podcasts, vor allem aus den Feldern Politik und Wissen, zeichnen sich durch noch mehr aus: vor allem durch thematischen Tiefgang, wenn zum Beispiel die Macher des Wirtschafts-Podcasts „Wohlstand für alle“ eine geschlagene Stunde über Ayn Rand, die geistige Mutter des Laissez-faire-Kapitalismus, sinnieren und dabei auch in die Feinheiten gehen. Besonders bemerkenswert ist aber, wie die Podcaster dabei miteinander umgehen – nicht nur bei „Wohlstand für alle“.

Wie sie als Moderatoren – als „Hosts“, wie es im Podcast-Sprech heißt – miteinander reden, aber auch wenn sie einen oder mehrere Studiogäste bei sich haben. Im Vordergrund steht der Dialog, nicht die kontroverse Debatte. Man versucht sich gegenseitig zu verstehen, indem man seinem Gegenüber erst einmal zuhört, ohne vorschnell seine eigene Position abzustecken. Dabei handelt es sich keineswegs um ein devotes Abfragen, vielmehr um den – zumeist auch gelungenen – Versuch, den Gesprächspartner respektvoll zu behandeln und den Fokus auf den Gegenstand der Betrachtung zu legen.

Die neue Sachlichkeit regiert. Es hat sich eine Gesprächs- und Zuhörkultur entwickelt, die zur Informiertheit der Bürger und damit zur politischen Meinungsbildung beitragen kann. Mehr noch, das Podcasting könnte eine neue Form des öffentlichen politischen Diskurses vorantreiben: Der bundesdeutschen Gesellschaft täte es sicher gut, ihr medial orchestriertes Selbstgespräch verstärkt in wohltemperierter Manier zu führen.

Eine gewisse Kommerzialisierung

Im weiten Feld des Podcastings haben sich zunächst viele Amateure, Semiprofessionelle sowie freie Medienschaffende getummelt. Früh waren aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender und Medienhäuser wie „Zeit“ und „Spiegel“ mit von der Partie. Inzwischen hat eine starke Professionalisierung eingesetzt: So haben viele Zeitungen wie „Der Tagesspiegel“ sowie Zeitschriften mit politischem oder wirtschaftlichem Einschlag regelrechte Podcast-Offensiven gestartet, um vor allem jüngeres Publikum zu gewinnen.

Nicht alles, was es an Info-Podcasts gibt, ist allerdings automatisch hochwertig und genügt den Ansprüchen von Qualitätsjournalismus. Sogar die Podcasts einiger hoch angesehener Medientitel wie der „Süddeutschen Zeitung“ oder des „Handelsblatts“ trennen nicht immer sauber zwischen Information und Meinung, teils fehlen auch Quellenbelege. Und dennoch: Podcasts transportieren allemal mehr Information und Zusammenhänge als jeder Instagram-Post.

Derweil nutzen auch Hochschulen und Universitäten, Unternehmen und Verbände sowie Nichtregierungsorganisationen Podcasts. Dies erhöht zwar die Meinungsvielfalt, für die Nutzer wird es aber immer schwieriger, zwischen unabhängigem Journalismus und PR in eigener Sache zu unterscheiden.

Zudem setzt mit der Professionalisierung häufig eine gewisse Kommerzialisierung ein. Dies hat die Entwicklung bei sozialen Medien wie Youtube gezeigt.

Werbungtreibende platzieren ihre „Botschaften“ gerne in der Nähe von unterhaltenden Inhalten. Dies formt das Medium. In den USA, Deutschland in der Medienentwicklung um einige Jahre voraus, konnten sich Politik-Podcasts bei Werbeanteilen überraschend gut behaupten. Das macht Hoffnung, dass der Podcast auf Dauer ein Medium bleibt, das gesellschaftlich wichtige Themen auf unterhaltsame wie kultivierte Weise in die öffentliche Debatte trägt.

Lutz Frühbrodt

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