Doku über Extremsportlerin : Die Amphibienfrau

Aus dieser Selbstheilung erwuchs eine Obsession: Eine Arte-Doku begleitet die britische Extremsportlerin Beth French bei „Ocean’s Seven“.

Manfred Riepe
Herausgefordert. Beth French hat ein waghalsiges Ziel. Sie möchte sieben Meerengen binnen eines Jahres bezwingen.
Herausgefordert. Beth French hat ein waghalsiges Ziel. Sie möchte sieben Meerengen binnen eines Jahres bezwingen.Foto: arte

Die „Ocean's Seven“ gelten als eine der größten Herausforderungen für Extremsportler. Erst elf Athleten konnten alle Meerengen meistern. Niemand hat jedoch alle sieben Strecken binnen eines Jahres absolviert. Ein Arte-Dokumentarfilm begleitet die britische Schwimmerin Beth French bei ihrem unkonventionellen Kampf gegen Naturgewalten, Haifische und ihre innere Dämonen.

Zu den „Ocean's Seven“ gehören die Cookstraße zwischen Nord- und Südneuseeland, der Kaiwi-Kanal zwischen zwei Hawaii-Inseln, der Nordkanal zwischen Irland und Schottland, die Tsugaru-Straße zwischen den japanischen Inseln Honshu und Hokkaido, der Ärmelkanal, die Straße von Gibraltar sowie der Santa Catalina Kanal vor der Küste von Los Angeles.

Hier beträgt die Distanz „nur“ 34 Kilometer, doch die Herausforderung ist besonders gefährlich. 19 Stunden schwimmt Beth France buchstäblich gegen die Strömung, bis sie endlich das Ufer erreicht, erschöpft aber glücklich. Begleitet wird die 40-Jährige von Helfern und einem Coach, der ihr Flüssignahrung anreicht und sie bei Durchhängern psychisch aufmuntert.

Der britische Regisseur Stefan Stuckert macht sinnlich nachvollziehbar, wie diese Frau immer wieder an ihre Grenzen geht. Sein bildgewaltiger Dokumentarfilm ist aber keine eindimensionale Huldigung des Freiwasserschwimmens.

Gezeigt wird, wie Beth, die als Masseurin nicht zu den Topverdienern gehört, ihre Weltreisen mit Sponsorengeldern finanziert. Visuell pointiert entsteht das Psychogramm einer toughen und zugleich verletzlichen Frau, die einen ungewöhnlichen Kampf aufgenommen hat.

Kampf gegen innere Hindernisse

In ihrer Jugend litt Beth an myalgischer Enzephalomyelitis, einem chronischen Erschöpfungssyndrom, das sie an den Rollstuhl gefesselt hatte. Zufällig fand sie heraus, dass Schwimmen ihr gut tut. Aus dieser Selbstheilung erwuchs eine Obsession. Unterwasseraufnahmen zeigen eine quirlige Amphibienfrau, die nicht wie eine Modellathletin anmutet, aber dennoch wie ein Delphin schwimmt und offenbar niemals müde wird. Feuerquallen und Haifischattacken sind auf ihren Trips nicht die schlimmste Bedrohung.

Zuweilen kommt der Schwimmerin ein Ozeandampfer in die Quere. Selten hat man gesehen, wie ein Mensch in einer solch lebensfeindlichen Umgebung besteht. Majestätische Bilder zeigen eine introvertierte Powerfrau, die scheinbar ganz allein im Universum ist.

Bemerkenswert ist dieser Dokumentarfilm nicht allein deswegen, weil er den Durchhaltewillen einer Extremsportlerin nachvollziehbar macht. Visuell eindrücklich schildert „Gegen die Strömung“, wie die Überwindung der äußeren Natur allmählich umkippt in einen Kampf gegen innere Hindernisse. Ins Zentrum der Betrachtung rückt Beth´ schwierige Beziehung zu ihrem achtjährigen Sohn Dylan, bei dem Autismus diagnostiziert wurde.

Der Junge hat Angst, dass seine allein erziehende Mutter ertrinkt. In seinem hilflosen Protest versteckt der Achtjährige ihren Badeanzug, um sie am schwimmen zu hindern. Dass der Vater nicht auftritt und nicht einmal namentlich erwähnt wird, wird nur indirekt zum Thema.

Am Ende nimmt der Film eine überraschende Wendung, die man von einer Dokumentation über Höchstleistungen nicht erwartet hätte. Beth erweist sich als extrem mutige Frau, die mitten auf dem Ozean zu sich selbst findet. Die Beobachtung dieses schwierigen Prozesses bleibt bis zur letzten Minute spannend.

„Gegen die Strömung“, Arte, Mittwoch, 21 Uhr 50