Doku zur deutschen Teilung : Erst schießen, dann fragen

Die ARD-Doku „Die jüngsten Opfer der Mauer“ erinnert an den Schießbefehl auch auf Minderjährige.

Manfred Riepe
Tod einer Freundschaft. Hier im Harz trafen Heiko Runge und Uwe Fleischhauer (Foto) auf die Grenzposten. Zwei Grenzer eröffneten sofort das Feuer – eine der 46 Kugeln traf Heiko Runge tödlich.
Tod einer Freundschaft. Hier im Harz trafen Heiko Runge und Uwe Fleischhauer (Foto) auf die Grenzposten. Zwei Grenzer eröffneten...Foto: rbb/Rainer M. Schulz

„Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben.“ So lautete eine Anweisung der DDR-Staatssicherheit an Grenzsoldaten der NVA. In ihrer Doku „Die jüngsten Opfer der Mauer“ rekonstruieren Sylvia Nagel und Carsten Opitz Szenen des Grauens, die aus dieser Anweisung folgten. Schusswaffen kamen dabei nicht immer zum Einsatz. So fiel am 15. Juni 1974 der sechsjährige Giuseppe Savoca, Sohn griechisch-italienischer Einwanderer, bei Kreuzberg in die Spree. Seine damals vierjährige Schwester Vincenca berichtet vor der Kamera, wie ihre Mutter damals den leblosen Körper des Kindes im Fluss treiben sah – ohne etwas tun zu können.

Die Spree gehörte an dieser Stelle bereits zur DDR. Vom Kreuzberger Ufer aus durfte daher niemand zu Hilfe kommen. Der Bootsführer einer patrouillierenden DDR-Grenztruppe gab später an, keine Blasen auf dem Wasser gesehen zu haben. Zurufe vom Westberliner Ufer stufte er daher als „Provokation“ ein. Erst zwei Tage später durfte die Mutter die Leiche ihres Sohnes aus dem Osten holen. „Dem Schmerz, ein Kind verloren zu haben, wurde keine Beachtung geschenkt.“

Minderjährige als Staatsfeinde

Über die deutsche Teilung hat das Fernsehen oft berichtet. Die Dokumentation von Nagel und Opitz macht allerdings noch eine weitere Dimension des Schießbefehls sichtbar: Minderjährige wurden zu Staatsfeinden erklärt. Ihre Tötungen nahm man billigend in Kauf. Mit Archivbildern und Zeitzeugen kehrt der Film an jene Orte zurück, an denen sich derartige Dramen abgespielt haben. So stehen Johannes Richter und Hermann Burkert noch einmal an jenem Ufer der Elbe, von wo aus sie im August 1962 gemeinsam mit einem Kameraden in den Westen schwimmen wollten. Richter gelang die Flucht. Burkert blieb zurück. Letzterer will seinem ertrinkenden Freund Gert Könenkamp zu Hilfe kommen, doch ein herangeeilter Grenzer hindert ihn mit entsicherter Waffe. Der damals 15-jährige Könenkamp stirbt in der Elbe.

Dem Todesschuss fiel im Dezember 1979 Heiko Runge zum Opfer. Ein NVA-Soldat hatte damals sein ganzes Magazin auf den ebenfalls erst 15-Jährigen abgefeuert. Er habe keine Wahl gehabt, erklärte Jürgen Albrecht, der Schütze, in einem zitierten „Spiegel TV“-Beitrag von 1996: „Entweder du schießt den ab, oder die schießen dich ab.“. Der berüchtigte Grenzer Major Helmut Piotrowski – bekannt durch den Spruch „Erst schießen, dann fragen“ – glaubte fest daran, dass sein „Kampfauftrag dem Völkerrecht“ entsprochen habe. Er führt vor Augen, welche Art von skrupellosen Menschen das DDR-System hervorbrachte. Dass man im Arbeiter und Bauernstaat nicht zwangsläufig zum Mörder wurde, verdeutlicht der Ex-Grenzer Eberhard Otto, der seine Mission im Nachhinein kritisch bewertet.

Reißerische Rekonstruktion

Etwas reißerisch muten unterdessen die Versuche an, den Grenzübertritt mit subjektiver Kamera aus der Opferperspektive nachzuinszenieren. Hier schießt der Film über das Ziel hinaus. Sehenswert ist die materialreiche Dokumentation dennoch. Sie beschränkt sich nicht auf die dramatischen Todesmomente an der innerdeutschen Staatsgrenze. Die beiden Autoren rekonstruieren auch die gebrochenen Biographien jener unglücklichen Menschen, die in der DDR meist aus politischen Gründen keine Heimat fanden und daraufhin auf der Flucht ermordet wurden. Ein bewegendes Stück Zeitgeschichte. Manfred Riepe

„Die jüngsten Opfer der Mauer“, ARD, Montag, 23 Uhr 20