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Exil ist nicht leicht zu begreifen - und mit zwiespältigen Erinnerungen an das Heimatland verbunden.
© REUTERS/Murad Sezer

Stimmen des Exils: Gedanken können so mächtig sein wie Waffen

Nie hätte ich gedacht, dass ich mich wegen meiner journalistischen Tätigkeit im Exil wiederfinden würde: Ein Erfahrungsbericht

Diese Zeilen zu schreiben und als eine quasi „deterritorialisierte“ Journalistin über mein Leben hier im Exil zu berichten, ist zunächst einmal völlig anders, als über die verschiedenen Themen zu berichten, mit denen ich mich bisher befasst habe. Vertreibung, Verbannung, der erzwungene Verweis aus dem eigenen Land, in meinem Fall der Türkei, oder das Phänomen, dass die Zugehörigkeit zu diesem Land die persönliche Freiheit gefährdet, all das ist nicht leicht zu verstehen oder zu begreifen. Für Menschen im Exil  ist dies dagegen das wahre Leben. Der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar meint, dass jede Exilgeschichte ein Schock und ein Trauma ist. Ich würde es eher als eine Situation beschreiben, die gleich mehrere Traumata hervorruft.

Wahrheiten zu verbreiten ist die entscheidende Fähigkeit von Journalisten

Wenn Sie als Journalist:in aus Ihrem Land verbannt worden sind oder sich im Exil befinden, ist dies eine Möglichkeit zu sehen, wie wirkungsvoll Ihre bisherigen Handlungen waren und wie sehr Sie bestimmte Behörden und Autoritäten beunruhigt haben. Tatsächlich können wir das Verbreiten der Wahrheit als die entscheidende Fähigkeit von Journalisten definieren. Es hört sich zwar wie ein Klischee an, aber: Auch wenn diese Tätigkeit manchmal riskant ist, ist nichts wichtiger als die Wahrheit und die Macht, die sie hat.
Sowohl als Journalistin direkt vor Ort als auch außerhalb habe ich bisher unzählige Geschichten über das Leben von Flüchtlingen in verschiedenen Situationen gehört und geschrieben, sogar über solche, die wegen Krieges in ihrem eigenen Land zu Flüchtlingen wurden. Und obwohl ich mich mit diesen Menschen unterhalten und auf diese Weise ihr Leben kennengelernt hatte, fühlte ich mich aufgrund meines Berufs davon distanziert. Natürlich habe ich nie gedacht, dass ich mich selbst eines Tages nur wegen meiner journalistischen Tätigkeit im Exils wiederfinden würde. Grund dafür waren natürlich dieselben Beschuldigungen gegen Journalisten wie immer: angebliche Propaganda und sogenannte Beziehungen zum „Terrorismus“. Auf diese Weise wird die Bindung zum eigenen Geburtsort, also gewissermaßen zu einem Teil von sich selbst, getrennt. Genannt wird das Exil. Gedanken können genauso mächtig wie Waffen sein, was ein zusätzlicher Grund dafür ist, dass Journalisten aus ihrer Heimat vertrieben werden.

Die Geschichte des Exils beginnt in der Antike

Auch wenn ich berufsbedingt den Mut habe, zu vielen Themen etwas zu schreiben, nähert sich meine Hand, wenn es um das Exil gehen soll, leider nur zaghaft der Tastatur. Irgendetwas hindert mich ständig am Schreiben. Wahrscheinlich ist der Grund dafür, dass die Situation, in der ich mich gerade befinde, unfreiwillig ist und ich keine andere Wahl habe. Schaut man sich die Geschichte des Exils an, sieht man, dass sie bereits in der Antike begann und sich bis heute fortsetzt, wobei dessen Entwicklung im 20. Jahrhundert rigoros vorangetrieben wurde. Deutschland war während des Nationalsozialismus möglicherweise der Ort, wo das Exil am intensivsten gespürt wurde. Auch sieht man, dass Exilliteratur hauptsächlich von Schriftstellern geprägt ist, die zwischen 1935 und 1945 aus Ländern flohen, die unter Nazi-Besatzung standen. Wer sich vor Gedanken fürchtet, wird sie entweder vernichten oder durch Zensur zum Schweigen bringen wollen. Aber solche Maßnahmen zeigen uns nur, wie groß die Angst vor der Meinungsfreiheit ist; vor allem in Ländern, in denen es kein Mitspracherecht in Bezug auf Presse- und Medienfreiheit gibt. 

Das einst nationalsozialistische Deutschland nimmt heute Exilanten auf

In unserer heutigen Zeit werden viele Menschen und Journalisten verhaftet, ihre Pässe beschlagnahmt, sie werden getötet und in verschiedenster Weise der Zensur unterzogen, nur aufgrund ihrer Gedanken und dem, was sie schreiben. Das einst nationalsozialistische Deutschland, von wo viele Menschen fliehen mussten, bloß weil sie auf bestimmte Weise dachten und handelten, nimmt heute Exilanten auf. Und in anderen Orten der Welt werden, genauso wie damals zur Zeit des Nationalsozialismus, Menschen vertrieben, die nicht der gleichen Meinung sind wie das Regime. Die Menschheitsgeschichte ist voll solcher Ironien und ich kann jetzt schon voraussagen, dass der Verlust der Pressefreiheit in meinem Land, der wesentlich dem totalitären Regime dient, zusammen mit den Menschen, die deswegen ins Exil geschickt wurden, eines Tages in die Geschichtsbücher eingehen wird. Solange die Menschheit denken kann, wird sie an der Utopie festhalten, dass man die Hoffnung auf eine unzensierte Welt erst aufgibt, nachdem man sie erreicht hat. Denn nichts ist mächtiger als die Gedanken.

Aus dem Türkischen von Lingua World GmbH. Dieser Text erscheint im Rahmen des gemeinsamen Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel hat seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist:innen unter dem Titel #jetztschreibenwir veröffentlicht. Die Körber-Stiftung führt Programme durch, mit denen die journalistischen, künstlerischen und politischen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland gestärkt werden. Dazu zählen Kooperationen mit den Nachrichtenplattformen "Amal, Berlin!" und "Amal, Hamburg!" Am 16./17. Mai 2022 findet in Hamburg das Exile Media Forum mit dem Young Exile Media Forum statt, die größte Fachkonferenz in Deutschland zum Exiljournalismus. Zum Livestream am 16. Mai geht es hier.

Gamze Kafar

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