Holt "Wetten, dass..?" zurück! : Live kann Netflix nicht

Der Erfolg von "The Masked Singer" zeigt: Das traditionelle Fernsehen kann sich gegen Streaming behaupten. Es muss nur richtig reagieren

Thomas Gottschalk bei "Wetten Dass...?" im April 2011
Thomas Gottschalk bei "Wetten Dass...?" im April 2011Foto: AFP/Ralph Orlowski

Beim Privatsender ProSieben kriegen sie die Showtür nicht mehr zu. Bis zu 54 Prozent Marktanteil in der werbewichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen – das sei „galaktisch“. Ist es, so einen Erfolg wie „The Masked Singer“ hatte das Privatfernsehen schon lange nicht mehr, beständig waren und sind die Quoten bei RTL, Sat 1 und ProSieben am Sinken. Der Streaming-Tsunami der Netflixe hat beim jüngeren Publikum bedenkliche Lücken gerissen. Wer will schon auf 20 Uhr 15 warten, wenn er Serien überall und irgendwann im Binge-Watching-Modus inhalieren kann?

Es zeigt sich, dass das traditionelle, das lineare Fernsehen gegen die neue Konkurrenz nicht wehrlos sein muss – wenn es agiert und reagiert. Reagieren heißt dann anzuerkennen, dass gegen serielles Erzählen im großgezogenen Spannungsbogen wenig Fiktions-Kraut gewachsen ist. Nur deren (deutsches) Konzentrat, der 90-Minuten-Montagskrimi im Zweiten, der „Tatort“ im Ersten, nur derartige Formate sind so eigen und so unique, dass sich Zuschauer über die Generationen und zur festen Anfangszeit zusammenfinden.

Fernsehen ist Echtzeit

Agieren heißt anzuerkennen, dass im klassischen Broadcast Alternativen geboten werden müssen. Was „The Masked Singer“ im Privatfernsehen ist, ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Quizshow. Hier wie dort Seiten Ratespaß, Eigenbeteiligung des Publikums bis hin zur ausgeprägten Empathie mit den Kandidaten (auch bei „Bares für Rares“!), dieser Hast-Du-das-gesehen?-Effekt während der Sendung und über Social Media.

„The Masked Singer“ hat dabei eine bemerkenswerte Effektsteigerung geliefert – die Show kam live daher. Da ist jede Leak-Gefahr gebannt, statt des Best-of-Schnipsels wird Fernsehen in Echtzeit geboten, unfertig, überraschend, im menschlichen Maß und nicht fernsehkünstlich im Konfektions-Modus. Ist eben wie beim Fußball, wo keiner weiß und jeder wissen will, wie das Spiel ausgeht.

Was Streaming (noch) nicht kann, Fernsehen aber schon: live. Heute überträgt 3sat den Metal-Wahnsinn Wacken, der MDR ein Roland-Kaiser-Konzert. Das ZDF sollte sein Nein zu einem Comeback von „Wetten, dass..?“ überdenken.