Interview mit Linda Zervakis : „Wen meinen die? Ach so, das bin ja ich!“

Linda Zervakis über „Gute Deutsche“, Heimatgefühle, spitze Fingerzeige und Lieblingspodcasts.

Anfangs irritiert. Linda Zervakis.
Anfangs irritiert. Linda Zervakis.Foto: Daniel Roché

Linda Zervakis, 45, seit 2013 Sprecherin der „Tagesschau“. Am Montag startete auf Spotify ihr Podcast „Gute Deutsche“, indem sie mit prominenten Gästen wie Salwa Houmsi, Giovanni di Lorenzo oder Mark Forster über Herkunft und Heimat spricht. Zervakis wuchs als Tochter griechischer Gastarbeiter in Hamburg-Harburg auf. Sie ist die erste „Tagesschau“-Sprecherin mit Migrationshintergrund.

Frau Zervakis, kennen Sie „Maschallah“!?

Nein.

Das ist der Name des ersten speziell für Muslime produzierten Podcasts auf Deezer. Die Autorin Merve Kayikci sagte mir im Tagesspiegel, sie sei stolze Baden-Württembergerin und wolle mit Klischees brechen, indem sie Muslime aus dem Alltag erzählen lässt. Sie sind Hamburgerin mit griechischen Wurzeln. Was ist der Ansatz von „Gute Deutsche“?
Ich möchte damit die Schwere nehmen, die dieses Thema Migrationshintergrund mit sich bringt, die Stigmatisierung auflockern, die damit meistens zusammenhängt. Das heißt jetzt aber nicht, dass wir uns in jeder Folge kaputtlachen.

Haben Sie mit dieser Schwere schon mal persönlich zu tun gehabt?
Naja, ich bin als Kind griechischer Gastarbeiter in Hamburg-Harburg aufgewachsen.

Das ergibt wahrscheinlich ein anderes Stigma.
Genau. Das der Armut. Das Migrationsthema spielte bei mir später eine Rolle. Als ich 2013 zur „Tagesschau“ kam, titelten die Zeitungen: „Die erste ,Tagesschau‘-Sprecherin mit Migrationshintergrund.“ Das hat mich schon irritiert. Ich dachte zuerst: Wen meinen die? Ach so, das bin ja ich.

Man kann das lustig nehmen.
Vorher hatte ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Auf einmal hatte ich diesen Stempel. Das fand ich eher lästig. Daher jetzt auch mein Antrieb, die Themen Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion in einem Podcast entspannt unterzubringen. Das soll aber bloß nicht so bürokratisch werden. Vielleicht traue ich mich als Deutsch-Griechin auch einfach andere Fragen zu stellen .

Was sind in dem Zusammenhang die richtigen Fragen?
Jedenfalls nicht die, die eine meiner Podcast-Gäste , Salwa Houmsi, öfters zu hören kriegt. Sie hat einen syrischen Hintergrund, eine deutsche Mutter, ist in Deutschland geboren. Sie sagt, es geht ihr total auf die Nerven , wenn sie gefragt wird: „Wo kommst du denn her? Ich meine, wo kommst du richtig her?“

Nervt Sie so eine Frage auch?
Nicht wirklich.

Was sind denn das: „Gute Deutsche“?
Der Podcast-Titel soll schon auch provozieren. Für mich sind das Menschen, die in diesem Land hier leben, die einen guten Charakter haben, weltoffen sind, sich an gewisse Spielregeln halten und die man gerne um sich hat.

Das könnte auch für Holländer oder Franzosen gelten.

Oder für gute Griechen, die auch gute Deutsche sind. Natürlich gibt es doofe Deutsche wie auch doofe Griechen oder doofe Italiener. Ich selber unterscheide gar nicht mehr nach Nationalität. Entweder mag ich die Art eines Menschen oder eben nicht. An welchen Gott der glaubt, ist mir egal.

Wenn Sie die Sache mit dem Migrationshintergrund zum expliziten Podcast-Thema machen – spielen Sie es nicht unnötig auf, wo wir alle zuerst auf den Menschen, das Menschliche gucken sollten? Etwas wird besonders, was 2020 vielleicht gar nicht mehr besonders sein sollte.
Das ist es aber leider doch. Schauen Sie in die USA. Was sich da gerade wieder an Rassismus abspielt. Und strukturellen Rassismus gibt es eben auch in Deutschland. Wir gehen im Podcast aber nicht mit spitzen Zeigefingern auf dieses Thema los. Wir fragen die Gäste, was sie an ihrer jeweiligen Herkunft, das kann auch das Land ihrer Eltern sein, besonders schätzen oder eben nicht. Dadurch bekommt der Zuhörer vielleicht mal einen anderen Blick auf das Land.

Wie sind Sie auf Ihre Gäste gekommen?
Ich habe geschaut, wer mich interessiert. Zum Beispiel Jorge González. Ich war komplett überrascht, als ich erfuhr, dass er als 17-jähriger Kubaner aufgrund seiner Homosexualität in die Slowakei geflohen ist. Eine tragische Geschichte. Solche Brüche finde ich spannend. Oder Giovanni Di Lorenzo, der mir von Schulsprüchen aus den 1960ern erzählte: „Di Lorenzo? Diesen Itaker sollte man aufhängen!“ Da waren Alt-Nazis an der Schule.

Unglaublich.
Da haben wir ja Gott sei Dank Fortschritte gemacht. Diese Gastarbeiterszene aus den 60ern und 70ern ist mittlerweile etabliert. Jetzt haben wir mehr das Problem mit dem religiösen Hintergrund. Frauen, die ein Kopftuch tragen, zum Beispiel, müssen mehr ertragen. Oder auch erklären. Und Menschen mit dunklerer Haut haben es auch nicht leicht.

Was hat sie in den Gesprächen für diesen Podcast am meisten überrascht? Gab es so etwas wie eine Gemeinsamkeit?
Eine Parallele ist tatsächlich, dass sich viele meiner Gäste sehr angestrengt haben in ihrem Leben . Weil die Eltern das wollten: „Du sollst hier nicht auffallen, streng‘ dich an, dass du mithalten kannst.“ Jorge Gonzáles beispielsweise hat sich als Eliteschüler immer besonders hervorgetan, damit er von seiner Homosexualität ablenken konnte.

Kamen da bei Ihnen Erinnerungen hoch?
Wie gesagt, in meiner Jugend gab es keine Ausgrenzung wegen meiner Herkunft. Ich war Arbeiterkind. Das war meine Ausgrenzung. Wir konnten uns gewisse Dinge einfach nicht leisten.

Oft ist es ja so, dass man mit solchen Geschichten nicht die richtigen Leute erreicht. Wer soll Ihren Podcast hören?
Schon auch die Deutsch-Deutschen. Für so einen Aha-Moment: „Okay, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“ Die hatte ich ja bei den Gesprächen auch. Ich habe Megaloh gefragt: Sage ich „Schwarzer“, „Farbiger“, „Dunkelhäutiger“?

Und?
Er sagt ganz klar: „Schwarzer“ oder „dunkelhäutig“.

Zum Schluss, wie muss man sich Linda Zervakis in Hamburg vorstellen, wenn Sie mal nicht „Tagesschau“ spricht: mit Kopfhörern um die Alster? Welche Podcasts hören Sie sonst, bei welcher Gelegenheit?
„Fest und Flauschig“, mit Jan Böhmermann und Olli Schulz, den Podcast mit Christian Drosten und „Deutschland3000“ höre ich auch sehr gerne. Und das meistens im Auto oder auf dem Fahrrad. Hoffentlich liest das jetzt kein Polizist.

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