Jack Nicholson im TV-Porträt : Einer flog über Hollywood

Eine neue Dokumentation über Jack Nicholson versucht den Blick hinter die Maske der Schauspiel-Ikone. Sie erinnert an schmerzliche Punkte im Leben des Schauspielers.

Entscheidende 15 Minuten: Mit dem Film „Easy Rider“ änderte sich für Jack Nicholson (hinter Peter Fonda) alles. Foto: Columbia
Entscheidende 15 Minuten: Mit dem Film „Easy Rider“ änderte sich für Jack Nicholson (hinter Peter Fonda) alles. Foto: ColumbiaFoto: Columbia Pictures

Der Schriftsteller Jack Torrance ist mit Frau und Sohn in die verschneiten Berge gefahren, wo sie allein in einem völlig abgelegenen Hotel wohnen, eingeschneit und abgeschnitten von der restlichen Welt. Ganz allmählich verfällt Jack dem Wahnsinn. Bis er schließlich mit der Axt auf seine Frau losgeht. Ein ikonisch gewordenes Kinobild. Dieser Jack Torrance wird in Stanley Kubricks meisterlichem „The Shining“ (1980) von Jack Nicholson verkörpert, zum Zeitpunkt der sich über anderthalb Jahre hinziehenden Dreharbeiten 43 und auf dem Zenit seines Könnens angelangt.

In jeder seiner Rollen, so sagte es der große Schauspieler in einer der historischen Aufnahmen, die in der neuen Dokumentation „Jack Nicholson. Einer flog über Hollywood“ zu sehen oder aber aus dem Off zu hören sind, stecken mindestens 75 Prozent von ihm selbst. „Das Schöne an der Schauspielerei ist, dass man Dinge gründlich erforschen kann. Man stößt auf Gemeinsamkeiten mit der Figur, man gräbt danach, und dann haut man es raus.“

Und vor allem geht es auch der französischen Filmautorin Emmanuelle Nobécourt darum, herauszuarbeiten, wer sich wirklich hinter der ewig grinsenden sonnenbebrillten Maske befindet. Zumindest in Ansätzen mag dieser Versuch glücken, denn mittels einiger Zeitzeugen – darunter etwa Roger Corman, legendäre Regie-Legende des sogenannten B-Movie-Genres, Schauspielkollege Christopher Lloyd aus „Einer flog über das Kuckucksnest“, Nicholsons Jugendfreund Jonathan Epaminondas oder auch US-Biograf Patrick McGilligan – gelingt es, zumindest einen Bruchteil des wahren Nicholson zum Vorschein zu bringen.

Nicholsons Geschichte, die wahrlich keine einfache ist, beginnt an der Ostküste der USA. Mit 18 setzt er sich in den Wagen, um der drückend spießigen Welt, der er entstammt, zu entfliehen, und fährt von New Jersey quer durch das weite Land bis nach Hollywood. Dort wird er bei der Metro-Goldwyn-Mayer in der Animationsabteilung als Laufbursche angestellt. So bekam er en passant zugleich mit, wie Filme entstanden.

"Easy Rider" sollte alles ändern

Seinen ersten Film – „The Cry Baby Killer“ – dreht er 1958, mit 21 Jahren. Roger Corman ist es, der den jungen Nicholson in einer Handvoll seiner B-Movies besetzt, darunter auch in der Poe-Verfilmung „Der Rabe“. Doch keiner dieser Filme vermag Nicholson den Durchbruch zu bringen. Fast schon resigniert er, will er aufhören mit der Schauspielerei. Da bekommt er einen 15-Minuten-Part in einem Film namens „Easy Rider“. Gewissermaßen über Nacht soll sich mit dem Kinostart 1969 alles ändern: Neben Dennis Hopper und Peter Fonda ist Nicholson plötzlich der Star. Die 70er Jahre, sie werden Jacks Jahrzehnt.

1974 dreht Nicholson „Chinatown“ unter der Regie von Roman Polanski. Kurz nach dem Kinostart des Films deckt ein Journalist eines der dunkelsten, schmerzlichsten Kapitel in Nicholsons Vergangenheit auf: Seine ältere Schwester June ist in Wahrheit seine eigene Mutter. Seit er darum weiß, scheint er am Set der nun folgenden Filme seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Manchmal ist er schier außer sich. Er wird unberechenbar. Normen gelten für ihn nicht mehr. Sonnenbrille und Dauergrinsen schützen ihn.

Seit 2010 dreht Jack Nicholson nicht mehr. „Woher weißt du, dass es Liebe ist“ bildet, zumindest bislang, den Schlussstein einer Karriere, die 50 Jahre währte, 60 Filme hervorbrachte und von drei Oscars und unangefochtenen zwölf Oscar-Nominierungen gekrönt ist. Sehr zurückgezogen lebt er in seiner Villa am Mulholland Drive. Einsam, heißt es in dieser soliden Dokumentation mehrfach, einsam sei Nicholson schon immer gewesen. The big Jack – er ist längst zu seinem eigenen Mythos geworden. Thilo Wydra

„Jack Nicholson. Einer flog über Hollywood“, Arte, Sonntag, 22 Uhr 10