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Magazin : Rambo mit Fliegenkultur

Bei aller Unabhängigkeit muss auch Gehrs darauf achten, dass sich das sechs Euro teure „Dummy“ verkauft: 45 000 Exemplare sollen es pro Ausgabe sein. Die Hälfte davon werden im Einzelverkauf abgesetzt, dazu kommen 8000 Abonnenten sowie Firmen und Ketten, die das Heft zu Sonderkonditionen erwerben. „Eine schwarze Null“ schreibe „Dummy“, so Gehrs: „Wenn man verlegerisch glücklich werden und sich nicht die Inhalte von der Werbewirtschaft diktieren lassen will, benötigt man ein Finanzierungsmodell, das nicht allein auf Werbung setzt, sondern auf einen Mix aus Anzeigen, Vertriebserlösen und anderen Produkten.“ Mit Letzteren meint er den „Fluter“, das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, das seit 2008 im Dummy Verlag redaktionell betreut wird. Und eine vom Bundesamt für Strahlenschutz herausgegebene und eine zeitlang bei Dummy mitproduzierte Informationszeitschrift zum Endlager Asse. Man könnte von „Querfinanzierung“ sprechen – oder von einem beruhigenden Polster im Rücken, das Planung und Gestaltung erleichtert.

Doch über ökonomische Widrigkeiten und Zahlen redet Gehrs nicht so gern. Da ist er ganz der Verleger, der nur nach vorn denkt. Der lieber über Texte redet, die andere aus unterschiedlichsten Gründen nicht drucken wollten, über tolle Fotostrecken, die bei anderen Magazinen viel zu lange herumlagen. Und der vor allem sein Heft und dessen zuweilen politischen Zugriff begeistert als die ultimative Alternative zum Zeitschriftenmainstream zu beschreiben weiß.

Gehrs gefällt sich in der Pose des Außenseiters, des Medienrebells, er eckt gern an. Und: Er macht auch als Model eine prima Figur, wie man im „Dummy-Buch“ unter der Überschrift. „Wie eitel ist das denn: Der Chefredakteur als multiple Persönlichkeit“ sehen kann. Hier die gute alte Kreuzberger Sozialisation, dort Mitte-Approach. Ein bisschen Narziss, aber natürlich gebrochen, ein bisschen Rambo, schon nicht mehr ganz so gebrochen, viel leidenschaftlicher Zeitschriftenmacher, dessen Vorbilder Sechziger-Jahre-Zeitschriften wie „twen“ und „Jasmin“ sind, deren „Inbrunst beim Blattmachen“.

Also ist klar, dass man sich mit ihm schließlich noch die Fahnen für das „Dummy“-Heft mit dem Thema Scheiße anschauen muss. Und das merkwürdige, an eine riesige Petrischale mit Haube erinnernde Gebilde auf einem der Büroschreibtische: eine Fliegenkultur, nur ohne Fliegen. „Wir züchten die hier, die sind für das Titelbild des neuen Heftes“, so Gehrs. Wie man sehen kann, sind die Fliegen nicht rechtzeitig geschlüpft. Aber auch das zeichnet ein „unabhängiges Gesellschaftsmagazin“ aus: Dass nicht alles auf Anhieb klappt.

Das große Dummy-Buch. Hrsg. von Oliver Gehrs und Natascha Roshani, Verlag Kein & Aber, Zürich, 2011. 492 S, 34,90 €.