"Schatz, nimm du sie" im ZDF : Das Modell Kinderkippe

In „Schatz, nimm du sie!“ mit Carolin Kebekus und Maxim Mehmet erhält der Streit ums Sorgerecht eine neue Bedeutung.

Nikolaus von Festenberg
Verkehrte Welt: Durch List und Tücke die Kinder dem Ex-Partner aufhalsen, das wollen Toni (Carolin Kebekus) und Marc (Maxim Mehmet).
Verkehrte Welt: Durch List und Tücke die Kinder dem Ex-Partner aufhalsen, das wollen Toni (Carolin Kebekus) und Marc (Maxim...Foto: ZDF/Tom Trambow

Jahrtausendwechsel, 1999 feiert der Wahnsinn Silvester. Ingenieur-Studentin Toni (Carolin Kebekus) sucht ihren Freund, den Medizinstudenten Marc (Maxim Mehmet), an dessen Arbeitsplatz in einer Berliner Klinik heim. Sie ist auf Krawall gebürstet. Dass der angehende Frauenarzt sich in Weiberleibern zu schaffen machen wird, regt sie ebenso auf wie die Perspektive, ihre Liebe könne in Routine ersticken. Das Paar beginnt eine gegenseitige Verfolgungsjagd durch das feiernde Unigebäude. Aber als das neue Millennium heraufgezählt wird, sinken die beiden plötzlich in Liebe zu Boden. Ja, sie brauchen den Zoff als Zündstoff für ihre Erotik.

Schwarzblende. Ein Insert sagt „Heute“. Denn „Heute“ ist ein paar Jahre weiter, aber nicht reifer, wie sich zeigen wird. Aus Toni und Marc wurde zwar das Ehepaar König, sie Bau-Ingenieurin, er Gynäkologe. Ihre Kinder heißen Tobias (Arsseni Bultmann) und Emma (Arina Prokofyeva), aber eine richtige Familie ist nicht entstanden. Statt Eltern und Kinder in einem Boot, kämpft vor allem Toni gegen einen Feind, der – wie wir wissen – unbesiegbar ist: die Entstehung von Verpflichtungen und emotionalen Bindungen durch die Macht der Gewohnheit.

In dem Punkt ist die Frau kompromisslos. Als wäre die Welt so luftig und berechenbar wie die Windanlagen, die sie als Ingenieurin baut, entwirft Toni ein Eheleben, das nur auf und aus Papier besteht. „Trennen, solange wir uns lieben“, plappert eine der Toni-Windmühlen-Ideen. „Erwachsen wollen wir nie sein“, eine andere. Die schwärzeste Pointe in Tonis Konstruktion: Kinder sind im Falle einer Scheidung der Eltern Spielmasse. Mutter und Vater dürfen sie loswerden, auch mit Tricks und Täuschung arbeiten. Aus der Kinderkrippe wird die Möglichkeit der Kinderkippe. Was zählen Realitäten, wenn nur neues Komödienkapital entsteht. Wie unterhaltsam für den Zuschauer, mal dabei zuzusehen, wie scheidungswillige Eltern nicht tränenerzeugend um die Gunst der kleinen Terroristen ringen, sondern sich durch List und Tücke von ihnen befreien.

"Wer verliert, gewinnt", hieß es in Frankreich

2015 drehte Martin Bourboulon den erfolgreichen französischen Film „Mama gegen Papa – Wer hier verliert, gewinnt“ mit diesem Thema. Der deutsche Produzent Marc Conrad sicherte sich die Rechte an dem Stoff. Nach dem Buch von Jens-Frederik Otto und Claudius Pläging und unter der Regie von Sven Unterwaldt (mit Otto Waalkes „7 Zwerge allein im Wald“) entstand die deutsche Version. Die sei, wie es in einer Kritik hieß, weniger beißend als das französische Original, das das Tabu bedingungsloser Elternliebe in boshaftem Furor und mit hervorbrechendem Sadismus hinter bürgerlicher Zivilisiertheit angreife.

Es stimmt (und es beruhigt), dass das deutsche Remake nicht in Misopädie schwelgt, sondern an der prinzipiellen Unschuld des Kindes mit allem seinem Wahnsinn festhält. Köstlich haben Emma, Tobias und sein idiotischer Hamster einen Wall gegen den Wahnsinn ihrer wirren Eltern aufgebaut. Sie setzen der daueraufgeregten asozialen Egozentrik ihrer Erzeuger die stoische Egozentrik der Computerkids entgegen. Sie beherrschen perfekt das Wechselspiel zwischen Gleichgültigkeit und Wutausbrüchen, spiegeln den Eltern deren vermeintliche Peinlichkeit zurück. Ja, sie sind nervig, denn sie sind echt. Also unabschiebbar.

Der vom Wind der Veränderung getriebenen Toni sehen wir zu, wie ihr Wahn verweht. Das Gebläse der Eifersucht, angetrieben durch die Affäre ihres Mannes mit einer notgeilen Krankenschwester (Patricia Meeden), pustet ihren Idealismus um. Gegen den Sturm, der sich im feurigen Finale aus der Sorge um die Kinder erhebt, sind alle Luftbewegungen aus dem Gebläse postmoderner Ventilatoren Lüftchen.

Die Inszenierung gibt viel auf Klamauk, weil sie wohl auch nicht glaubt, dass ernstzunehmende Menschen ihre Kinder für irgendwelche Karrieren aus prinzipieller Überzeugung trickreich weggeben. Mit der Kabarettistin Kebekus und dem treuherzigen Mehmet in den Hauptrollen sind Darsteller engagiert, die sich nicht wirklich entmuttern oder entvatern lassen.

Der Platz der modernen Eltern ist nun mal der Hubschrauber. Viel Geknatter, aber Luft zwischen Erziehern und kaum Erziehbaren. Keine zudringlichen Berührungen wie in den Zeiten der schwarzen Pädagogik. Stattdessen Abstand, kein Eigentum am Nachwuchs, nur Hoffnung.

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„Schatz, nimm du sie!“, ZDF, Montag, 22 Uhr 15

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