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Übertragungsstandard DAB+ beim Radio : Der Knoten ist geplatzt

Als Privatfunker würde er jetzt auf DAB+ setzen, sagt Deutschlandradio-Chef Stefan Raue. Die jetzt auf der IFA präsentierten Zahlen geben ihm recht.

Unter mehr als 600 DAB+-Radios kann mittlerweile gewählt werden. Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue probiert auf der IFA eines davon aus.
Unter mehr als 600 DAB+-Radios kann mittlerweile gewählt werden. Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue probiert auf der IFA eines...Foto: Kurt Sagatz

Herr Raue, am Montag findet auf der IFA der Digitalradiotag statt, es werden die neusten Zahlen zu DAB+ präsentiert. In welche Richtung geht die Entwicklung?
Der Trend ist überraschend gut. Alle in diesem Jahr veröffentlichten Zahlen deuten darauf hin, dass es eine deutliche Steigerung bei der Anzahl der Haushalte mit DAB+ gibt. Ein wesentlicher Treiber dürfte die mobile Nutzung im Auto sein. Hier wirkt sich offenbar bereits die europäische Richtlinie aus, nach der von 2021 an jedes Auto über einen digitalen Radiozugang verfügen muss. Aber die positive Entwicklung hat vor allem damit zu tun, dass DAB+ beim Autofahren am meisten überzeugt.

Wie viele Hörer nutzen die drei Deutschlandradio-Programme über DAB+?
Seriöserweise sollte man da keine Zahl nennen. Die meisten Menschen wissen nicht immer so genau, über welchen Weg sie gerade Radio hören.

Laut Radio-MA-Befragung kommt DAB+ auf 3,8 Millionen und UKW auf 54 Millionen Hörer. Stimmen die Zahlen?
Ich bin kein Meinungsforscher, aber ich weiß, dass es immer auf die Fragestellung ankommt. Und bei der Radio MA lautet die zentrale Frage, welches Programm man hört, erst danach kommt die Frage nach der Empfangsart. Die Medienanstalten, die ihre Zahlen am Montag vorstellen, haben hingegen in ihrer Untersuchung präzise nach DAB+ Radios in Haushalten gefragt.

Und in welche Richtung gehen die Zahlen?
Wir sind optimistisch. Wir hoffen, dass der Knoten beim Digitalradio geplatzt ist. (siehe Zahlen am Ende des Beitrages)

Mindestens drei Meinungen zu DAB+

Wie zeigt sich das?
Es gibt eine Dynamik, die in den vergangenen Jahren nicht zu verzeichnen war. Es gibt bei der Bewertung von DAB+ drei Lager: die einen halten diese Technik für totale Geldverschwendung, die anderen sehen darin die Lösung aller Probleme. Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die Skeptiker, die das Thema nicht ohne Sympathie verfolgen, aber an das große Wachstum nicht geglaubt haben. Bislang meinte diese Gruppe, dass die Marktsättigung nahezu erreicht wurde. Jetzt aber zeigen die Zahlen, dass diese rote Linie durchbrochen wurde.

Bislang war vor allem Bayern das DAB+-Musterland mit 30 Prozent Haushaltsanteil und dem Ziel für 2020, das jedes UKW-Radio auch via Digitalradio zu empfangen ist. Gibt es diese bayerischen Verhältnisse bald bundesweit?
Der Trend ist deutlich. Bei Neuwagen ist die Verbreitung bereits signifikant. Das ist nicht mehr Luxus nebenher. DAB+ ist im Auto in der Mittelklasse angekommen. Im Fahrzeug wird Radio auch mittelfristig eine Zukunft haben, durch Verkehrsnachrichten, Wetter und aktuelle politische Informationen. Und auch die Unterhaltungselektronik treibt die Entwicklung.

Derzeit werden 260 Radioprogramme über DAB+ ausgestrahlt. Hält die Auswahl an Geräten da Schritt?
Es gibt übrigens 65 Programme nur auf DAB+, die Sie nicht auf UKW finden, dazu gehört auch Deutschlandfunk Nova. Und zu den Geräten: Die Hörer haben die Auswahl unter 600 verschiedenen DAB+-Radios.

Niedersachsen gegen DAB+

Wie passt das alles zu der Entscheidung des niedersächsischen Parlaments, das im Juni einstimmig gegen jede weitere Förderung von DAB+ durch Gelder aus dem Rundfunkbeitrag gestimmt hat?
In Niedersachsen gibt es starke private Programmanbieter, die zu den Vorreitern des Privatradios in Deutschland insgesamt gehören. Das sind Vollprofis, die auch mit Blick auf die Werbeerlöse mit UKW einen klar umrissenen Markt haben. Aus deren Sicht könnte DAB+ diese saturierten und stabilen Märkte ins Wanken bringen. Und diese Anbieter haben die Fraktionen des Landtags überzeugen können. Aber das ist nicht das Ende von DAB+ in Niedersachsen.

Im gleichen Atemzug wird häufig kritisiert, dass die Fördergelder im dreistelligen Millionenbereich bislang nur den öffentlich-rechtlichen Sendern zugutekommen.
Ich kann da nur für das Deutschlandradio reden. Unser Auftrag als nationaler Hörfunk ist es, in den Bereichen Kultur und Information Radio für alle Beitragszahler anzubieten. Deutschlandfunk Kultur erreicht über UKW aber nur 64 Prozent der Haushalte, der Deutschlandfunk kommt bundesweit auf 83 Prozent. Aus diesem Grund handelt es sich nicht um eine unanständige Förderung von Sonderinteressen, sondern dient der Erfüllung unseres Senderauftrags.

Sollten die privaten Rundfunkmacher darum nicht ebenso gefördert werden?
Bayern hat vorgemacht, wie den Privaten ebenso wie den Öffentlich-Rechtlichen geholfen werden kann, in diese Investition einzusteigen. Das wird vom Publikum und den Privatfunkern angenommen. Ums es ganz klar zu sagen: DAB+ kann nur zum Erfolg werden, wenn die Privaten mitmachen.

Ist das ein Appell an die anderen Länder und Landesmedienanstalten?
Ich würde das sehr begrüßen, und es gibt aus einer Reihe von Ländern entsprechende Signale, dass die Förderung der Privaten zu einem Ziel gemacht wird. Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, auch Berlin und Brandenburg sind jetzt sehr stark in die Offensive gegangen.

Klassikradio als Erfolgsgeschichte

Die bayerische Landesmedienanstalt sieht bei DAB+ den Point of no Return bereits erreicht. Wann kann es sich kein Privatsender mehr erlauben, auf die Reichweite des Digitalradios zu verzichten?
Wenn ich Privatfunker wäre, würde ich jetzt nicht mehr abwarten. Sehen Sie allein das Klassikradio oder Radio Bob, das sind Erfolgsgeschichten, bei denen über DAB+ ein neues Publikum generiert wurde. Wir sind in einer Zeit, in der Radio und Audio eine Renaissance haben. Als Chef eines privaten Radios würde ich mir diese Zukunft nicht versperren.

Wie sinnvoll ist das Nebeneinander von UKW, DAB+ und 5G?
Das Nebeneinander von DAB+ und UKW ist derzeit sinnvoll, weil es die besonderen Interessen der Privatfunker berücksichtigt. Auf die Dauer kann es nur zwei Wege geben. Für mich sind das DAB+ und Internetradio.

Wann wird es soweit sein?
Bei einem Marktanteil von über 50 Prozent für DAB+. Dann kann man ernsthaft in ein Ausstiegsszenario für UKW gehen. Im vergangenen Jahr waren es bundesweit 17 Prozent, aber diese Zahl wollen wir jetzt deutlich übertreffen.

Das Radio wird digitaler

Ein Viertel der Menschen in Deutschland ab 14 Jahren kann inzwischen digital Radio hören. Die Gesamtzahl der Menschen mit Zugang zu einem DAB+-Radio ist 2018 um 4,1 Millionen auf fast 17 Millionen gestiegen. Das ergibt der Digitalisierungsbericht der Medienanstalten, der am Montag in Berlin auf der IFA vorgestellt wurde.
In 22,7 Prozent der Deutschen Haushalte steht inzwischen ein DAB+-Radio, ein Plus von zwei Millionen Haushalten gegenüber dem Vorjahr. Während seit Jahre immer weniger UKW-Radios verkauft werden, nehmen die Verkäufe für DAB+ Empfänger signifikant zu: Die Gesamtzahl der DAB+ Geräte stieg 2018 um 2,8 Millionen auf jetzt 14,6 Millionen. Besonders deutlich fällt der Trend bei Autoradios aus. Fast die Hälfte aller Neuwagen rollt inzwischen mit DAB+ Radio vom Band, Tendenz steigend.
Noch muss bei Neuwagen für DAB+ zumeist noch ein Aufpreis gezahlt werden. Dies soll sich 2021 mit der EU-Digitalradio-Pflicht ändern.