Was passierte im Flüchtlingssommer 2015? : Hinter den Vorhängen

Die ARD zeigt den packenden Fernsehfilm über den Flüchtlingssommer 2015 – samt Wohnung und Eheleben der Kanzlerin.

Interessante Inversion. Imogen Kogge hebt Kanzlerin Angela Merkel durch ihre Kunst vordergründig auf ein ganz anderes energetisch-rhetorisches Level.
Interessante Inversion. Imogen Kogge hebt Kanzlerin Angela Merkel durch ihre Kunst vordergründig auf ein ganz anderes...Foto: rbb/carte blanche/Volker Roloff

Wer sein Leben nur für sich behalten will, dem wird es erst recht gestohlen. Ausgerechnet Angela Merkel, die Spezialauster des verschlossenen Privatlebens, wird nun ins Mythische gezerrt und verzerrt. „Die Getriebenen“ heißt der Film von Stephan Wagner (Regie und Schnitt), der sich auf Robin Alexanders gleichnamigen Bestseller stützt und alle zu Getriebenen macht: Die Figuren dieses Films, seine Dramaturgie, die Zuschauer.

Der Film will, wie das Buch, erklären und zeigen, wie es zu Merkels Kurs in jenen nun schon legendären Sommertagen des Jahres 2015 kam, als sich die Flüchtlinge vom Budapester Bahnhof Keleti aufmachten, um das Gelobte Land Deutschland zu erreichen.

Das Buch war auch deshalb ein großer Erfolg, weil es mit narrativer Allgewalt auftrat. Wer es las, wusste Bescheid. Wer es las, hatte das Gefühl, hinter alle Vorhänge geblickt zu haben. Und zugleich nährte es tief sitzende Ressentiments: Der Politiker ist ein bild- und schlagzeilengetriebener Opportunist.

Segelt immer hart am Zeitgeist. Operiert ohne Rückgrat. Schielt nur auf die Demoskopie. Merkels Flüchtlingspolitik? Erratisch! Ängstlich! Humanitätsbesoffen!

Schon das Umschlagbild meinte, alles erzählt zu haben: Politiker sind so sehr mit der wechselseitigen Beobachtung und Bekämpfung befasst, dass Politik nur Ego-Ethik ist und weder Gesinnung, noch Verantwortung kennt.

Über allem schwebte die Metagewalt des journalistischen Erzählers Alexander, der mit seinem Insiderwissen mehr Macht als alle Beteiligten zu haben schien. Diese erzählerische Omnipotenz wird nun durch den Film (Buch: Florian Oeller) noch überboten, denn mit den Mitteln der Fiktion wird auch die Privatwohnung und das Eheleben der Kanzlerin erkundet.

Dorthin, wo das Sachbuch nicht schielte, marschiert nun der Film mit der Sehnsucht eines Liebenden. Es kommt zu einer interessanten Inversion: Das Sachbuch blamierte Merkel, der Film nobilitiert sie.

Imogen Kogge hebt die Kanzlerin durch ihre Kunst vordergründig auf ein ganz anderes energetisch-rhetorisches Level. Sie macht aus dieser öffentlich so sachlich-spröden, bisweilen spöttischen Politikerin eine emotionale Melancholikerin der Macht, die Einzige in diesem Ozean von Karrieristen, die so etwas wie einen verantwortungsethischen Kompass zu haben scheint. Ob Merkel, wäre sie so den eigenen Gefühlen ausgeliefert, jemals Kanzlerin geworden wäre? Liebt der Film seine Heldin wider Willen?

Und will der Film den unerkannten Unbekannten Joachim Sauer (Uwe Preuss) als Kanzlerinnengatten aus der selbsterwählten Diskretionszone erlösen, indem er ihn zum Vernünftigsten inmitten der Vernunftarmen adelt? Sauer fungiert hier als Repräsentant des aufgeklärten Bürgers, der zwar mit seiner Frau durch dick und dünn geht, aber eben auch auf dem Sofa ihr schärfster Kritiker ist.

Zwar versucht der Film sehr formbewusst, nicht dem Mythos Merkel anheimzufallen, aber gerade dadurch wird die Kanzlerin zum potenten Gravitationszentrum des Films, obwohl der ästhetisch alles unternimmt, um ihre Ohnmacht zu zeigen.

Nur Horst Seehofer gewinnt durch Josef Bierbichlers wuchtiges Tragiker-Gen

Dass Politik stets ein Simultanabenteuer ist, ein polyperspektivisches Schaulaufen, macht der Film durch harte Schnitte, den permanenten Einsatz eines geteilten Bildes (Splitscreen), und eine sehr dynamische Kamera (Thomas Benesch) deutlich.

Auch das Musikdesign nährt den Eindruck: Politik ist stets Intensivstation und künstliche Beatmung. Der Film will mit aller Gewalt authentisch sein, „faktenbasiert“, sich aber auch fiktionale Freiräume schaffen. Dabei verfällt er aber einem falschen Authentizitätsbegriff.

Der Film montiert auf technisch virtuose Weise dokumentarische Aufnahmen mit Spielszenen, mediale Dokumente mit Fiktion und verdoppelt dabei den Schein. Er selbst glaubt sich alles, weil doch alles verbürgt zu sein scheint.

Der Film hetzt durch seine Geschichte und hetzt damit die Randfiguren des Spiels zu Tode. Sigmar Gabriel, Markus Söder, Werner Faymann, Peter Altmaier oder Thomas de Maizière, sie alle bleiben Chargen. Am schlimmsten erwischt es die ungarischen Repräsentanten wie Viktor Orbán, die zu sinistren Superschurken verzwergt werden, da tönt der Film punktuell nationalistisch.

Nur Horst Seehofer gewinnt durch Josef Bierbichlers wuchtiges Tragiker-Gen, durch Bierbichlers Kunst, den stürzenden Patriarchen zur Menschen-Chiffre zu veredeln. Nur da, wo ein Mensch stürzt, ist er ganz Mensch.

Der Film verlangt dem Zuschauer viel ab, gut so. Er ist komplex, hektisch, unbequem und sperrig. Es wird bisweilen ungarisch, arabisch und englisch gesprochen. Wie viele Zuschauer einschalten, abschalten? Egal! Zumindest ist das ein Fernsehfilm, über den man streiten, diskutieren kann. Ein konsequenter, komplexer Versuch! Eine Anstrengung, die aus dem spiegelglatten Programm herausreicht.

Mut braucht es für so einen Film nicht, wie das Presseheft selbstbegeisterungsbesoffen faselt. Eher Rückgrat und Bereitschaft, Routinepfade zu verlassen. Ambitionierte Filme wie die von Heinrich Breloer „Herbert Wehner – Die unerzählte Geschichte“ (1993) oder von Oliver Storz „Im Schatten der Macht“ (2003) sind selten geworden.

Stephan Wagners ungemein verdienstvoller und sehenswerter Film („Die Getriebenen“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15) deckt die Leerstellen des seichten Unterhaltungsprogramms von ARD und ZDF auf und wird zugleich von dessen Deformationen beschädigt. Wie ein Blitz erhellt dieser „Politthriller“ die jahrzehntelange Entpolitisierung der öffentlich-rechtlichen Programme und fordert zugleich Filme ein, die ihm nachfolgen. Das Virus, so scheint es, schreibt schon den nächsten Thriller, und Markus Söder agiert in ihm wie ein Spielfilmmensch.

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