Zu meinem ÄRGER : Auf die Pressefreiheit achten

Beängstigendes aus Österreich: Die Medienwoche im Blick von Martina Zöllner, Leiterin Programmbereich „Doku und Fiktion“ im RBB.

Martina Zöllner
Martina ZöllnerFoto: RBB

Frau Zöllner, was hat Sie in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?

Die Debatte um das Böhmermann-Interview in Österreich und die nachträgliche öffentliche Entschuldigung des ORF zu dessen Äußerungen. Wie Teile der dortigen Regierung versuchen die Pressefreiheit zu unterminieren, finde ich beängstigend. Genauso wie die zunehmenden Angriffe auf Journalisten in Deutschland. Wir brauchen die Presse als starke unabhängige demokratische Kraft und Vielstimmigkeit auf allen Kanälen.

Worüber haben Sie sich in den Medien am meisten gefreut?
Über die sorgsam kuratierte Reihe „40 Jahre Deutsch-Deutsches Kino“ auf 3sat im Moment. Es ist wunderbar, Filme wie „Neun Leben hat die Katze“ oder die Defa-Verfilmung von Christa Wolfs Roman „Der geteilte Himmel“ mal wieder im Fernsehen zu sehen oder in der Mediathek abrufen zu können, oder „Angst essen Seele auf“. Leider muss man feststellen, dass der Film all die Jahre später noch nichts von seiner Brisanz verloren hat. Fassbinders Weitsicht ist beeindruckend und traurig zugleich.

Welche Website würden Sie empfehlen?
Was sich nach einer geschmacklosen Idee anhört, ist auf den zweiten Blick eine verblüffend naheliegende und wirkungsvolle: Die Instagram-Serie „evastories“ richtet sich gezielt an junge Menschen und vermittelt den Tagebuchtext der 13jährigen ungarischen Jüdin Eva Heyman, die Reporterin werden wollte und in Auschwitz ermordet wurde, in der Grammatik der sozialen Medien, als wäre die Protagonistin eine gleichaltrige Freundin ihrer Follower. Von denen gibt es inzwischen 1,7 Millionen. In Israel, wo die „evastories“ produziert wurden, ist die Serie in aller Munde. Nur 47 Prozent der 14-16-Jährigen, so eine Studie aus dem Jahr 2017, wissen, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war. Die Medien der Jungen und ihre Erzählformen zu nutzen, um ihnen nahezubringen, was geschah, das ist in meinen Augen alternativlos. www.instagram.com/eva.stories

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Martina Zöllner. Leiterin Programmbereich „Doku und Fiktion“ im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).

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