Mode für Menschen mit Handicap : Gute Mode ist für alle da

Aktiv und attraktiv angezogen am Leben teilnehmen: Im Schneideratelier Pais entsteht Kleidung für Menschen mit Behinderung. Ein Besuch in Mariendorf.

Felix Apel
Irina Pais (l.) und Sina Nikstat sind ein tolles Team. Beide arbeiten zusammen, damit die Kundinnen und Kunden nicht nur aktiv, sondern auch attraktiv angezogen am Leben teilnehmen können.
Irina Pais (l.) und Sina Nikstat sind ein tolles Team. Beide arbeiten zusammen, damit die Kundinnen und Kunden nicht nur aktiv,...Foto: Felix Apel

Auf den ersten Blick unterscheidet sich diese Schneiderei kaum von vielen anderen in Mariendorf im Süden von Berlin. Doch Irina Pais, Inhaberin der Schneiderei Pais, bietet neben den gängigen Dienstleistungen ein Angebot, das selbst im Berlin des Jahres 2019 noch viel zu selten ist: attraktive Mode für Menschen mit Behinderung.

Dank eines barrierefreien Zugangs zum Geschäft kommt Irina Pais mit vielen Menschen in Kontakt, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen. Viele Kunden erzählen ihr, welche Probleme und Schwierigkeiten sie haben, passende Mode zu finden, die nicht nur gut aussieht, sondern zudem ihr Handicap ansatzweise berücksichtigt. Daraus ist die Idee entstanden, diese Menschen zu unterstützen und diesen Service anzubieten.

An die persönlichen Bedürfnisse angepasst

Kunden können hier zum einen ihre woanders gekaufte Kleidung nach ihren Wünschen anpassen lassen. Zum anderen können sie sich aber auch ein maßgefertigtes Unikat schneidern lassen, das ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt. Mit diesem Service will Irina Pais ermöglichen, dass Menschen, die etwa im Rollstuhl sitzen, eine Prothese haben oder auf andere Weise eingeschränkt sind, aktiv – und vor allem attraktiv angezogen – am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Unterstützung bekommt sie von ihrer langjährigen Freundin und Kundin Sina Nikstat, die selbst ein Handicap hat und bisweilen auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Während Irina Pais das handwerkliche Know-how besitzt, bringt Sina Nikstat ihre Erfahrung und Perspektive mit ein. Sie erklärt beispielsweise, wie schwierig es ist, ein Abendkleid zu finden, das keinen Reißverschluss am Rücken besitzt. Ein Detail, das für Rollstuhlfahrerinnen unangenehm werden kann. „Im Handel wird auf unsere Bedürfnisse keine Rücksicht genommen“, erklärt sie, „dort gibt es keine Kleidung, die aus der Norm fällt, so wie ich.“

In der Schneiderei wird zwar nicht auf den klassischen Reißverschluss verzichtet ­– aber er wird an den richtigen Stellen eingesetzt. So zeigt Nikstat gern ihren neuen Mantel, der an beiden Seiten jeweils einen langen Schließmechanismus besitzt und ihr das An- und Ausziehen im Rollstuhl erheblich erleichtert.

Nicht nur attraktiv, sondern auch praktisch

Nicht nur diejenigen, die diese Kleidung tragen, profitieren von maßgeschneiderter Mode. Das An-, Um- und Ausziehen konventioneller Kleidung ist für Pflegekräfte sei es nun ein Familienmitglied oder der Pflegedienst – zumeist sehr umständlich und zeitintensiv. Ein Mantel, wie ihn Nikstat nun besitzt, spart hingegen Nerven, Energie und Zeit.

Nelli Stanko vom Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales begrüßt das Engagement der Schneiderei. „Diese Angebote für Menschen mit Behinderung sollte es überall geben“, sagt sie. Ein grundlegendes Problem ist aber die Finanzierung. Irina Pais bekräftigt, dass sie diese Mode vor allem für die Menschen anfertige und nicht für den Profit. Allerdings könne auch sie nicht umsonst arbeiten, müsse Personal- und Materialkosten im Auge behalten.

Die Mode muss erschwinglich sein

Nikstat ist ähnlicher Meinung: „Diese Art von Mode muss erschwinglich sein!“. Doch für Menschen mit Behinderung ist sie es oftmals nicht, denn viele von ihnen bekommen nur Grundsicherung, da sie nicht arbeiten können. Hier wäre es gut, wenn der Staat eine Möglichkeit schaffe, Menschen mit Handicap auch bei der Mode finanziell zu unterstützen, erklärt Pais. Die beiden Frauen stören sich vor allem daran, dass in der Öffentlichkeit nicht über dieses Thema gesprochen und diskutiert wird. „Wir sind Berlin! Dieser Service muss doch gerade in einer Hauptstadt selbstverständlich sein“, mein Nikstat.

Die Kooperation zwischen Pais und Nikstat besteht erst seit wenigen Wochen. Für die Zukunft haben sie viele Ideen. In den kommenden Monaten wollen sie ihre Zusammenarbeit noch besser gestalten und das Thema weiter in die Öffentlichkeit bringen. Etwa mit einer Modenschau – um allen zu zeigen: Jeder Mensch hat ein Recht auf gute, modische Kleidung.