Rudi Carrells Schlager-Hit : Jetzt wird’s wieder richtig Sommer

1975 hat sich Rudi Carrell mehr Hitze gewünscht. Heute ächzen wir unter den Temperaturen. Aber auch damals war schon an allem die SPD schuld. Eine Glosse

Nach 45 Jahren zeigt und Rudi Carrells Lied, wie anders damals alles war. Aber auch, was gleich geblieben ist.
Nach 45 Jahren zeigt und Rudi Carrells Lied, wie anders damals alles war. Aber auch, was gleich geblieben ist.Foto: Ulrich Perrey/dpa

Es gibt gewisse Musikstücke, die nur beim Joggen oder Hundeausführen hochkommen und einfach nicht mehr verschwinden wollen – die Älteren unter uns sprechen dann von einem Ohrwurm. Und diese Älteren, wetten, haben es gegenwärtig vor allem mit Rudi Carrells unschuldigem Hit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ zu tun.

Das war 1975. Der Sommer davor war in Mitteleuropa ein Desaster gewesen, ein grün angestrichener Winter wie damals üblich, die geballte wissenschaftliche Kompetenz warnte längst vor einer neuen Eiszeit inklusive Weltuntergang. Man mag Carrell und seine Texter Thomas Woitkewitsch also aus heutiger Sicht verzeihen, was wir damals nicht verzeihen konnten:

Dass er aus Steve Goodmans Country-Protestsong über den Untergang der US-Bahnen („City of New Orleans“) ein albernes Schlagerchen machte mit der Forderung nach Sonnenschein von Juni bis September, „und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr“.

Denn: Ein albernes Schlagerchen hätte diese knapp 45 Jahre nicht so schadlos und zäh haftend überwunden. Nur mal eine Textpassage, die die einst offenbar normalen Verhältnisse heraufbeschwörte: Und was wir da für Hitzewellen hatten/Pulloverfabrikanten gingen ein/da gab es bis zu 40 Grad im Schatten/wir mussten mit dem Wasser sparsam sein.

Gut, das war womöglich ein bisschen übertrieben, nostalgische Überhöhung einer auch aus anderen Gründen hitzigen Adoleszenz – aber das lässt sich angesichts der Debatten, Stand 2019, nicht mehr mit der gebotenen Naivität lesen, das Lied gehört eigentlich in den Giftschrank von „Fridays for Future“: Es ist geeignet, die Jugend zu desorientieren.

Andererseits: Wer weiterliest, findet im Liedtext irritierende, fast schon prophetische Zeilen, den Winter betreffend: Der Winter war der Reinfall des Jahrhunderts/nur über tausend Meter gab es Schnee/Mein Milchmann sagt: „Dies Klima hier, wen wundert’s? Denn schuld daran ist nur die SPD-he-he". Echt! Steht da. Nun war damals viel Getu um Willy Brandts neue Ostpolitik, die Sozis galten als vaterlandslose Gesellen und so einflussreich, dass ihnen sogar das schlechte Wetter angehängt wurde. So wichtig wären sie heute wohl gern.

Aber generell: Rudi Carrell hat da ein paar Punkte gemacht, die zum Nachdenken Anlass geben. Und er erweist sich auch am Ende noch als Klimaoptimist: Trotz allem glaub’ ich unbeirrt/dass unser Wetter besser wird. Das haben wir nun davon...

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