Drag Queen Candy Crash : Hemmungen ablegen und Spaß haben

Die Berliner Drag Queen Candy Crash ist derzeit bei der ProSieben-Castingshow "Queen of Drags" mit Heidi Klum zu sehen. Wie sie dazu kam. Ein Portrait.

Sebastian Goddemeier
Work Bitch. Candy Crash ist vor allem als Youtuberin und auf Instagram erfolgreich.
Work Bitch. Candy Crash ist vor allem als Youtuberin und auf Instagram erfolgreich.Foto: Mike Wolff

Eine Kleiderstange voller Kunstfelljacken steht vor der Wohnungstür im sechsten Stock. High Heels stapeln sich. Eine Drag Queen in pfirsichfarbener Perücke, Jogginghose und weitem Shirt öffnet die Tür. An der Wand hinter ihr steht in pinker Neonschrift „Work Bitch“. Willkommen in Candys Castle, gelegen in Prenzlauer Berg zwischen Schönhauser und Kastanienallee.

Candy Crash, die, nach ihrem Alter gefragt, nicht ganz sicher scheint, ist eine der Drag Queens in der neuen ProSieben-Castingshow „Queen of Drags“. Jeden Donnerstag treten die Teilnehmerinnen gegeneinander an und stellen sich der Jury, bestehend aus Heidi Klum, Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz und der einstigen Eurovision-Songcontest-Gewinnerin Conchita Wurst – „Germany’s next Topmodel“ in queer.

Candy Crash war skeptisch, bevor sie für das Format zusagte. „Ich hatte Angst, dass wir vorgeführt werden. Diese Angst wurde mir jedoch genommen. Das Team setzte sich mit uns und unserer queeren Geschichte auseinander“, erzählt sie und macht es sich auf dem Bett in ihrem „Youtube-Zimmer“ bequem.

Hier nimmt sie Schminkvideos auf, die sie auf Youtube mit 38 000 Abonnenten teilt. Im Hintergrund steht ein Make-up-Tisch, beladen mit Schminkpaletten und Pinseln.

Ein Monat "Queen of Drags"-Dreharbeiten in Los Angeles

Einen Monat verbrachte Candy Crash für die „Queen of Drags“-Dreharbeiten in Los Angeles. Mit den anderen neun Teilnehmerinnen wohnte sie in einer Villa in den Hollywood Hills. Nun ist sie zurück in Berlin und schaut sich die Episoden mit Freunden an. Berlin ist für Candy die Stadt, in der sie sich selbst finden konnte.

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Dank der Dragszene. „Die Szene ist unglaublich groß und hat eine wahnsinnige Spannweite: Wir haben Glam, wir haben Trash, wir haben Gender Bender. In Berlin ist alles erlaubt, es ist politisch und laut.“

Und genau darum geht es bei Drag: Hemmungen abzulegen und Spaß zu haben. Sich selbst zu finden, sich neu zu erfinden: so wie Candy Crash. Die Kunstfigur wurde vor fünf Jahren geboren. Im Südblock am Kotti, einem Café für queere Menschen. Dort sah Candy „RuPaul’s Drag Race“, die US-amerikanische Vorlage der deutschen Show – und traf Drag Queens vor Ort.

Candy Crash wuchs in Bruchsal auf

„Ich war total beeindruckt, wie die sich auslebten.“ Candy schminkte sich bereits vor ihrem Besuch im Südblock, war schon immer ein femininer Mann. Aber erst danach betrat sie zum ersten Mal in High Heels, Kleid und Make-up als Candy Crash eine Bühne. Als Mann möchte die Dragqueen nicht in der Öffentlichkeit stehen. Auf der Straße bekommt sie auch ohne Perücke und auffällige Kleider genug Aufmerksamkeit – was nicht immer gut ist. „Mir wurde es als Kind negativ ausgelegt, dass ich so feminin bin.“

Candy Crash, 27, Drag-Queen und Influencerin aus Berlin.
Candy Crash, 27, Drag-Queen und Influencerin aus Berlin.Foto: Mike Wolff

Sie wuchs in Bruchsal bei Karlsruhe auf. 40.000 Einwohner. Keine Drag Queens, keine schwulen Vorbilder. Stattdessen viele Menschen, die Candy sagten, dass etwas falsch mit ihr sei. Sie gestand sich weder ihre Identität als Drag noch als homosexueller Mann ein, wollte nicht sein, wer sie ist. „Ich wollte da einfach nur raus. Zum Studium bin ich dann nach Berlin gegangen.“

Hier angekommen hatte sie mit 24 Jahren ihr Coming-out, lackierte sich die Nägel und akzeptierte sich immer mehr als schwuler Mann. Bill Kaulitz, der sie nun im Fernsehen bewertet, sei mit seinem androgynen Stil ein Vorbild gewesen, erzählt sie. Nur eine Einschränkung gibt es: „Als Drag gehe ich nicht auf die Straße.“

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Denn auch in Berlin gebe es Probleme. „Ich wurde in der Bahn beleidigt, begrapscht, geschlagen und bespuckt. Berlin ist tolerant, aber es gibt genug Idioten, die dir nichts Gutes wollen.“ Candy Crash ließ sich trotz der Anfeindungen nicht unterkriegen, Youtube und Instagram wurden zu ihren Bühnen. Ihre Videos werden Zehntausende Male angeklickt, auf Instagram hat sie mittlerweile mehr als 30.000 Follower.

Candy macht jetzt auch Musik

Und jetzt macht sie auch Musik: Mit der Berliner Produzentin Jinka nahm Candy den Song „Little Too High“ auf, der am heutigen Donnerstag erscheint.

Ziemlich high ist es auch auf Candys Balkon im sechsten Stock mit Blick auf den Fernsehturm. Die Wohnung teilt sie sich mit ihrem Freund, klassischer Betriebswirtschaftler, eher konservativ als Szene. Aber er akzeptiert sie, wie sie ist. Als Mann im Tüllkleid, samt Nagellack, Make-up und High Heels. Indem Candy Crash sich selbst gefunden hat, fand sie auch die Liebe.

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