Die Vernichtung des Traums

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Frühe Homosexuellenbewegung : Berlins Coming-Out
Mahnmal am Nollendorfplatz in Form des Rosa Winkels mit der Inschrift: „Totgeschlagen. Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“
Mahnmal am Nollendorfplatz in Form des Rosa Winkels mit der Inschrift: „Totgeschlagen. Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern...Foto: Manfred Brueckels, CC BY-SA 3.0

Vor dem Schwulen Museum in der Lützowstraße steht ein Reisebus, fränkisches Kennzeichen, älteres Publikum. Gäste steigen aus dem Bus, „schau mal, schwules Museum“, sagt ein älterer Herr. Ein anderer stellt sich unter das Eingangsschild, lässt sich verschämt grinsend fotografieren. Das Wort „schwul“ ist noch immer gut für ein Kichern. Wieso eigentlich?

„Wir sollten uns von der Idee verabschieden, es gebe keine Homophobie mehr“, sagt Tobias Schwabe, der Führer durch Schöneberg. Die meisten Gäste seien respektvoll und interessiert, „nur wenige Male wurde es unangenehm." Vor allem dann, wenn jemand sich eine Paradiesvogel-Tour wünscht. Die Dragqueens, die Verkleider, die Traumtänzer. Damit man zu Hause von dem exotischen Ausflug erzählen kann.

Das ist die eine Seite. Für die andere, gefährlichere, reicht ein Blick auf das Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen im Tiergarten. Die Inschrift: „Mit diesem Denkmal will die Bundesrepublik Deutschland die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wachhalten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.“ Drei Monate nach Eröffnung wurde das Sichtfenster an der Skulptur eingeschlagen. Es wurde repariert. Vier Monate später wurde es wieder eingeschlagen. Noch mal repariert. Noch mal vier Monate später wurde es wiederum eingeschlagen.

Antischwule Gewalt ist noch immer ein Thema

Schwule Männer sind im Vergleich zur Durchschnittsgesellschaft 30 Prozent öfter Opfer von Beleidigung, 21 Prozent häufiger Opfer von Körperverletzung, 17 Prozent öfter von Nötigung und Bedrohung. In einer Broschüre vom Berliner Senat zu Gewalt gegen Lesben und Schwule wird mit einer Dunkelziffer von 800 homophoben Überfällen in Berlin pro Jahr gerechnet.

Heute sind 120 Jahre vergangen seit dem Tod des ersten Homosexuellenaktivisten Karl-Heinrich Ulrichs, 80 Jahre seit dem Tod des ersten Homosexuellenforschers Hirschfeld, 70 Jahre seit dem Tod des ersten Verlegers von Homosexuellenzeitschriften, Adolf Brand. Es ist 30 Jahre her, dass Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer Rede erstmals Homosexuelle als Opfergruppe des Nationalsozialismus benennt, sich im Namen der BRD entschuldigt. Erst vor 21 Jahren wurde Paragraf 175 ersatzlos gestrichen. Erst seit 14 Jahren existiert für gleichgeschlechtliche Paare die Möglichkeit, eine eingetragene Partnerschaft einzugehen.
Um jedes Zugeständnis muss gekämpft werden.

Neue Fragen für den Schwulenaktivismus

Jens Dobler vom Schwulen Museum mahnt: „Man kann sich nicht auf die Toleranz verlassen.“ Das sei die große Lehre aus den 20er Jahren. „Wir haben viel erreicht: Gleichstellungsgesetze, Antidiskriminierungsgesetze, die eingetragene Partnerschaft“ – aber das sei alles relativ. Es fehle an aktiver Aufklärungsarbeit, an den Schulen, in den Dörfern. Dobler ist 50 Jahre alt, er ist 1980 nach Berlin gezogen, als junger Journalist für das Schwulenmagazin „Magnus“ – wie Hirschfeld. „Damals bin ich auf die Straße gegangen, um zu kämpfen.“ Heute ist er ruhiger. „Es werden andere Themen wichtiger, auch in den Forderungen, die ich an die Politik habe.“ Lebensentwurf im Alter, Pflege, Absicherung. „Wenn man nicht verheiratet ist oder nicht eingetragen verpartnert, kann man seinen Partner nach einem Unfall im Zweifel nicht im Krankenhaus besuchen“. Die „Homo-Ehe“ habe schon viel verändert. Vor allem im ländlichen Raum hat sie Akzeptanz gebracht. „Dann kann der Nachbar sagen, die zwei da drüben sind so was wie verheiratet“, sagt Dobler. So müsse man nicht mal das Wort schwul in den Mund nehmen.

Studenten verwüsten das Institut für Sexualwissenschaft im Tiergarten
Studenten verwüsten das Institut für Sexualwissenschaft im TiergartenFoto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

„Totgeschlagen – totgeschwiegen“ steht auf dem Mahnmal für ermordete Schwule am Nollendorfplatz. Es ist einem „Rosa Winkel“ nachempfunden, dem Abzeichen, das homosexuelle Häftlinge in Konzentrationslagern tragen mussten. Tobias Schwabe steht vor der Skulptur und nickt. „Genau darum geht es“, sagt er. Um das Nicht-drüber-Sprechen. „Wir leben in Berlin unter einer Käseglocke – in einer schwulenfeindlichen Welt.“ Der respektvolle Umgang mit Homosexuellen sei nirgends verankert, das Erkämpfte müsse immer wieder neu erkämpft werden.

Homophobe Parteien und Meinungen haben Aufwind

Schwabe fürchtet, der Wind könnte sich in letzter Zeit wieder gedreht haben: Hunderttausende protestieren in Frankreich gegen die Homo-Ehe, homophobe Parteien haben Konjunktur. Prominente Publizisten veröffentlichen Artikel, in denen sie ihre Homophobie als gutes Recht verteidigen.

Berliner Regierungsviertel, 1929. Wilhelm Kahl, Vorsitzender des Strafrechtsausschusses des Reichstags, stimmt der Abschaffung des Paragrafen 175 zu: Er sei nicht durchsetzbar, begünstige Erpressung und verursache Suizide. Der Reichstagsausschuss beschließt die Abschaffung des Homosexuellenparagrafen. In Kürze würde die Streichung im Plenum beschlossen werden.

Das wird aber nie geschehen. Das Ende der Geschichte ist in Sicht.

Am Vormittag des 6. Mai 1933, zwei Monate nach dem Wahlsieg der NSDAP, steigen etwa 100 Sportstudenten der „Deutschen Studentenschaft“ auf Lkw. Sie haben Fahnen dabei und ein „Sieg Heil“ auf den Lippen. Ihr Ziel: In den Zelten 10. „Bei Magnus Hirschfeld wird ausgeräumt“ steht auf einem Plakat, in Sprechchören wird der „undeutsche Geist“ des Instituts gegeißelt. Mit einem Trompetensignal blasen sie zur Plünderung: Wichtige Werke der Sexualwissenschaft werden aus den Fenstern geworfen: Freud, Hirschfeld, Richard von Krafft-Ebing, rund 35 000 Fotografien.

Magnus Hirschfeld flieht

Vier Tage später wird der Bibliotheksbestand auf dem Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, verbrannt. Ein Student trägt eine auf einem Stock aufgespießte Hirschfeld-Büste.

Der hatte Deutschland schon drei Jahre zuvor verlassen: 1930 geht er nach Informationen, dass er verfolgt werden würde, auf Weltreise – und kommt nicht wieder. Am 14. Mai 1935, seinem 67. Geburtstag, stirbt Hirschfeld im Exil in Nizza.

1935 wird der Paragraf 175 verschärft – und bleibt in der härteren Form in der BRD im Einsatz bis 1969, komplett abgeschafft wird er erst 1994. Die DDR wird bereits 1950 die Verschärfung aufheben, ihn 1988 abschaffen. Insgesamt werden 140 000 Männer nach dem Paragrafen verurteilt. Erst 1969 entsteht eine neue Homosexuellenbewegung, diesmal in New York. Die Zeit, in der Berlin an der Spitze der Bewegung stand, endete mit dem „Sieg Heil“ der Sportstudenten.

Die Eigentümergesellschaft der Otto-Suhr-Allee 93 weigerte sich 1995, eine Gedenktafel für Hirschfeld an ihrer Hauswand anzubringen. Der Bezirk Charlottenburg platzierte eine Büste des Wissenschaftlers und Vordenkers Magnus Hirschfeld auf öffentlichem Boden direkt vor dem Haus. Seit einigen Jahren liegen an jedem 14. Mai Blumen vor der Skulptur.

Die ungewollte Gedenktafel hat übrigens auch noch ein Zuhause gefunden. Bei Jens Dobler, im Schwulen Museum.

Dieser Beitrag ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen.

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