"Ich hätte bloß nicken müssen und Kinski wäre tot"

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Kinski am Set von "Fitzcarraldo". Während der Dreharbeiten hätten ihn die Indianer beinahe getötet.
Kinski am Set von "Fitzcarraldo". Während der Dreharbeiten hätten ihn die Indianer beinahe getötet.Foto: imago

Es gibt Schriftsteller, die Sie für arrogant und größenwahnsinnig halten, weil Sie behaupten, es gebe keinen deutschsprachigen Autoren, der Ihnen das Wassser reichen könne.
Daran ist ganz und gar nichts Arrogantes. Ich finde in der deutschsprachigen Literatur nur einfach niemanden, der vergleichbar starke Prosa schreibt.

Klingt Größenwahn für Sie eigentlich nach Beleidigung oder nach Lob?
Das hängt davon ab, aus welchem Mund es kommt.

Für „Fitzcarraldo“ ließen Sie im peruanischen Regenwald einen 340 Tonnen schweren Flussdampfer ü vber einen Berg ziehen. Waren Sie dem Größenwahn da nahe?
Nein, gar nicht. Es war auch nie ein Selbstzweck, wie mir gerne unterstellt wird. Der Film machte dieses nie erprobte Unterfangen schlichtweg erforderlich.

Sie haben damit eines der größten ikonografischen Bilder der Filmgeschichte erschaffen.
Es ist ein archaisches, zutiefst menschliches Bild, das wahrscheinlich in den Träumen vieler von uns ruht. Ich habe es durch diesen Film lediglich benannt.

Bei den mühsamen Dreharbeiten von "Fitzcarraldo" 1982 im Regenwald von Peru kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen und zahlreichen Verletzten.
Bei den mühsamen Dreharbeiten von "Fitzcarraldo" 1982 im Regenwald von Peru kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen und...Foto: Alamy Stock Photo

Die Ureinwohner, mit denen Sie drehten, boten damals an, Ihren Hauptdarsteller Klaus Kinski zu töten, wenn er nicht aufhörte, am Set herumzuschreien.
Dieses Angebot war sehr ernst gemeint. Ich hätte bloß nicken müssen, dann wäre Kinski allenfalls in einem Sarg nach Deutschland zurückgekehrt. Das Interessante daran war, dass die Leute im Dschungel, unglaublich stille Menschen, eher dazu bereit waren, einen Mord zu begehen, als ständiges Geschrei zu ertragen. Ein Impuls, den sicher auch viele Menschen in der sogenannten zivilisierten Welt in sich tragen, wenn Sie irgendwo im Zug sitzen und jemand zu laut telefoniert. Da wird der Impuls allerdings nicht in die Tat umgesetzt.

Bei den Dreharbeiten zu „Aguirre, der Zorn Gottes“ sollen Sie Kinski mit einem Gewehr bedroht haben.
Man musste Kinski zähmen. Er wollte eines Tages das Set verlassen, weil er sich über das Essen ärgerte. Das konnte ich nicht durchgehen lassen. Ich habe ihm gedroht, aber das Gewehr war nicht geladen.

Sie und Kinski sind sich schon lange vor Ihrer legendären Zusammenarbeit begegnet. Als Sie mit Ihrer Familie zurück nach München zogen, wurde der damals 24-jährige Kinski Ihr Mitbewohner.
Es war eine Verkettung von Zufällen. Meine Mutter hatte kaum Geld und zog mit uns Kindern in eine einfache Pension. Weil wir nicht viel bezahlen konnten und die Besitzerin eine Schwäche für Künstler hatte, ließ sie Kinski bei uns wohnen. Ich war damals 13 und hörte jede Nacht, wie er in seiner Tobsucht gegen die Wände schlug. Einmal hat er sich zwei Tage lang im Badezimmer eingeschlossen und alles, was darin war, kurz und klein geschlagen.

Erzählen Sie Ihren Filmkollegen im schillernden Los Angeles manchmal von Ihrer Herkunft, von Kinski und den Alpen?
Aber ja, vor allem von Letzterem.

Sind die Leute dann überrascht, dass Sie aus einer ganz anderen Welt kommen?
Im Gegenteil. Sie verstehen dadurch besser, warum ich so anders bin als sie.

Wie sind Sie denn?
Einfacher. Zurückhaltender. Genügsamer wohl auch.

Woran zeigt sich das?
Ich will nicht so tun, als führe ich ein bescheidenes Leben. Auch ich habe ein schönes Haus in Kalifornien. Aber ich bin nicht so sehr auf Luxus angewiesen. Ich besitze nur einen Anzug, den ich seit mehr als 25 Jahren trage. Auch meine Schuhe sind seit fünf Jahren dieselben. Schauen Sie nur! (krempelt ein Hosenbein hoch) Sie fallen allmählich auseinander, ich werde mir also bald neue kaufen müssen. Ein anstrengender Gedanke. Ich empfinde es als Last, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Ich habe nicht mal ein Handy.